Theater und Politik

von macchiato

Komme gerade vom Pub, hatte unbedingt mal einen „freien“ Nachmittag auswärts nötig, nachdem ich bisher Tag und Nacht bei strömendem Regen mit rauchendem Kopf in meinem College-Zimmer am Computer saß – und dafür gar einige Mahlzeiten sausen ließ, obwohl mir die dortige zwanglos mögliche Begegnung mit den verschiedensten Arten von Intelligenz, Humor, Exzentrizität und „Exotik“ bisher ausgezeichnet passt. Beim gestrigen Lunch saß mir z.B. eine Koryphäe  zu zwei Themen gegenüber, die letztlich ganz gut zusammenpassen: Parlament und Theater; kurz vorher hatte ich mich beim Live-Stream einer heiklen Fragestunde mit Premierminister Cameron und Oppositionsführer Milliband überzeugen können, dass Westminster, die Mutter aller Parlamente, nach wie vor an Würze und Kürze, aber auch an Informations- und Unterhaltungswert kaum zu überbieten ist.

Für heute hatte ich mir schon vor Monaten ein Ticket für eine Theater-Matinée besorgt, an der mir lag: „Yes, Prime Minister“, die superaktualisierte Bühnenfassung eines ab den 80er Jahren populären satirischen Fernseh-Blicks hinter die Kulissen der britischen Regierungsmaschinerie. Ebenso unterhaltsam wie erhellend: Da kommen und gehen ganze Generationen von Ministern (um einiges schneller als in Italien); aber es sind letztlich die hohen Beamten und seit Jahren zunehmend auch die SPADS, die persönlichen Medien- und Sonderberater, die alles Entscheidende vorbereiten (oder hintertreiben), die viel länger, unauffälliger und eleganter ihren überlegenen Sachverstand, ihre Interessenkonflikte und ihre Hinterfotzigkeit ausspielen können, gegebenfalls auch gegen den Politiker, der ihnen vorgesetzt, aber auch ausgeliefert ist. Da hat sich in England vor allem mit den Regierungen Thatcher und Blair einiges in Richtung Machtkonzentration, Interessenkonflikt und „Polit-Marketing“ verschoben, was sich dann auch auf dem Kontinent bis zu uns hin sehr verstärkt hat. Trotzdem (oder gerade deshalb?) ist das Ansehen der Berufspolitiker und der Parteien selbst hier im Mutterland der parlamentarischen Demokratie in letzter Zeit rapide gesunken – aber zu Recht nicht annähernd so radikal wie bei uns im Mutterland des Fachismus…

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