Cambridge Union Society: Vergnügliche Redekünste

von macchiato

Da wollte ich schon immer mal hineinhören: Ich durfte  gestern abend in one of the world’s most successful debating societies, so steht es in The Termcard Easter MMXII. Es hat erst im dritten Anlauf geklappt, dass mich der Präsident der Cambridge Union Society, gegründet 1815, auch als Nichtmitglied ausnahmsweise einmal hineinließ in die „Emergency Debate: This House Believes guys have it too easy„. Zu diesem Thema wurde in aller Kürze und Würze in einer halben Stunde so argumentiert, dass die Lachmuskeln im Publikum zu tun hatten. Gewonnen hat nicht die obige proposition, dass es Männer leichter haben als Frauen, sondern, wie denn nicht, die Gegenthese, die opposition. 

Bei der Emergency Debate bekommen die Vertreter des Ja und des Nein, heute je zwei, ihr Thema erst 48 Stunden vorher mitgeteilt, klärte mich mein Nebenmann auf, und das Publikum überhaupt erst Minuten vor Debattenbeginn; jedes Mitglied darf wann immer etwas beisteuern (point of information). Die Reden sind allerhöchstens 5 Minuten lang, voll von Wort- und anderem Witz bzw. Paradoxa, Provokation und Nonsense. Alles mutet hochklassisch britisch an.

Die Debating Chamber, über der der CUS-Präsident und seine beiden Beisitzenden, alles Studierende thronen, erinnert im Kleinen ein bisschen ans gute alte Unterhaus in Westminster. Die Hauptdebatte war heute eine Footlights Comedy Debatte, also von studentischen Comedians bestritten, in diesem Fall gegen Dozenten, denn es ging um das Thema, ob letztere Nichtskönner sind, wörtlich: „This House Believes that those who can’t do, teach“ …

Klar, wer gewonnen hat. Das wird übrigens, wieder wie im ältesten Parlament der Welt, von den hinausströmenden members bestimmt: wer mit den Vertreter der proposition einverstanden ist, geht den Yea – Ausgang hinaus, wer hingegen die Sprecher der opposition mehr goutiert hat, verlässt die Kammer durch den Noa-Ausgang.

Das Zuhören hier ist mir ein sehr originelles intellektuelles Vergnügen: erstens wegen der meist humorvollen Darbietung,, zweitens um der geschliffenen Sprache willen, drittens wegen der originellen Gedankenverbindungen.

Draußen erinnert ein Plakat an den Auftritt von Theodore Roosevelt hier. Viele später Prominente haben sich in der Cambridge Union Society in der Art of Debating vervollkommnet. Gern werden auch ehemalige und jetzt weniger prominente als vielmehr umstrittene Menschen als Gastredner eingeladen. Die Kunst zu provozieren gehört eben in dieser Club-Athmosphäre zur Pflege der Redekunst, wie sie seit bald 200 Jahren hier eingeübt wird.

So gab es hier vor der Tür vor wenigen Wochen eine noch immer nicht ganz abgeebbte Protestwelle gegen die -allerdings schon lange geplante- CUS-Einladung an den früheren Chef des Weltwährungsfonds Dominique Strauss-Kahn, in diesem Saal zum Thema Weltwirtschaftskrise zu sprechen. Er wäre  wahrscheinlich am kommenden Sonntag zum französischen Staatspräsidenten gewählt worden, wenn, ja wenn er nicht unter dem Verdacht mehrfacher Gewaltanwendung gegen Frauen vor Gericht gemusst hätte. 

Sic transit.., so wurde ja auch der Untergang Gaddafis von Silvio Berlusconi kommentiert, bevor auch dieser in Rom einem Wirtschaftsprofessor Platz machen musste. Dieser Mario Monti wiederum hat die pragmatisch-trockene Ausdrucksweise der englischsprachig geprägten Weltelite intus – und wird auch deshalb hier sehr geschätzt.

Das liegt unter anderem daran, dass Monti jenen humorvollen, selbstironischen Ton beherrscht, in dem ein Teil des globalen Führungsnachwuchses gerade in dieser Cambridge Union Society öffentlich kompetent zu kommunizieren lernt wie vielleicht sonst nirgends sonst auf der Welt, mit Ausnahme der Oxford Union; aber die liegt ja in the other place…

Wenn einem dieser Ton passt, und man ihm folgen kann, aber auch den Regeln folgen mag, dann fühlt man sich  in der Debating Chamber der Cambridge Union Society sehr wohl – auch als einer von nur einem halben Dutzend Grauhaarigen unter rund 200  Studierenden.

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