Diesen Sonntag dachte ich nur an sie: die Monarchie

von macchiato

Auch wenn man durch und durch republikanisch gesinnt ist, und wenn schon, das understatement kontinentaleuropäischer Monarchien sympathischer findet als den Prunk und den Pomp und das von den Medien gleichschaltend verordnete Jubilee Fever rund um die britische Königin, so nötigt mir letztere heute doch die Andeutung einer Verneigung ab. Nein, nicht nur aus Mitleid mit dem intelligenten, netten Mädchen, das sein ganzes Leben so vorbildlich pflichtbewusst so öden, öffentlichen Ritualen geopfert hat. Auch nicht nur aus Hochachtung gegenüber jahrhundertealten Traditionen choreographischer Höchstleistungen. Mein „Knicks“ ist kontinentaleuropäisch-komparatistisch:

Großbritannien „jubiliert“, wie es sich gehört, vier regnerische Tage lang über das 60.Thronjubiläum von Königin Elisabeth II, unter anderem mit tausend Booten auf der Themse; die größte Seemacht aller Zeiten ist man doch immer gewesen, ist man nicht? Im ganzen Land so viele Union Jack-Flaggen wie selten zuvor. Stundenlange Fernsehübertragungen und Internet-Streams. Alle britischen Zeitungen seit Tagen bis zum Überdruss voll von Queen-Geschichten und -Anekdoten, neuen Fotos und ganz neuen Erkenntnissen („Sie hat einen feinen Humor!“). Alles über sie, ihre Familie, ihre Ländereien, ihre Reisen in alle Welt, und davon, was sich in Großbritannien verändert hat seit 1953.

Fast alles hat sich verändert in diesem Land. Nur die Queen ist die gleiche geblieben, und die Institution Monarchie im wesentlichen auch. Etwas muss doch beruhigend konstant bleiben in dieser schnellebigen Zeit. Das ist die Königin und ihr Hofstaat: Märchenhafte Verkörperung von Kontinuität und Stabilität seit Jahrhunderten. Das eine oder andere, z.B. dass sie auch noch das formelle Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist, (und nur ein Mitglied dieser Kirche Premierminister werden darf), will uns Kontinentaleuropäern natürlich partout nicht in den Kopf.

Gewiss, dieser ganze bunte Traditionszirkus ist sehr teuer. Aber teuer sind andere Staatspräsidien auch, speziell in Frankreich, auch in Italien; im höchsten Staatsamt geben auch Berufspolitiker enorme Steuergelder aus, spielen dabei aber kaum etwas ein, weil im allgemeinen nicht sonerlich geeignet als Werbeträger für ihr Land. Bei Royals hingegen ist der return on investment mit professionellem Marketing und Merchandising selbst dann gesichert, wenn sie sich daneben benehmen.

Die Monarchie lenkt auf konsensfördernd-schichtübergreifende und meist auch weniger ordinäre,Weise als andere ab von den wachsenden Alltagsbelastungen, Unsicherheiten, Ungerechtigkeiten und Ratlosigkeiten der DurchschnittsbürgerInnen und – Unternehmungen wie auch der traditionell Mächtigen in der City und in Whitehall.

Auch im Juni 2012 hat kaum jemand in Großbritannien etwas dagegen, dass einem die Medien nun für ein paar Tage etwas Irrilevanteres aufdrängen als die seit Monaten dominierenden, anscheinend unlösbaren beiden Hauptprobleme der Londoner opinion leaders (nicht der Durchschnittsmenschen):
a) die Levison Enquiry, die nun Schritt für Schritt auch den Briten Verbindungen zwischen politischer und medialer Macht aufzeigt, wie sie sie eigentlich bisher nur anderen Staaten zugetraut haben;
b) die gesamteuropäische Schulden-, Wachstums-, Wettbewerbs-, Identitäts- und Führungskrise, auf deren schwer wiegende Folgen nicht nur in Griechenland man sich hier gefasst macht.

So etwas Problematisches ist eher etwas für think tanks. Dem Volk bietet die Monarchie ein angenehm lichtes und leichtes Kontrastprogramm zum grauen Alltag, eine Projektionsfläche, eine persönlich tröstliche, politisch stabilisierende und touristisch sowie imagemäßig einträgliche Identifikationsmöglichkeit mit dem Staat und mit der Kontinuität an seiner Spitze.

