Was ist Faschismus?

von macchiato

Der meistzitierte Ausgangspunkt für Versuche, den Faschismus als allgemeines Phänomen zu definieren (generic fascism) ist nach wie vor der Raster des amerikanischen Historikers und Hispanisten Stanley G. Payne (A history of Fascism 1914-1945, London, UCL Press, 1997, S.7). Dieser ist im Laufe der vergangenen 15 Jahre nicht nur von Historikern, sondern auch von englischsprachigen Faschismusforschern anderer Disziplinen, namentlich Roger Griffin (mit dem ich sowohl ein deutsches als auch ein englisches Audiointerview aufgezeichnet habe) ergänzt und angereichert worden.

Dazu hier erste Stichworte, die uns zu Überlegungen verhelfen können, inwieweit Vergleiche zwischen den Anfängen des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus erstens am Platze sind und zweitens Aussagekraft haben für zeitgemäß-realistische politische Bildung und Extremismusprävention im 21.Jahrhundert:

anti-liberal
anti-kommunistisch
anti-konservativ
(aber zu vorübergehenden taktischen Bündnissen bereit)

idealistische, vitalistische, voluntaristische Weltanschauung
Recht des Stärkeren als innen- wie außenpolitisches „Naturgesetz“
Zweck heiligt Mittel: Entschlossene Gewalt- und Kriegsbereitschaft für „guten Zweck“

Militarisierung der politischen Auseinandersetzung und der Zivilgesellschaft

Mission: „Wiederauferstehung“ bzw. „Gesundung“ eines „gedemütigten“ bzw. „dahinsiechenden“ Volkes, das eigentlich berufen wäre, die Führung in der Welt zu übernehmen, dazu aber von Grund auf modernisiert und motiviert werden muss

Ziel: neuer Mensch in wettbewerbsfähiger „Volksgemeinschaft“: gesund, bodenständig, kraftvoll, konstruktiv, sieghaft

Schaffung eines neuen, „starken“, autoritären Staates:
„Führerprinzip“ (ital. Il Duce ha sempre ragione):
Alle Entscheidungen und Kontrollen erfolgen von oben nach unten.

Was Gemeinwohl und was Staatsräson ist, ist „oben“ zu beschließen, in der Mitte planwirtschaftlich sowie ständestaatlich „durchzuziehen“ und „unten“ als Befehl auszuführen.

Suggeriert wird ein einziger, kompakter „Volkskörper“ jenseits von Klassenkampf und Interessengruppen und jenseits bisheriger staats- und völkerrechtlicher Grundsätze:

Ohne das national(istisch)e Kollektiv bist du nichts, in ihm bis du alles.

Massenmobilisierung der Gesellschaft mit modernsten Mitteln:
mit state of the art – Technologie, -Innovation, -Sozialpsychologie

Personenkult und charismatische Herrschaft:

Inszenierung, Symbolik und „Liturgie“ zielt auf religionsähnliche, mystisch-emotionale Wirkung

Kult von Jugend, „männlicher“ Herrschaftsdynamik und „weiblicher“ Mutter- und Stützfunktion

Frage:

Was davon passt ausschließlich auf den italienischen Faschismus, was nur auf den deutschen Nationalsozialismus? Nicht viel, so scheint es auf den ersten Blick.

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