36 Stunden London, Oxford, Reading

von macchiato

Die ganze Woche, eigentlich die ganze Zeit in Cambridge hier ist sehr intensiv, die beiden letzten Tage allerdings ganz besonders, an drei Universitäten in London, in Oxford, in Reading, in mehreren Zügen und vielen Bussen (auch hybriden übrigens, und auch mit WiFi).

Gestern früh am hottest day of the year (so die Schlagzeilen bei über 27 Grad) zum Birkbeck College nach London, zu einem International Workshop: Memory Wars in Italy 1799-2012. Zwei Panels bzw. acht Referate, eingeleitet vom Zeitgeschichtler John Foot vom UCL-Department of Italian Studies und von Lucy Riall, die im Herbst von Birkbeck als Professor zum Europäischen Hochschulinstitut nach Fiesole überwechseln wird. Außerdem Roberta Suzzu Valli, ebenfalls Birkbeck, über Italian identity and British historians und Philip Cooke  von der Strathclyde University über The Resistance as a ’second Risorgimento‘ . Und nicht zuletzt Paolo Pezzino von der Universität Pisa, meine Autorität in Sachen Massacres, Divided Memories and National Identity (Stragi, memorie divise e identità nazionale)

In der Mittagspause Schlangestehen um Käsekrainer und Almdudler und Eiscafé bei einem echten Wiener Würstlstandl in einem strahlend-sonnigen Park in der Nähe der mir auch von der Qualität her vorbildlich erscheinenden (vor allem Abend-)Hochschuleinrichtung Birkbeck College in der Gegend des British Museum mitten in London, zehnmal schöner als die für Euro-Bürger noch dazu sehr teure Oxford Street.

Am Nachmittag Claudia Baldoli aus Newcastle, über The guilt factor: memories of the Second World War bombing in Italy , (am Beispiel von Treviso), Robert Gordon aus Cambridge über Italy’s Holocaust (ihn hatte ich bereits beim Venetian Seminar und bei der Gründung des Cambridge Italian research network kennengelernt) und schließlich Samantha Owen aus Reading: What and who to celebrate? Defining a National Past in the Historical Exhibition at the Italian Centennial of Unification Commemorations (1961, damals in Turin war das ziemlich anders als letztes Jahr zum 150. an vielen Orten Italiens). Mit einem älteren Herrn, der mir in der Diskussion aufgefallen war, habe ich mich länger gut unterhalten, Prof. Adrian Lyttelton von der John Hopkins University in Bologna.

Dieses Seminar war für mich so aufschlussreich, dass ich hier vielleicht irgendwann (aber nicht zu dieser späten Stunde) noch darauf zurückkommen werde. Interessant nicht zuletzt wegen der anderen Art, mit der man (aber auch italienischstämmige frau) in Großbritannien an die italienische Geschichte herangeht, und außerdem eine gute Abrundung zu den vier Seminaren rund um den 150.Geburtstag des Staates Italien, zu denen ich mich 2011 bemüßigt fühlte, zweimal nach Berlin (Humboldt-Universität und Italienisches Kulturinstitut sowie Goetheinstitut u.a., einmal nach Wildbad Kreuth (Hanns-Seidel-Stiftung) und einmal nach Bozen (Eurac) zu fahren, um ein breites Spektrum und den neuesten Stand der Italien-Forschung mitzubekommen.

Vom Birkbeck, also Bloomsbury,  im Stoßzeit-Bus nach Paddington zum Zug nach Oxford, gerade rechtzeitig für ein Guiness und eine erstklassige Menschenrechtsdebatte in der Oxford Union (als Mitglied der Cambridge Union Society darf man auch in diesen studentischen Debattierclub hinein; er ist fast gleich alt wie unserer hier, tut aber ein bisschen vornehmer, hat mehr Geld, und hatte noch mehr spätere britische Premierminister im Vorsitz, als sie noch hier studierten; ihre Büsten schmücken die Debating Chamber). Vorgestern war die frühere finnische Regierungschefin da. Nächste Woche kommt Boris Becker usw.usf.

Die Debatte gewann gestern abend ziemlich überraschend die eher pazifistische opposition gegen die proposition, deren These gelautet hatte: This House Believes Force Can be Justified in Defending Human Rights. Beide Seiten mit ihren je vier RednerInnen haben solide und brillant argumentiert, fand ich. Es lassen sich eben für jede ernstzunehmende Streitfrage ernstzunehmende Antworten finden, wenn man sich wirklich darum bemüht.

In Oxford übernachtete ich in unserem Schwester-College St.Antony’s (dem der bekannte deutsche Soziologieprofessor, FDP-Minister, EU-Kommissar und spätere englische Lord Ralf Dahrendorf eine Zeitlang als Warden vorstand). An der anderen, neueren Oxforder Universität, Brooke’s, hatte ich heute vormittag einen Termin mit Roger Griffin. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Er scheint mir der fruchtbarste und passionierteste vergleichende Faschismustheoretiker unter denen zu sein, die ich bisher gelesen bzw. getroffen habe. Natürlich findet seine Theorie von generic fascism und new consensus hierin eben nicht den Konsens aller seiner Kollegen. Aber Roger Griffin hat einiges ins Rollen gebracht. Wir haben uns zweieinhalb Stunden lang intensiv und ergiebig unterhalten.

Dann fuhr ich weiter zur Universität Reading, die seit langem ein besonderes Interesse für Italien an den Tag legt. Dort hatte ich einen ebenfalls zweieinhalbstündigen und ebenfalls intensiven Gedankenaustausch mit Christopher Duggan, einem „Schüler“ des in Italien sehr bekannten Denis Mack Smith; da auch er sich als Historiker versteht, also nicht als Lobhudler seines Untersuchungsgegenstandes, also z.B. auch italienische Selbstkritik getreulich in seinen Büchern wiedergibt, stoßen auch seine Bücher zur italienischen Geschichte dem einen oder andern italienischen Kommentator wie Galli della Loggia  sauer auf. Quod licet jovi, non licet dem anderssprachigen Beobachter …

Auf dem Rückweg konnte ich bei dem herrlichen Wetter der Versuchung nicht widerstehen, „mein“ London NOCH länger als zur rush hour  eh‘ schon wieder unvermeidlich, also stundenlang, im „Hochsitz“ mehrerer Busse zu durchqueren und durchkreuzen. Sogar in der früher abends total „toten“ City und östlich davon, sowie in einigen früher deprimierenden Vierteln südlich der Themse schien dieses London, multinationaler und äußerlich dynamischer, jünger, besser angezogener, wohlhabender denn je (die Armen können sich das öffentliche Leben und den Transport ins Zentrum schon lange nicht mehr leisten), dieses erste hochsommerliche Wochenende des Olympia- und Queens-Jubeljahres auf allen Plätzen, Park- und Pub-Bänken so zu feiern wie schon lange nichts mehr.

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