Leckerbissen für Journalisten

von macchiato

* regarding the powerful, always be an outsider, an intruder, not an insider 

* go for transparency, open all the doors

* shun the settled view, challenge all sort of orthodoxies

* be subversive against the growing orthodoxies of intolerance 

Zwei Leckerbissen fast zur selben Stunde an unterschiedlichen Orten. Journalisten kennen das, radeln schnell vom einen zum anderen – um sich kindisch-diebisch zu freuen, wenn das sonst niemandem gelungen ist. Ich konnte ich mir zwei  solcher Leckerbissen gönnen, einen an der Law Faculty, den anderen in der Cambridge Union Society. Der Gegensatz zwischen den beiden Journalisten, die da ans Rednerpult schritten, zwischen ihrem Lebenslauf, ihren Medien und ihrer Berufsauffassung war stark und reizvoll.

Einerseits John Fisher Burns von der New York Times, einer der angesehensten, krisenerfahrensten, dienstältesten Auslandskorrespondenten weltweit. Einer der wenigen  Journalisten, die den Pulitzerpreis gleich zweimal gewonnen haben.  Ein Engländer, der jetzt das Londoner Büro seiner Zeitung leitet, „derzeit das produktivste von allen“, sagt er.  Was er vorgestern in seiner Ashby Lecture für sein Clare Hall College, neben dem er jetzt wieder in Cambridge wohnt,  geboten hat, war erste Sahne punkto Welterfahrenheit und Qualitätsjournalismus , mit Anekdoten gespickt: Russland, China, Afghanistan, Irak, Syrien, Rhodesien, Südafrika, Rwanda usw., überall.

John Fisher Burns ist seit 38 Jahren fast allgegenwärtig, besonders wo es brennt, mehrmals gerade so lange, bis man ihn verhaftet oder des Landes verwiesen hat. Er hat in der gleichen chinesischen Gefängniszelle gesessen (übrigens auch den gleichen New Yorker Krebsarzt konsultiert) wie sein sehr guter Freund und Asienkorrespondentenkollege, dem er gestern seine Reverenz erwies:

Der verstorbene, legendäre Tiziano Terzani, der habe „mehr Charme in seiner Fingerspitze gehabt als andere im ganzen Körper“. Dieser gebürtige Toskaner war bekanntlich früher mal Olivetti-Manager, dann lange Jahre legendärer China- und Asienkorrespondent sowohl von Der Spiegel als auch des Corrriere della Sera, und zog sich schließlich wiederum lange an den Fuß des Himalaya zurück, schriftstellernd wie seine deutsche Frau. Andere Zeiten, andere Charaktere.

Ich radle schnell auf die andere Seite des river cam – und des Journalismus.  Der Studentendebattierclub CUS Neville Thurlbeck eingeladen, den ob seiner scoop-Trächtigkeit mehrfach ausgezeichneten vormaligen Nachrichtenchef und Chefreporter der News of the World. Damit wir uns verstehen: Verglichen mit diesem Sonntagsblatt sind Bild und Bild am Sonntag von akademischem Niveau. Aber die News of the World hatte zeitweise mehr als 6 Mio. Auflage und war lange Zeit unangefochten die meistverkaufte englischsprachige Zeitung der Welt.

Kürzlich wurde sie jedoch von ihrem Tycoon Rupert Murdoch einfach abgemurkst (und bald darauf durch eine zahmere Sun on Sunday ersetzt). Sie hatte auf ihrer Jagd nach Sensationen übertrieben, mit illegalen Telefonabhörungen und anderen Vergehen gegen britische Privacy- und Datenschutzgesetze. Murdoch kam damit, ich glaube erstmals,  in ernsthafte gerichtliche und geschäftliche Schwierigkeiten. 

Für die Schließung war natürlich das Geschäftliche entscheidender als das Image. Die Auflage war stetig gesunken, auf „nur“ mehr 2,7 Millionen, und die besonders einschneidenden Verluste an weiblicher und erst recht an junger Leserschaft ließen dieses skandalösesten aller Skandalblätter seine Zukunftsperspektiven verlieren. Neville Thurlbecks These: Speziell auf einem so umkämpften Zeitungs- und Medienmarkt wie dem englischen schafft man als Printmedium entweder sehr bald die Kurve zu einem wirklich attraktiven Online-Auftritt à la Daily Mail (z.Z. vor allem für Tablet- Anwendungen, für die die Leute früher oder später zu bezahlen gewillt sind) oder man ist in spätestens 10-15 Jahren mausetot. Das sagt Thurlbeck praktisch der ganzen Printzeitungsbranche voraus. Die entsprechenden Prognosen häufen sich ja auch in Kontinentaleuropa. 

Pikant finde ich vor allem die wundersame Wandlung dieses allsonntäglichen sex & crime stories-Erfinders zum Sonntagsprediger im Büßergewande, der jetzt nach einer Überdosis Kreide-Fressen der Branche erzählt, um wieviel besser (als er und seinesgleichen es bisher getan haben) sie sich ab sofort benehmen müsse, wenn sie noch Chancen haben wolle auf ein Leben nach dem Tod (seines Blattes und bald aller Printorgane)… 

Pikant der Gegensatz zum guten alten John Fisher Burns von der New York Times. Der hat nämlich die umgekehrten Ratschläge für nachwachsende Journalisten parat. Er sagt ihnen praktisch: Werdet immer professioneller, aber bleibt gleichzeitig auch immer rebellisch – sonst lebt ihr nicht mehr als Journalisten. In diesem Sinne formulierte er seine drei-vier hier eingangs auf Englisch zitierten Hauptbotschaften.

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