Das Jüdische an Wien – und weitere 23 Vorträge

von macchiato

Wesentlich an der Cambridge-Erfahrung sind die unzähligen Möglichkeiten, über das eigene Fachgebiet hinauszublicken. Allein für den heutigen Donnerstag sind allein unter http://talks.cam.ac.uk/dates die folgenden 23 Vorträge, Seminare u.Ä. über die unterschiedlichsten Themen gelistet:

09:00 – Apoptosis and Cancer
10:00 – Web Science: Politics, Demographics and More
11:30 – Granular segregation in driven binary monolayers
11:30 – String theory, the Higgs boson, Dark Matter and the LHC
12:00 – Behaviour and Energy Use
12:30 – Update on ECT
12:30 – „Musical Kaleidoscope: Soundings of Enquiry“
13:00 – „Why viruses study ubiquitin – evading the immune response“
13:10 – Could the earliest limbed animals walk?
13:10 – Artist in Focus: Alfred Wallis: Ships and Boats
14:00 – Pseudomonas aeruginosa population behaviour during chronic infections
14:15 – A remarkable representation of the Clifford group
15:30 – Look on the bright side: Reducing anxiety via the direct modification of cognitive bias
16:00 – The extended phenotype of the cucumber mosaic virus genome in insect transmission
16:00 – Food for thought: visceral control of nutritional decisions in Drosophila
16:30 – Annual General Meeting
16:30 – The roles of cucumber mosaic virus proteins in modifying plant-aphid interactions in tobacco
17:00 – Categorical dynamics
17:00 – European Crisis Conference, 14-15 June, Newnham College
17:30 – John Piper: His Place in British Art and in Cambridge
18:00 – Cambridge University Entrepreneurs – Grand Finale 2012

Das wird praktisch alles kostenlos und öffentlich angeboten, auf jeden Fall für alle Mitglieder der Universität, und meistens auch für alle anderen; nur muss man sich bei manchem per Mail anmelden. Gestern hat mich z.B. im Zusammenhang mit dem Motto dieses Blogs ein Vortrag von Klaus Hoedl aus Graz interessiert. Da ging es um Jews in Vienna low-brow culture, also um die tragende Rolle von Juden in der Wiener Volkskultur in der Ära von Johann Strauß z.B. Ich hatte keine Ahnung, dass die Wiener Fiakerlieder, die Operetten-,Volkssänger-, Volkstheater- und Kabarettkultur zu ca. 30 Prozent von Juden geprägt war, und dass die Librettos fast aller Wiener Operetten von Juden geschrieben worden sind.

Die Hauptthese des jungen Referenten lautete auf Englisch: Jewish difference can serve as an analitical category without resorting to Judaism or arguing in an essentialist way. Was Klaus Hoedl da herausarbeitete, war die bunte Vielfalt des jüdischen Beitrags zur Wiener Volkskultur, so bunt und durchmischt, dass sie zum Großteil gar nicht als spezifisch jüdisch, und schon gar nicht als jüdisch-religiös, wahrgenommen bzw. „abgestempelt“ werden konnte bzw. kann.

„Sind Sie Jude?“ wollte ein alter Mann im Hörsaal plötzlich wissen. Der Referent schien überrascht über diese Frage. Nein, sagte er. Er finde das auch nicht wichtig; das erinnert mich auch an die Tutzinger Aussagen von Wolfgang Benz, dem früheren Leiter des Berliner Instituts für Antisemitismusforschung, den ich in diesem Blog zum Thema Holocaust interviewt habe)

Warum ihn das Thema dann interessiere, wenn er nicht Jude sei, hakte die Frau des alten Mannes nach. Genaugenommen seit der Causa Waldheim in Österreich, antwortete der Referent; seitdem habe er sich in jüdische Geschichte und Kultur und deren Wechselbeziehung zu nichtjüdischer Geschichte und Kultur vertiefen wollen.

(Damit beschäftigen sich an der Karl-Franzens-Universität Graz immerhin drei Einrichtungen. Der Referent kommt von einer davon, dem aus Drittmitteln finanzierten Centrum für Jüdische Studien der Universität Graz (CJS), kommt der Referent.)

Was ihn interessiere, seien die non-religious, changing, transient, interacting and inclusive differences zwischen Individuen, ohne sich oder andere gleich irgendwie abzustempeln. Mir liegt dieser Zugang. Ich will nicht dauernd wissen, ob jemand bzw. was ein Jude ist, oder gar „der Jude“. Mir genügt es, dass er ein Mensch ist, mit der Menschenwürde jedes Menschen.

Aber ich muss zugeben, dass ich den alten Mann, der den Referenten gefragt hatte, ob er Jude sei, dann doch noch gefragt habe, ob er sich denn selbst gern so öffentlich definiere. „Selbstverständlich“, sagte er, „ich bin Jude“.

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