Wiener Abstecher

von macchiato

Soeben von einem kurzen Abstecher ins zur Zeit wunderbar sonnenstrahlende und ungewöhnlich heiße Wien (29 Grad) in die kühle englische Nässe und rasante Londoner rush hour (ist ja kein Feiertag hier) zurückgekehrt.

Was für -nicht nur metereologische- Gegensätze in wenigen Stunden! Gestern nachmittag, also zufällig ausgerechnet am gleichen 30.April, an dem sich Adolf Hitler im Bunker in Berlin das Leben nahm, habe ich eine Führung zu Hitler in Wien, wo alles angefangen hat, mitgemacht: ausgehend von der Akademie für Bildende Künste, wo man ihn leider, leider nicht wollte, über den Heldenplatz, wo man ihn später leider, leider viel massenhafter wollte als man das bis heute zugeben will, bis zu den Gassen, wo leider leider die Guido-von-List-Gesellschaft und andere auf uns heute verstiegen bis total wahnsinnig wirkende „Welterklärungsversuche“ prägende Wirkung auf junge frustrierte Arbeitsscheue wie diesen A.H. hatten.

Das ist angeblich die einzige öffentlich angebotene Führung zum Thema „braun“, ganz anders als in Berlin, wo man sich der deutschen Vergangenheit aller Schattierungen seit Jahren mit immer offenerem Visier stellt; eines allerdings eint die beiden Städte in diesem Zusammenhang dann doch wieder: beide stellen bewusst und m.E. verständlicherweise, keine Hinweisschilder auf da, wo Hitler gewohnt hat bzw. wo er sich erschossen hat, wo der Bunker stand usw.: aber die FührerInnen, oder müssen wir sagen. die StadtbilderklärerInnen, die wissen natürlich wo…

Das Vorhaben, den Karl-Lueger-Ring, benannt nach einem der größten Vorreiter des Antisemitismus, endlich doch umzubenennen (in Universitätsring), wird übrigens heute in der konservativen Zeitung „Die Presse“ überrascht, aber freudig begrüßt.

Abends zweimal nostalgisch-alternativer genius loci revisited: Vorgestern abend im Radio-Kulturcafé Willi Retsetaris, der frühere Ostbahn-Kurti, im Nostalgie-Talk mit alten Musikfreunden in der Live-Sendung von ORF Radio Wien „Trost und Rat“.

Gestern hingegen im Kabarett Niedermair I Stangl und seine „Ungustl-Vermutung“: ein Programm, bei dem man viel lachen kann; aber es ist dieses Lachen, das einem ein bisschen im Halse stecken bleibt, weil da ein Populismus und Primitivismus und ein Personenkult frontal aufs Korn genommen werden, die sich offensichtlich einiges abgeschaut haben von Nazi- und ähnlichen Fanatikern, und die trotzdem, oder wohl genau deswegen, schon wieder ziemlich viele Leute anzuziehen scheinen, zumal junge bildungs- und auch sonst unsichere Globalisierungs- und sonstige Verlierer dieser Wirtschafts- und Orientierungskrisenzeiten.

Laut Meinungsumfragen hätte der Obmann der Freiheitlichen H.C. Strache momentan sogar Chancen, Bundeskanzler zu werden. Jörg Haider war zwar wirklich auch nicht „my cup of tea“, aber verglichen mit dem schneidenden Ton und der Hetze, die dieser HC-Hatze hier verabreicht, legte der Kärtner nicht nur Bildung an den Tag, sondern auch einen dann doch ein wenig relativierenden Mutterwitz…

Neben dem „Niedermair“ ging ich ins Alt-Wiener „Café Eiles“, wo schon Stefan Zweig u.v.a. geschätzte Geister bei Milchrahmstrudel und Melange den Lauf der „Welt von gestern“ diagnostizierten.

Und dann, nach diesem „blaunen“ Wien (Originalton I Stangl), heute vormittag vor dem kirchen-ähnlich imposanten Rathaus auch noch ein Hauch von „rotem Wien“, von der 1.Mai-Feier dort; sicher längst nicht mehr so populär wie in alten Zeiten, aber wohl immer noch eine der traditionsreichsten und größten 1.Mai-Feiern, die es heute weltweit noch gibt. Nichts Umstürzlerisches natürlich, nicht einmal richtig Wütendes mehr kommt da seit Bruno Kreiskys Jahren von den Kräften, die Wien -abgesehen von den Nazi-Jahren seit den Zwanziger Jahren beherrschen, sondern der 1.Mai ist eine Art sozialdemokratische Weihnachtsfeier geworden, so liest man in Armin Thurnhers Szene-Wochenzeitung „Der Falter“, ein Traditionstermin, zu dem die Treueren von der Gewerkschafts- und Parteibasis einmal im Jahr doch mal wieder ganz gern zusammentrotten, sich selbst vergewissern und selbst auf die Schulter klopfen, um sich und die Bevölkerung an all die milden sozialen Gaben der großmächtigen Wiener Stadtverwaltung zu erinnern, z.B. daran, dass jede vierte Wohnung hier der Stadtgemeinde gehört – und von dieser günstig vermietet wird, z.B. im imposanten Karl-Marx-Komplex, an dem wir gestern vorbeigefahren sind, nach einer traumhaften Wanderung vom Kahlenberg herunter. Wo gibt’s das alles sonst noch in dieser Mischung, und in dieser bei diesem „Kaiserwetter“ nicht nur scheinbaren Gemütlichkeit?

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