Kribes Krabes ODER A Nice Cup of Tea

von macchiato

Was war denn das für ein Event, dass es heute keinen Samstags-brunch gab, aber viele fremde Gesichter und besonders festliche gowns? Graduation, antwortet mir das schwarze Paar im schwarzen Talar. Denächst kehren sie als Masters in Criminology nach Trinidad zurück.

Ich bin vom Europapokalfinale zurückgekehrt. Habe es mit einem Auge (mit dem anderen die Cambridge News durchblätternd) im nahen Pub „The Red Bullgesehen habe, neben englischen Bayern München-Fans übrigens, die nichts für Chelsea übrig haben…

Nach einem schönen Lunchtime Concert von Patrick Hemmerlè (Frank Martin und Chopin) hatte ich die Ehre, einer klassischen englischen Einladung zum Nachmittags-Tee folgen zu dürfen, und zwar zu Hause bei Victor Whittaker und seiner Frau Margareth hier in der Nähe. Sie hat Medizin studiert und Fachbücher übersetzt. Er hat lange Jahre die Neurochemie-Abteilung am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie geleitet. Davon verstehe ich überhaupt nichts. Aber wir verstehen uns sehr gut, und der Nachmittag war sehr angenehm.

Er entstammt dem Jahrgang 1919, und ist einer jener Senior Fellows, die auf der Grundlage einer breit gefächerten humanistischen Bildung ungebrochen neugierige Beweglichkeit und Scharfsinn ausstrahlen, und ein souveränes Understatement (I’m a Jack of all trades and a master of none„).

Was das heutige Europa betrifft,  so stellen wir viele gemeinsame Probleme fest: die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, der Schuldenberg der öffentlichen Hand, die Verluderung von Politik & Medien; die Depressionen im Gesundheits- und im Bildungswesen, vor allem jedoch die mangelnde Produktivität, Kreativität und Begeisterungsfähigkeit (für mehr als nur für sich selbst & co., für die schnellste Karriere, das billigste Schnäppchen, den größten Rausch).

All das ist in England nicht viel anders als auf dem Kontinent. 

Aber wir stellen auch Meinungsverschiedenheiten punkto Europa zwischen uns fest: Victor ist nicht der erste meiner englischen Gesprächspartner, denen es gar nicht zusagt, dass ihre Justiz und Politik, genauso wie die aller übrigen Mitglieder des Europarats, die den  Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg anerkannt haben, den Urteilssprüchen der dortigen Richter, egal welcher Nationalität, unterworfen sind, beispielsweise zum Thema Asylrecht.

Dass ein Land, das nie eine geschriebene Verfassung gebraucht hat, um lange das ausgedehnteste Imperium der Weltgeschichte zu verwalten, nichts dafür übrig hat, sich Regelwerken und Rechtsprechungen zu unterwerfen, die von vielen anderen mitbestimmt werden, das ist zunächst einmal leicht nachzuvollziehen.

Ich habe auch einiges dafür übrig, dass Victor und andere Englischsprachige uns Kontinentaleuropäern zu bedenken geben: Es ist ungesund, wenn wir immer nur Rechte betonen und Ansprüche kodifizieren, und demgegenüber die Verantwortung des Einzelnen unterbewerten.

Aber auch als Anglophiler, vor allem aber als Europäer, der jedem Nationalismus abhold ist und nur grenzüberschreitend denken kann, bin und bleibe ich schwer enttäuscht vom opting out  Großbritanniens aus der Charta der Rechte aller EU-Bürger. Gerade diesem Land, in dem Freiheit früher und nachhaltiger gedacht und verteidigt worden ist als anderswo, wäre es meiner Meinung nach sehr gut angestanden, das Kostbare an diesem Kompromiss zu erkennen und zu verteidigen, an diesem Minimalkonsens auf den ersten überstaatlichen Rechtekanon der Geschichte, auf den sich 27 Staaten einigen haben können.

Mir erscheint das sich über 60 Jahre lang völkerverbindend bewährende europäische Friedens- und Integrationsprojekt nach wie vor als historisch einmalig, verdienstvoll und kostbar.

Meine Gastgeber legen eine besondere Kenntnis und Sympathie sowohl gegenüber dem deutschen als auch dem italienischen Raum an den Tag. Im Zusammenhang mit dem Thema dieser Tage, der Euro-Krise, äußert Victor Hochachtung dafür, wie Deutschland heute dasteht, und wie gut es sich überhaupt seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat.

Schmunzelnd fügt er hinzu:„Almost the best thing that can happen to a country is to be defeated by a generous victor.“ 

Victor dixit. Nomen est omen.

Advertisements