Samstag in London, „posh“ und politisch

von macchiato

Der National Coach von Cambridge zur Victoria Station hält neben den Embankment Gardens. Hier habe ich vor Jahrzehnten Penner und andere BürgerInnen gefragt, was sie von der Monarchie halten. Viel, war ihre einhellige Antwort.  Das war zum Silver Jubilee der Königin. Ab heute wird hier vier Tage lang das 60.Krönungsjubiläum gefeiert. Und immer noch sind mehr als 80 Prozent von ihrer Königin sehr angetan. Aber das ist einen eigenen Tagebucheintrag wert.

Nach Jahren inspiziere ich zuerst einmal wieder mal diese Gegend um meinen früheren Arbeitsplatz, Aldwych, Fleet Street, Strand, Covent Garden usw.. Auf der Fußgängerbrücke über die Themse weiten sich wieder Horizont und Herz. Ans andere Ufer, zur Southbank-Kulturmeile: Familiäre Volksfestathmosphäre, wie jetzt jedes Wochenende hier. Multiethnisch duftet und brutzelt es vor der Queen Elizabeth Hall, der Royal Festival Hall, dem National Theatre, dem National Film Institute, der Hayward Gallery usw. An den „Standln“ esse ich so würzig und autochthon wie seit vielen Wochen nicht mehr: echt sizilianische bruschetta, nordafrikanisches Lammfleisch, englische Waffeln mit Schokosauße, urugayanischen Wein. Speck aus Tirol, auch davor stehen die Londoner Schlange.

Bin heute eigentlich zur Matinée eines Theaterstücks „Posh“ im Duke of York Theatre da. Das sollte ich mit nicht entgehen lassen, hieß es. „Posh“ heißt umgangssprachlich so etwas wie nobel, vornehm. Unter diesem Titel werden hier bestimmte, sich besonders cool und mächtig vorkommende, besonders ungezogene, obwohl in Eton und Oxford erzogene junge Männer bzw. die Clubs von Mächtigen und Reichen, in denen sie aufwachsen, auf die Schippe genommen; die Reichen sollen in diesem Königreich noch reicher, eleganter gelangweilter und arroganter werden als woanders, habe ich mir sagen lassen.

Das Stück karikiert satirisch und sarkastisch eine Nachwuchs-Kaste, die nicht gut in die jetzigen Krisenzeiten passt (aus der aber angeblich maßgebliche Mitglieder und Mitarbeiter der gegenwärtigen britischen Regierung kommen): Zehn hochelegante junge Antipathieträger treffen sich im Oberstock eines normalen Familien-Pubs zum Dinner ihres sogenannten Riot Clubs, das, wie der Clubname verspricht, regelmäßig auszuarten hat, und dies auch diesmal tut. „Böse Buben aus bestem Hause“ könnte es auch heißen, das Stück das hier gespielt wird, und zwar brillant bis hin zu den Gesangeinlagen. Funkelnde Einblicke in und Abrechnungen mit einer Klassengesellschaft, die in England nach wie vor besteht, aber immer mehr belächelt wird (auch von sich selbst, was ihr wiederum einen Rest von Anziehungskraft lässt).

Am Ende eines langen Tages finde ich nach der Busrückfahrt in Cambridge noch ein nettes kleines Kontrastprogramm in der der Mill Road, der Straße mit dem höchsten (multikulturellen) Tante-Emma-Läden-Anteil in ganz England, wie ein Anrainer behauptet. Dieses „andere“ Cambridge weitab von den noblen Colleges, also dem touristischen Zentrum, aber unweit vom Bahnhof, in gentrification begriffen, aber noch nicht „posh“, ja nicht einmal cool , ist mir zur Abwechslung sehr sympathisch. Nahe beeinander liegen da sowohl ein kleiner Club (=Pub) der Conservative Party als auch einer der Labour Party. Beide haben sicher schon bessere Zeiten gesehen, wie alle Parteiquartiere in Europa.

Von den Konservativen habe ich im Theater einstweilen genug gesehen. Ihre sozialdemokratischen Rivalen bieten heute nicht nur Bier und Tee, sondern auch eine Vintage Night mit Rock, Charleston, Boogie aus früheren Generationen, zu der sich auch eine schwungvolle Amateurtanzgruppe trifft. So lebhaft habe ich mir die hiesigen Sozialdemokraten gar nicht mehr vorgestellt, bemerkte ich zur Organisatorin. Sind sie auch nicht, gab sie zurück, die Mehrheit der Anwesenden wählen wohl eher die Liberal Party

Zur politischen Abrundung: Cambridge ist eine Hochburg dieser eher ökoliberalen als neoliberalen Partei. Aber englandweit ist auch ihre Popularität seit ihrem erstmaligen Eintritt in eine Koalitionsregierung stark zurückgegangen. Eine Dame, die davor bei den Liberalen war, sagt mir, sie gehe jetzt zur Green Party; etwas sektiererisch, aber näher dran an den wirklichen Problemen der Welt von heute, meint sie.

Die weitaus stärksten Zuwächse verzeichnet allerdings die United Kingdom Independence Party UKIP.  Die strammen Sündenbockfinder, die Ausländerfeinde. Wie fast überall. Auch in China nimmt die Ausländerfeindlichkeit zu, lese ich. Wo denn nicht, wie denn nicht? Auf diesem Globus sind wir ja ausnahmslos Ausländer füreinander. Und gehen einander anscheinend immer mehr auf die Nerven…

Noch etwas stellt  man überal fest: Wohin man auch blickt, die Regierenden machen sich in diesen Krisenzeiten nirgends beliebt.  Ist ja auch wirklich zur Zeit überall besonders schwer, das Regieren, das muss man ehrlich erkennen.

Aber warum machen Berufspolitiker sich und unsere Staatsformen noch unbeliebter als nötig?  Etwa wenn sie wenn wegen der überbordenden Staatsschulden allen BürgerInnen Opfer abverlangen, aber Privilegierte erst recht bevorzugen: z.B. durch die Senkung des Steuersatzes für Wohlhabende um zehn Prozent (England diese Woche) oder durch das verzweifelte Sich-Klammern einer unterdurchschnittlich kompetenten Politikerkaste an ihre weltrekordverdächtigen Privilegien (Italien seit Jahrzehnten).

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