Meine erste Formal Hall

von macchiato

Vorher ein Empfang des Präsidenten in der Lee Hall mit Wolfson College- Würdenträgern und Alumni, viele in feierlichen gowns, unter denen aber auch legere Cordhosen hervorlugen dürfen. Willkommen und wechselseitiges Kennenlernen der z.Z. ca. 60 Visiting Members aus zwei Dutzend Staaten aller Kontinente, vom Phönizier-Fachmann Fred aus Bern bis zur Kolonialhistorikerin Samina aus Pakistan. 

Der Namenstag des Hl. Georg ist hier noch eine alljährliche St.George’s Day Formal Hall wert. Je ein Gongschlag eröffnet und beendet das Dinner. Man setzt sich erst nach dem Benedictus benedicat des College-Präsidenten. Man hört Frühlingslieder von den Wolfson Chamber Singers. Ich übe mich in small talk, z.B. über Wales, wo unser Präsidentenhistoriker Richard J. Evans herkommt, weniger small über Gedenkstättenbesuche mit Kindern.

Zur Linken des Präsidenten sitzt an diesem Abend die irischstämmige Neuseeländerin Sinead Boucher, Digital Editor einer der beiden großen neuseeländischen Pressimperien. Ihr Thema hier: Community collaboration and open journalism on digital platforms. Sie hat auch ihren Ehemann und zwei Kinder hier; sie haben für hin und wieder einen Babysitter und bis zum Sommer eine Schule gefunden.

Ein weltumrundender Press Fellow ist Christopher Armenteros, ein quirliger Kanadier aus Quatar, wo er für die englischsprachige Nachrichtenredaktion von Al-Jazeera arbeitet und sich besonders mit Lateinamerika beschäftigt. Hier betreibt er Research on media outlets that follow financial stories related to the drug war in Mexico.

Das Hauptgericht dieser Formal Hall heißt Boiled Silverside with Horseradish Dumplings. Dazu bekomme ich erstmals seit zu Hause endlich wieder Rotwein!

A nice cup of tea in the Combination Room steht als nächstes auf dem ProgrammDabei komme ich mit jemandem ins Gespräch, der aussieht wie ein jüngerer Bruder von Francois Hollande, der am vergangenen ersten Präsidentschaftswahlsonntag in Frankreich knapp vor dem Amtsinhaber Nicholas Sarkozy lag. Thomas ist aber Philosoph aus New York, hat einen italienischen Nachnamen – und outet sich als Großneffe von Padre Pio…

Nach dem Tee wird man eingeladen, noch einmal im Speisesaal Platz zu nehmen, aber in anderer, zufälliger Sitzordnung – der Zweck solcher Dinner ist ja schließlich Leute kennenlernen. Erheiternder Austausch von Italien-Anekdoten mit dem Padre Pio-Philosophen und einem Sir Michael Oliver vom Lloyds-Versicherungsimperium mit seiner Juweliershandelsgattin…

Zum Dessert reichen wir einander Portwein weiter, und zwar -man lernt nie aus- anders als den gleichzeitig kursierenden Muskateller nie ans Gegenüber, sondern ausschließlich im Uhrzeigersinn, also immer zuerst entlang der einen, dann entlang der ganzen anderen Länge der Tafel.

Abschließend geben die KammersängerInnen noch ein paar weitere neckische englische Lieder aus dem 19.Jahrhundert zum Besten. Kann sein, dass noch einige Visitenkarten ihre Besitzer wechseln. Draußen an der Portierloge werden bereits die Reservierungen und Diätwünsche für die nächsten Formal Halls entgegengenommen. Regelmäßig dienstags und freitags läuft dieses Ritual ab. Vormerkungen sind nur bis 12:00 Uhr mittags möglich. Ist schon ein eigenes Völkchen hier, bzw. sehr viele eigene Völkchen und Individuen. Ihre gemeinsame Zugehörigkeit zum gleichen  „Club“ wird gestärkt und stabilisiert durch ein paar Verhaltensregeln und lnsider-Rituale, welche bald als angenehme und nützliche Tradition empfunden und ausnahmslos gern befolgt zu werden scheinen.  

Advertisements