Da Elisabeth II. ihre Aufgabe nach allgemeinem Befinden sehr, sehr gut gemacht hat, scheint sie darauf gefasst zu sein, bis an ihr Lebensende weiterzumachen. „Never, ever“ werden sie abtreten, soll sie einer Freundin anvertraut haben, laut „Exklusivmeldung“ der Daily Mail. (Diese konservative Zeitung in Millionenauflage muss man sich übrigens anschauen, wenn man nicht nur der Queen, sondern auch der britischen DurchschnittsbürgerIn „draußen im Lande“ den Puls fühlen möchte, rät mir eine eigentlich „progressiv“ gesinnte Professorin. Das Online-Tratschangebot der Mail ist sogar das meistgeklickte der Welt, während dieser Jubilee-Tage sowieso: dailymail.co.uk Anspruchsvoller und umfassender, aber ebenfalls eines der weltweit beliebtesten englischsprachigen Nachrichtenangebote: guardian.co.uk Am zuverlässigsten wie immer die BBC: bbc.co.uk/news

Wenn diese Königin auch über keinerlei politische Macht im landläufigen Sinne verfügt, so ist sie in 60 Dienstaltersjahren doch, still und stilvoll, zur wahrscheinlich politisch bestinformierten Person dieses Planeten geworden – hat sie doch ein Dutzend britische Premierminister kommen und gehen sehen, ihnen bei der Wochenaudienz im Buckingham Palace proaktiv zugehört, aber auch mit unzähligen anderen heutigen, früheren bzw. längst verstorbenen Staatsoberhäuptern aus und in der ganzen Welt konferiert, sicher nicht nur über Pferde oder über das Wetter.

Wenn man bedenkt, dass dieses Königreich vor einigen Jahrzehnten noch das größte Imperium der Weltgeschichte war, und wie relativ schnell und relativ schmerzlos es zusammengeschrumpft ist auf eine Mittelmacht, dann ist es letztlich sehr beeindruckend, wie realistisch, selbstbewusst und würdig die Briten mit diesem ihrem (und europäischen) unausweichlichen Niedergang fertig geworden sind: ohne sich als Nation oder gar als Einzelne „gedemütigt“ zu fühlen, ohne irgendwelchen nationalen Wiedergeburts-Predigern oder inkompetenten Populisten nachzulaufen, mit anderen Worten: ohne faschistoide Aufwallungen oder nennenswerte Sehnsüchte nach dem einen „starken Mann“, der ihnen alle Sorgen abnähme.

Ob andere Völker auch so selbstbewusst und relativ gelassen mit Niedergang und Krise umgehen können? Aus EUROpäischer und historischer Sicht muss man das aktuell besonders den Griechen wünschen, auch den Portugiesen, den Spaniern, den Iren, den Italienern, auch den Ungarn, den Serben, den Russen und allen Minderheitenvölkern; mit einem Wort: uns allen.

In der EU gibt es acht parlamentarische Monarchien. Es gab eine Zeit, da waren sie sogar knapp in der Mehrheit. Darf es einem auffallen, dass fast alle so regierten Staaten alles in allem vergleichsweise gut da stehen? Jedenfalls lässt sich nicht pauschal behaupten, dass parlamentarische Monarchien schlechter regiert (eben nicht vom Monarchen!) werden als Republiken. Punkto Wettbewerbsfähigkeit, Bildung, Pressefreiheit und Korruptionsbekämpfung stehen einige dieser rein repräsentativen Erbmonarchien sogar regelmäßig mit an der Weltspitze (jedenfalls in Rankings wie Transparency International, Reporter ohne Grenzen, Freedom House, PISA): Norwegen, Schweden, Dänemark, Niederlande, Luxemburg, Kanada, Neuseeland, Australien.

Großbritannien und Japan mögen ein paar Problemchen haben, aber auch sie halten sich im weltweiten Vergleich sehr gut. Das gilt auch für Belgien, obwohl es seit Jahren aussieht, als löse sich dieser Staat in seine Bestandteile auf. Auch dort ist die parlamentarische Monarchie eher ein stabilisierender Faktor. Es ist auch schwer vorstellbar, dass Spanien seine derzeitige Wirtschaftskrise ohne Monarchie besser lösen würde als mit ihr; sie hat das Land immerhin schon einmal vor einem Rückfall in die Diktatur bewahrt.

Gegen das von den Medien verordnete Jubilee Fever dieser Tage bin ich, wie angedeutet, immun. Übertriebene offizielle Feiern lassen mich in jedem Staate kalt. Aber schon damals, als ich ein Radiofeature für den deutschsprachigen Dienst der BBC über das Silver Jubilee zu produzieren hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: erstens, WIE populär die britische Monarchie ist; zweitens, warum sie immer populär bleiben wird; und drittens, warum selbst ich das gar nicht so übel finde.

Als ich nach den Historikern und anderen Fachleuten auch Passanten in Covent Garden fragte, ob der Staatsoberhaupts-Job nicht genausogut, und billiger, von einem Polit-Profi gemacht werden könnte, wie in unseren kontinentaleuropäischen Republiken, hieß es mehr oder weniger von allen: „No way! Never!“ Mit diesen Worten stand selbst ein schottischer Penner in den Victoria Embankment Gardens treu zu seiner Königin. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute. So wie die 86jährige Queen und ihre Monarchie. Sie sollen alle hochleben. Ad multos annos!

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