Holocaust: unvergleichlich, aber wiederholbar

von macchiato

Eine Vergleichbarkeit des italienischen Faschismus mit dem deutschen Nationalsozialismus können wir nur dann glaubwürdig ansprechen, wenn wir vorab das Unvergleichliche ansprechen: den Holocaust. 

Dazu frage ich zuallererst bewusst einen deutschen Historiker, eine unabhängige Autorität auf diesem Forschungsfeld, nämlich den langjährigen Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin Wolfgang Benz, ganz einfach: 

Was war der Holocaust?

Holocaust war die größte Tragödie im 20.Jahrhundert, aber kein Naturereignis, sondern staatlich geplant, industriell vollzogener Mord an sechs Millionen Juden, weil sie Juden waren.

Warum sollten sich Jugendliche im 21. Jahrhundert damit beschäftigen?

Man kann das größte, und herausragende und am meisten beachtete Ereignis des 20.Jahrhunderts nicht unberücksichtigt lassen, weil man auch als Jugendlicher darauf angesprochen ist und dann Antworten haben muss.

Was ist so einzigartig daran? Wir haben doch heutzutage ganz andere Sorgen als uns mit den alten Sachen von damals zu beschäftigen, oder? 

Das sind nicht die alten Sachen von damals, sondern das ist ein weit über dieses Jahrhundert hinaus strahlendes Ereignis, nämlich die kaltblütige Planung und die Durchführung dieser Planung der Ermordung von Menschen auf Grund ihrer Andersartigkeit, als Angehörige einer anderen Kultur, einer anderen Religion. So etwas hat sich seitdem wiederholt, gegenüber anderen Betroffenen. Das kann sich im großen Stile wiederholen. Das wäre dann irgendwann der Untergang der zivilisierten Menschheit. Das sind, glaube ich, Gründe genug, dass man sich damit beschäftigt.

Kann man Begriffe wie Arier und Jude überhaupt ernst nehmen? Was ist ein Jude? Was ist ein Arier?

Den Begriff Jude kann ich ernst nehmen. Denn ein Jude ist ein Mensch, der einer bestimmten kulturellen und damit auch Schicksalsgemeinschaft angehört. „Arier“ ist ein diffuser und inhaltsleerer Gegenbegriff, in der nationalsozialistischen Ideologie angewendet als Kampfbegriff gegen Juden. „Arier“ ist nicht zu definieren. „Arier“, das muss man nicht wissen. Juden gibt es. Und Juden bilden eine Schicksals- und Kulturgemeinschaft.

Aber was haben z.B. nicht religiöse Juden im Yemen gemeinsam mit marxistisch eingestellten Juden in Osteuropa, oder mit angeblich plutokratisch eingestellten Juden an der Wall Street? 

Diese Juden in Amerika, im Yemen, wo auch immer, haben das gemeinsam, dass sie von den Nichtjuden als ein Kollektiv wahrgenommen werden, dem man Feindseligkeit entgegenbringt.

Liegt das letztlich an unserem urmenschlichen Bedürfnis, immer einen Sündenbock, ein Feindbild uns aufzubauen? 

Um sich gegen Sorgen, Alltags-Misshelligkeiten zu wappnen, braucht es die Projektionsfläche, also den Sündenbock. Das funktioniert in jeder Gesellschaft so, in jeder Altersstufe: Die Ausgrenzung bestimmter Menschen stabilisiert das Selbstgefühl derer, die ausgrenzen. Dann hat man Erklärungen und Ursachen und Schuldzuweisungen – und fühlt sich besser.

Die Ausgrenzung anderer stabilisiert unser Selbstgefühl 

Kann also grundsätzlich jede Gruppe sein, müssen also nicht immer die Juden sein. Könnten also was auch die Deutschen, die Südtiroler, oder wer immer sein.

Selbstverständlich…das funktioniert in allen Gesellschaften. Im Augenblick sind es die Muslime, denen der Hass der Mehrheit entgegenschlägt. Das gibt es in Kleingruppen: die Kerle vom Nachbardorf sind die Idioten. Das kann man sich beliebig aussuchen, und sich das Bild von seinen Feinden machen.

(Quelle: Ungekürztes Audio-Interview des Autors mit Wolfgang Benz am 5.2.2012 im Rahmen des Seminars an der Politischen Akademie Tutzing zum Thema „Entgrenzung der Moral – Der Holocaust als europäisches ‚Projekt‘ des Deutschen Reichs“ 3.-5.2.2012)

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