Keine schlafenden Hunde wecken

von macchiato

Gerade vor diesem entscheidenden Wahlwochenende in Griechenland kann man der europäischen (und nicht nur) Schuldenkrise (und nicht nur) auch in Cambridge nicht entkommen. Wie schon seit nunmehr 13 Monaten für jeden, der am Lauf der Welt interessiert ist, so ist das auch hier ein Thema, zu dem man täglich im Schnitt ein Stündchen auf die Lektüre von mehr oder weniger Profundem aufzuwenden hat, wenn man die Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents und unserer Kinder mitdenken will.

Dazu möchte ich hier Antizyklisches deponieren: einerseits den Kommentar der Financial Times vom 11.Juni, We isolate and overload Germany at our peril. Darin warnt Gideon Rachman Europa davor, mit der Kritik und den Forderungen an Deutschland zu übertreiben, es wirtschaftlich und vor allem politisch zu überfordern; sonst würden früher oder später auch in diesem Lande schlafende Hunde wieder aufgeweckt. Siehe http://www.ft.com/intl/cms/s/0/bfc6959c-b158-11e1-bb9b-00144feabdc0.html#axzz1xlXTwxph

Andererseits war ich bei der topaktuellen internationalen Tagung The European Crisis Revisited. Sie wurde gestern im benachbarten Newnham College von der griechischen Weltbank-Expertin und vorübergehenden Parlamentarierin Elena Panaritis temperamentvoll, aber pessimistisch eröffnet und heute von der irischen Politikwissenschaftlerin Birgin Laffan vom University College Dublin mit einem glasklaren Appell zu realistischer Selbstverantwortung (an uns alle) beendet. Jetzt muss ich unterbrechen, muss zur Formal Hall, die sich heute mediterranean nennt; letzteres will ich als viel versprechend betrachten, zumindest auf die Küche bezogen…

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Den Vorsitz und das Benedictus benedicat nach dem Gongschlag des Butlers hat heute der Philosoph des College inne. Er wirkt immer fröhlich – und nie feministisch: A definition of women in six words, so sein Zitat des Tages: intuition without method, passion without justice.

Das könnte man auch in dem einzigen Wort „emotional“ ausdrücken, meint die chinesische Biologie-Doktorandin neben uns. Sie möchte im Herbst zum ersten Mal nach Italien reisen. Ich empfehle ihr, weniger „touristisch“ geprägte Städte anzusehen, z.B. Chioggia. Dove si mangia bene qui? Diesen Satz schreibe ich ihr auf einen Zettel, den sie passenden Passanten zeigen kann, wenn sie hungrig wird.

Gegenüber sitzt ein schwedisch-britisches Schriftsteller- und Historikerpaar, spezialisiert auf nordische Geschichte (sie würden auch Schottland „adoptieren“) und auf Sympathien für Berlusconi. Sie haben einem Sohn in Bologna, und zwei Zyperntürkinnen zu ihrer Linken.

Nach dem Gong, dem Gang zum Kaffee und dem neuerlichen Gongschlag wechselt man bei der Formal Hall immer die Sitzordnung, sitzt bei Muskateller und Port und Käse z.B. neben den Zyperngriechen Costantinos, der von seinem land economy-Studium überzeugt ist, und dem klugen Kanadier Rex, gegenüber dem Physiker Stefan aus Heidelberg.

Dies nur als Schlaglichter: unvergesslicher als das „mediterrane“ Essen ist immer wieder die Vielfalt der Kontakt- und Kommunikationsstränge am egalitärsten und kosmopolitischsten College der Universität Cambridge. Andere Colleges, die viele undergraduates beherbergen, haben einen high table, d.h. die fellows speisen besser, räumlich getrennt – und halten auch sonst mehr an englischen Klassengesellschaftstraditionen fest als Wolfson. Ich fühle mich gern klassenlos.

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