Unsere beiden Faschismen, unvergleichlich?

von macchiato

Deutsche, auch jene, die ihre jüngere Geschichte aus seriösen Quellen kennen und ihr in die Augen schauen statt sie zu verdrängen (könnte das in der BRD zur Zeit sogar die Mehrheit sein?) vergleichen den Nationalsozialismus ungern mit dem italienischen Faschismus, obwohl ihn genau der inspiriert hat wie nichts anderes in Europa. Sie wollen sich verständlicherweise ungern vorwerfen lassen, das Unvergleichliche am Holocaust durch Vergleiche irgendwie zu relativieren.

Was die Italiener betrifft, so scheint mir, dass die meisten in ihrer Selbstwahrnehmung und -darstellung schon gar nicht auf die Idee kommen, die eigene „Rosenwasser-Diktatur“, wie sie sie gern nennen, mit dem Nationalsozialismus und seinen Schandtaten zu vergleichen. Man hegt und pflegt mehrheitlich weiterhin sehr gern das „nach-kriegerische“ Selbstverständnis als „Italiani brava gente“: von Natur aus völlig unbegabt zu organisierter Grausamkeit einer bestimmten Größenordnung – es sei denn als Opfer.

In Österreich sieht man sich natürlich auch gern und geschickt als das arme kleine Opfer des germanisierenden Größenwahnsinnigen, der nur zufällig aus Österreich kam…

UND WIR SIND AM UNVERGLEICHLICHSTEN…

Und wir im noch viel kleineren Südtirol haben sogar eine doppelte Opferrolle kultiviert und bis heute bewahrt. Darauf berufen wir uns heute, und profitieren geschickt davon. Feiern tun wir das kaum, am 25.April, dem italienischen Staatsfeiertag zur Befreiung vom „nazifascismo“. In Südtirol versteht man unter „Faschismus“ sowohl auf deutsch als auch auf italienisch und ladinisch normalerweise ein ausschließlich italienisches Phänomen.

Grob vereinfacht, nimmt der größte Teil der italienischen Muttersprachler in Südtirol (deren Migrationshintergrund auf den Faschismus zurückgeht), den Faschismus als ein historisch notwendiges Bollwerk italienischer Selbstbehauptung gegen eine ewig drohende Germanisierung wahr. Die Falotten sind eben immer die anderen.

Demgegenüber sehen „Deutschsüdtiroler Patrioten“ den Faschismus zwar auch als rein italienisches Phänomen an, aber als ein „antideutsches“, womit sie „antitirolerisch“ meinen: der italienische Faschismus als größter Feind jahrhundertealter Tiroler Einheit und Eigenständigkeit. Faschist und Falott ist immer der andere.

Der Nationalsozialismus wiederum wird hier wohl noch mehr als anderswo in Europa als eine rein deutsche Sache angesehen. Wie frappierend allerdings gerade hier die „deutsche Sache“ (jene der deutlichen Tiroler Bevölkerungsmehrheit dieser Provinz) von Hitler mit Mussolini verraten wurde, das hat sich meiner Meinung nach wiederum in allen drei Sprachgruppen Südtirols noch immer nicht so allgemein herumgesprochen, wie es für unsere politische Bildung und Zukunft ratsam wäre.

Die Faschisten und die Falotten sind immer die anderen – überall, kommt mir vor, nicht nur im deutschen und italienischen Kulturraum.

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