Sonne, Newnham, Seminar

von macchiato

Heute ist es urplötzlich heiß geworden, very hot sagt man auf den britischen Inseln ja schon bei Temperaturen über 22 Grad, und das hatten wir heute bald, zumal es auch noch der zweite fast durchgehend sonnige Tag seit einem Monat war. Umso schöner sah das vornehmlich weibliche Nachbar-College Newnham aus, speziell seine ausgedehnten Garten – bzw. Parkflächen, die man von außen gar nicht sieht. Jahrelang bin ich daran vorbeigegangen; heute hatte ich zum ersten Mal drinnen zu tun:

Zweieinhalb Stunden angenehmer Austausch mit B.G, der Person, die sich wohl wie keine andere hier auf englisch, deutsch und italienisch mit Vergleichen zwischen Faschismus und Nationalsozialismus auskennt. Essen in der lichten Fellows Buttery. und dann im gemütlich-stilvollen Middle Combination Room, während die meisten StudentInnen sich an so einem Tag natürlich draußen auf dem Rasen und auf den Bänken verstreuten. Inzwischen nimmt das College schon auch einige männliche Stundenten auf, aber, nein ich sollte schreiben: und, es wirkt weiterhin (noch) adretter und gepflegter als alle anderen, die wie ich hier gesehen habe, und das sind inzwischen schon einige.

Bei uns im Wolfson College am Abend, vor dem alljährlichen Music & Madeira Event, eine Formal Hall „with a difference“ (nämlich mit einem Bariton & Piano-Konzert, zum Dessert, in der Lee Hall -) gab es ein öffentlich zugängliches Press Fellows Seminar zu bestreiten: 

Dabei ging es um die hier in Großbritannien in den letzten Wochen wie schon im Vorjahr heiß diskutierten Fragen nach den Methoden und der Macht der Medien, genauer gesagt des Murdoch-Imperiums, nach ihrer Ethik (?) sowie nach der Transparenz ihrer Beziehungen zur Politik, und nach der Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit rechtlicher Neuregelungen auf diesen und ähnlich heiklen Gebieten.

Als besonders heikel wurde die z.T. intim anmutende Nähe bestimmter JournalistInnen zu mehreren britischen Premierministern und anderen Regierungsmitgliedern der letzten Jahrzehnte empfunden. Krasse Verletzungen der Privatsphäre einzelner BürgerInnen durch Telefonabhörpraktiken von Skandalblättern verzeiht man hier auch Jahre danach keineswegs. Wenn hingegen Justiz, Polizei und Geheimdienste mithören, macht das dem britischen Phlegma anscheinend weniger aus als dem deutschen oder italienischen Naturell.

Jedenfalls ist die News of the World, früher die meistverkaufte Sonntagszeitung der Welt, quasi an diesen ihren Skandalgeschichten gestorben, genauer gesagt von ihrem  australischen Eigentümer Rupert Murdoch , dem mächtigsten Medienmagnaten der Welt, (u.a. Sky-TV, Sun, Sunday Times, Times, New York Post usw.) stante pede durch die Sun on Sunday ersetzt worden. (vglch. Eintrag vom 11.Mai).

Wolfson’s Vizepräsident John Naughton hatte die Fragestellung so formuliert:

Phone-hacking, media ethics and the Leveson Inquiry: an International perspective

Britain is transfixed by the phone-hacking scandal and the Leveson Inquiry into culture, practice and the ethics of the press. But what does the rest of the world think about all this? We have three Press Fellows from different continents this term, and we’ve asked them to report on how this very British story is regarded in their home territories.

Meine Antwort darauf begann ich mit den Worten: Europe could’nt care less. Die europäischen DurchschnittsbürgerInnen haben zur Zeit offensichtlich genügend andere Probleme am Hals, als dass sie sich über die britische Spielart des Telefonabhörens oder einer osmotisch-inzestuösen Beziehung zwischen Medien und Politik empören oder auch nur wundern könnten.

Südlich des Brenners allerdings würde man sich sicher wundern, was für ein schweres Vergehen  im englischen Rechtsraum die „Missachtung des Gerichts“ ist, und was für strenge Strafen eine solche contempt of court nach sich zieht.

In Italien hingegen, diesen Eindruck konnte man jedenfalls in den letzten 20 Jahren gewinnen, kommt man damit, dass man den Ermittlern und den Richtern ungestraft alles Mögliche an den Kopf wirft, nicht ins Kittchen, sondern…ganz groß ‚raus.

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