„Wer London-müde ist, ist lebensmüde“

von macchiato

Habe mich soeben mit einem Glass Guiness von Chris, dem kanadischen Lateinamerika-Spezialisten von Al Jazihra, verabschiedet. Er muss seinen Aufenthalt in Cambridge jetzt beenden. Am Sonntag tritt er wieder in seiner Redaktion in Quatar an und dann fliegt er bald nach Mexiko und berichtet von den Wahlen dort (während wir hier in Europa und besonders in der Eurozone gespannt sind auf den Wahlausgang am 17.Juni in Griechenland, und in zweiter Linie auch in Frankreich). Shinead und Familie bleiben hingegen noch da. Gestern waren wir alle drei bei Michelle und ihrem Mann in Girton zu einem üppigen Barbecue eingeladen, mit ordentlich gewürztem Fleisch usw., und mit einer riesigen Zuppa Romana von John und Fionna, während wir Wein aus Italien und Australien beisteuerten. Es war sehr nett und lebhaft, auch mit allerhand Kindern. Guter Dinge radelten wir jeweils gute 20 Minuten in strömendem Regen hin und zurück.

Heute waren wir drei, die wir ansonsten ja zu beschäftigt sind, als dass wir uns dauernd sähen, doch wieder zusammen. John bestellte uns um 10 Uhr zum Bahnhof und sagte uns erst im Zug, was er mit uns vorhatte: vor allem eine längere Aussprache über die Zukunft der Zeitungen (in Print und Online) und des Journalistenberufs im Verlagsgebäude von The Guardian mit dem Chefredakteur der -mir seit jeher sympathischsten- Sonntagszeitung The Observer. In diesem Blatt veröffentlicht der Vizepräsident unseres College, von Haus aus Computerwissenschaftler, seine Networker-Kolumne (demnächst über etwas ziemlich Bahnbrechenes, was er mit dem Google-Chef besprochen hat, als der vor ein paar Tagen hier war).

Davor waren wir in Dr.Johnson’s House am Gough Square, also bei dem nach Shakespeare meistzitierten britischen Autor und Gelehrten, bahnbrechender Bezugspunkt aller, die auf englisch schreiben (zumal über London), vor allem mit seinem originellen, mit Zitaten gespickten großes Wörterbuch, aber auch durch Sprüche wie den , mit dem die Londoner Touristiker natürlich genauso einverstanden sind wie die Touristen selbst:

„Why, Sir, you find no man, at all intellectual, who is willing to leave London. No, Sir, when a man is tired of London, he is tired of life; for there is in London all that life can afford.“

Affordable, erschwinglich ist das Leben in London allerdings nur mehr für Wohlhabende. Vor allem das Wohnen  in der Metropole ist sagenhaft teuer, und auch in Cambride alles andere als billig. Die Immobilienpreise im übrigen England beginnen hingegen eher zu sinken.

Auch ich habe mich auch heute wieder nicht so schnell von London ermüden lassen und trennen können, sondern habe mich lieber von Weltstadtneugier und Augenlust treiben lassen, als bald wieder so schnell heimzufahren wie ich eigentlich vorhatte: zuerst blieb ich noch lange, allein und hinter Zeitungen hervor das Umfeld beobachtend, in dem einem der beiden Clubs sitzen, in denen John Mitglied ist, und in den er uns zum Lunch eingeladen hatte (nicht so altenglisch wie ich mir einen englischen Club vorgestellt hatte, übrigens in der gleichen Straße, in der Karl Marx seinerzeit gewohnt hat); und dann wanderte ich zu Fuß zum Bahnhof King’s Cross zurück: auf Umwegen über Plätze wie Soho Square, Queen Sq, Brunswick Sq, die inzwischen unvergleichlich gepflegter (und zum Wohnen unerschwinglicher) sind als vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal hier war. Neu entdeckt habe ich St.George’s Garden, ursprünglich ein Friedhof. eine versteckte Oase der Ruhe. Was man von „The Water Rat Theatre“ wohl nicht sagen kann, auch wenn ich diesen „Wasserratten“-Pub Richtung Zug verassen musste, bevor die allabendliche Live-Musik zu spielen begann…

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