Cambridge, Italia

von macchiato

Gerade bin ich von der Chorprobe zurück. Jetzt nur mehr diese Tagebucheintragung statt weitere Vertiefung in die Leveson Enquiry unter dem gleichnamigen Richter zum Verhältnis Politik-Medien- Ethik in Großbritannien; dazu sollen ich morgen abend im Seminar aus kontinentaleuropäischer Sicht etwas zum Besten geben, außerdem noch zwei Stimmen von zwei anderen Kontinenten: eine aus Neuseeland und eine aus Quatar.

Seit Mittag habe ich einem altem Schulfreund, der nur zwei Tage hier ist, das eine oder andere an Cambridge zeigen können. Netterweise hat uns Francesco A., stark im Trentino wurzelnd, aber schon sehr britisch wirkend, durch sein Pembroke College geführt, das drittälteste in Cambridge; mit dabei auch der aus Mailänd stammende Biochemiker Paolo vom Wolfson College. Wir haben in der dortigen schönen und auch hellen Hall (Speisesaal) -unter italienischer Führung, so wie auch an meinem College-  gegessen, und dann im gemütlichen Combination Room gesessen. 

Zwei Italiener von vielen, hier und an anderen Weltklasse-Universitäten und -Arbeitsplätzen. Wenn man sie da von ihrer Arbeit, ihrem College, ihrem Institut erzählen hört, bei Bedarf natürlich in sehr gutem Englisch (wie ich es z.B. von keinem italienischen Außenminister jemals gehört habe), dann denkt man: Ob sie  jemals in ihre italienischen Heimatprovinzen, an denen sie wohl weiter hängen, zurückkehren werden? Oder auch nur wollen? 

Kein Wunder, aber jammerschade, dass immer mehr solcher hochqualifizierte junge Köpfe gerade aus den Mittelmeerländern nicht nur vorübergehend ins Ausland gehen, sondern dort bleiben, wo sie die Erfahrung machen: was hier zählt, sind nicht einfach Beziehungen, Beziehungen, Beziehungen; sondern hier haben Forschung und Lehre einen hohen Stellenwert, Sachverstand und Findigkeit, Innovation und Integrität, Einsatz und Begabung, Kritikfähigkeit und Kreativität; und vor allem zählt die persönliche Leistung, und die Befriedigung, eine solche zu erbringen.

Wer das nicht glauben will, wer -wie in Mittelmeerländern besonders häufig-  immer noch glaubt, dass es wesentlicher und zielführender sei, ALLES über Beziehungen erreichen zu wollen, der vermasselt seine und seines Staates Glaubwürdigkeit und Zukunftsperspektive.   

Schade, dieser brain drain, diese massenhafte Abwanderung von klugen Leuten; schade auch für ganz Europa, denn  sie tragen dazu bei, dass sich die Kluft zwischen Nord und Süd vertieft.

Francesco A., der in Görz Internationale Beziehungen studiert hat und hier bald seinen Ph.D. zur europäischen Außenpolitik macht,  ist hier auch in der Italian Society aktiv und hat zur diesjährigen Pembrokian Conversazione nach Franco Bernabé, Carlo De Benedetti, Lilli Gruber u.a.  nun David Willey hergebracht, den dienstältesten Auslandskorrspondenten der BBC, und wohl auch diensttältesten Italien-Korrespondenten überhaupt. Er lebt schon seit 41 Jahren hauptsächlich in Rom, verfügt aber noch immer -oder deshalb erst recht- über eine received pronunciation, wie man sie in England kaum mehr hört.

Auf die Frage, wie es mit Italien weitergehe und wie es dort wohl in einem Jahr aussehen werde, traue er sich jetzt (wo wir seit einem Jahr mitten in der Griechenland- und Euro-Krise stecken) keine Antwort zu geben. Da tappt auch dieser seriöse Italien-Kenner diesmal völlig im Dunkeln wie noch nie, sagt er.

Studiert hat natürlich auch Willey hier, und zwar am Queens‘ College, wo sich ein paar Jahrhunderte vorher auch schon Erasmus von Rotterdem getan -und sich über den vielen Regen in Cambridge mokiert.

Advertisements