„passable working definition of fascism“

von macchiato

Per Interrail bin ich gestern nach zweimaligem Umsteigen in Hull im Norden Englands gelandet, um mit Dr.Philip Morgan zu sprechen. An der dortigen Universität hat er sich als Senior Lecturer in Contemporary European History jahrzehntelang zuerst am Department of European Studies, dann am Department of History, mit der europäischen Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts beschäftigt. Zwei Bücher von ihm gehen speziell auf Italien ein: Italian Fascism, 1919-1945 (Basingstoke: Macmillan 1995) sowie The Fall of Mussolini: Italy, Italians and the Second World War (Oxford: Oxford University Press 2007). Besonders schätze ich jedoch sein Buch Fascism in Europe, 1919-1945 (London: Routledge 2002): es vermittelt aus grenzüberschreitend-vergleichender Perspektive einen weit über die reinen Fakten hinausgehenden, analytisch durchdachten, aber gleichzeitig nüchternen und  ausgewogenen umfassenden Überblick über die Faschismen in Europa.

Hier zunächst seine gestrige mündliche Antwort auf Englisch zu meiner Frage nach (s)einer Definition des Faschismus heute:

Well, I’m not sure what it means today, but historically I think it means extreme hyper-nationalistic movements, which saw the resolution of crises of national identity and power being resolved through the eliminination of all perceived and declared enemies of the nation, with the idea of creating a cohesive and powerful national community, which would allow in the Italian case the Italian nation to assert itself internationally and to become a great power. So I think, fascism would see itself in Italy as a force alone capable of creating a nation which would be coherent and united enough to make Italy a strong power in an international sense.

Und nun, weniger griffig, meine deutsche Übersetzung der Faschismus-Definition im obgenannten Buch von Philip Morgan (a passable working definition of fascism):

Faschistische Bewegungen waren radikale hypernationalistische, klassenübergreifende Bewegungen mit einer unverwechselbaren militaristischen Organisation und einem aktivistischen Stil. In einem Klima gespürter nationaler Angst strebten sie nach einer Art Regeneration ihrer Nationen durch die gewaltsame Zerstörung aller jener politischen Formen und Kräfte, die sie verantwortlich machten für nationale Uneinigkeit und Zersplitterung, und auf die Schaffung einer neuen nationalen Ordnung, welche auf einer „moralischen“ oder „spirituellen“ Erneuerung (reformation) ihrer Völker aufbaut, eine „kulturelle Revolution“, nur erreichbar durch die totale Kontrolle der Gesellschaft, ferner aufbauend auf der Klassen oder Stände, auf Regeln und Formen der sozioökonomischen, oft korporativistischen Organisation.
Ihre Ziele, die Nation innerlich zusammenzuschweißen, standen oft im Zusammenhang mit bzw. waren Voraussetzungen für nationale territroriale und imperiale Expansion, am ausgeprägtesten in der totalitären Massenmobilisierungs-Organisation der Gesellschaften für den Krieg durch die zwei faschististischen Regime von Italien und Deutschland.

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