Warum britische Historiker lesen?

von macchiato

Erstens weil sie nicht nur die Geschichte einer eigenen (seligen?) kleinen Insel, sondern auch die des größten Imperiums aller Zeiten intus haben, und damit einen Horizont und eine Distanz zu ihrem Untersuchungsgegenstand, den andere so nicht haben.

Zweitens weil sie in der heutigen lingua franca und damit mit dem Horizont konkurrenzloser Reichweite und Breitenwirkung schreiben können.

Ja, und ihr Schreiben-Können, ihre Art, Kompliziertes angenehm verständlich zu machen, das ist der dritte Vorzug, den ich englischsprachigen Historikern öfter abgewinnen kann als anderen.

Zu dieser ihrer readability gehört wohl auch etwas, was Ved Mehta so ausdrückt: the highly individual and belligerent nature of English scholars . Nun, dass Gelehrte hierzulande geradezu „kriegerisch“ aufeinander losgingen, das wäre mir noch nie aufgefallen. Na ja, wenigstens spannender als wenn es kriecherisch wäre,  das Gelehrtentum dieser hoffentlich nur mehr theoretischen war-like nation

Untermauerungen für die Bevorzugung englischer Historiker (zumal zu Zeitgeschichte und Faschismen) finde ich derzeit unter anderen in folgenden zwei Büchern:

Da ist einmal What is History? von E.H. Carr, einem hochgebildeten (Außen-)ministerialbeamten, der selbst nicht einmal Geschichte studiert hat, aber dann mit diesem ebenso brillant wie gebildet provozierenden Bändchen die besagte Streitfreudigkeit der Historikerzunft fruchtbar und nachhaltig befeuert hat wie kaum ein anderer. Englische Historiker unterschiedlichster Couleur können nicht umhin, dieses Bändchen immer noch als klassische Pflichtlektüre zu empfehlen (und seine Auflage auf Hunderttausende hochzutreiben). Im deutschen und italienischsprachigen Raum ist E.H. Carr’s What is History? naturgemäß weniger verbreitet, aber immerhin  erschienen, schon vor Jahren bei Kohlhammer bzw. Einaudi. Lesenswert wäre sicher auch Jonathan Haslam’s Biographie von E.H.Carr unter dem vielsagenden Titel  The vices of integrityaber ich bin nicht sicher, ob ich auch dazu noch kommen werde.

Der andere, aktuellere Autor, den ich zum Thema englische Historiker mindestens so ausgiebig zitieren würde wie E.H.Carr, ist Richard J. Evans: Einerseits sein Vorwort zur Wiederauflage des obgenannten Klassikers und zur kritischen Beleuchtung der dort aufgeworfenen Grundfragen im 21.Jahrhundert; andererseits sein jüngstes Buch Cosmopolitan Islanders. Damit meint er jene seiner britischen Berufskollegen, die statt über die eigene Insel lieber über die Geschichte anderer Länder schreiben. Diese sind hier unter den Insulanern viel zahlreicher, und wirkungsmächtiger, als unter den Kontinenteuropäern; umgekehrt befassen sich letztere vergleichsweise wenig, und wenig wirkungsvoll, mit der Geschichte des ehemals größten Königreichs aller Zeiten.

Das alles erscheint mir auch insofern als passende Annäherung an mein Thema, als Richard J. Evans neben vielem anderen die jüngste, auch auf deutsch viel beachtete Trilogie über das Dritte Reich geschrieben hat. Und dann ist er ja auch noch Herr und Meister dieses Wolfson College hier geworden… 

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