Woody Guthrie und das andere Amerika

von macchiato

Nicht alles, was hier steht, schon gar nicht, wenn es am Samstagabend um Mitternacht geschrieben wird, muss mit Faschismus zu tun haben. Tut es aber doch ein bisschen, denn:

This machine kills fascists, an diese Botschaft, in Großbuchstaben auf einen Zettel geschrieben und auf seine Gitarre geklebt, wollte Woody Guthrie glauben. Aber auch wenn man ganz im Gegenteil von der universellen Anziehungskraft der Musik überzeugt ist, also auch davon, dass Musikinstrumente von fascists mindestens so wirkungsvoll politisch „instrumentalisiert“ werden wie von antifascists radicals oder liberals (Begriffe, die auf Englisch bekanntlich nicht dasselbe bedeuten wie in kontinentaleuropäischen Sprachen), so kann man den Hut ziehen vor diesem Ahnvater einer ganzen Generation von amerikanischen Protestsängern, von Bob Dylan bis zu Joan Baez (die ich hier in Cambridge noch vor drei Monaten in Bestform erlebt habe).

Mehr wusste ich nicht von Woody Guthrie – bis zum heutigen Abend. Dieser stand unter dem Motto Woody Guthrie: Hard Times and Hard Travellin‘, im Folk-Pub Golden Hind am anderen Ende con Cambridge, fast eine halbe Radlstunde vom Wolfson College entfernt.

Jetzt weiß ich mehr über diese Symbolfigur eines anderen Amerika. Heuer vor hundert Jahren wurde Woody Guthrie geboren. Seine Liedtexte waren für amerikanische Verhältnisse revolutionär. Insofern passt es bestens, dass er am 14.Juli geboren ist, am gleichen Tag des Jahres wie die französische Revolution. Jemand wird heuer sicher auch am französischen Nationalfeiertag auf der Place de la Bastille Lieder von ihm singen, z.B. This land is your land, die inoffizielle Nationalhymne der sowohl freiheits- als auch friedliebenden Amerikaner.

Einer von ihnen sang diese „Hymne“ am Schluss des Abends unter starkem Beifall. Es war der Referent selbst, Will Kaufman aus dem US-Bundesstaat New Jersey, jetzt Professor für anglo-amerikanische Studien an der University of Central Lancashire im englischen Preston, Autor des Buches Woody Guthrie, American Radical (University of Illinois Press), aber auch mehr als nur Hobby-Musiker. (Gesang, Gitarre, Violine und Mandoline), also ein polymath, ein vielseitig begabter Mensch, wie man sie hier nennt (und in Cambridge besonders oft trifft).

Gekonnt vertont und bebildert Prof. Kaufman live das von Schicksalsschlägen, Weltwirtschaftskrise, Binnenmigration und sozialer Diskrimierung geprägte Leben und die Zeit von Woody Guthrie, dieser nicht nur musikalischen Galionsfigur der früheren, jetzt -leider- wieder sehr aktuell erscheinenden Gesellschafts- und Kapitalismuskritik von amerikanischer Seite.

Pauschalurteile über „die Amerikaner“ sind natürlich genauso grundfalsch wie die über jedes andere Volk. Als jemand, der „amerikanophil“ aufgewachsen ist, und auch bei amerikanischen Bürgerrechtlern und Protestsängern wie Pete Seeger gern hingehört hat, schließe ich mich nach diesem Abend dessen Urteil an: I thank Will Kaufman for introducing a new generation of Europeans to ‚the other America‘.

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