Walter Laqueur war nie zu optimistisch

von macchiato

Walter Laqueur, geboren 1921 in Breslau, 1938 nach Palästina ausgewandert, lebt in London und Washington. Sein Buch: Die letzten Tage von Europa – Ein Kontinent verändert sein Gesicht war bei seinem Erscheinen 2006 (Propyläen Verlag, Berlin) umstrittener als es heute, denn er sagte der EU schon damals voraus:

Die Arbeitslosigkeit, die Staatsverschuldung, das geringe Wachstum hätten den europäischen Wirtschaftsriesen bereits gewaltig schrumpfen lassen. Da sein Verfall schleichend, fast geräuschlos erfolgt, nehme ihn kaum einer wahr und lehne daher eine radikale Wende ab.

Europa werde bald, vor allem aus demografischen Gründen, in jene politische und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken, in der es sich militärisch schon befinde, so Laqueur damals weiter. Die vier Gründe für dieses Siechtum seien Entvölkerung, Masseneinwanderung, Reformunfähigkeit des Wohlfahrtsstaates und Widerwille, den Kontinent zu einen.

Walter Laqueur war 25 Jahre lang Leiter des Londoner Institute of Contemporary History and Wiener Library, eines der weltweit führenden Institute zur Erforschung des Faschismus.

1976 hat er den Sammelband Fascism, a Reader’s Guide herausgegeben. Im Vorwort schrieb er damals:

„Der Faschismus bleibt ein Thema, über das leidenschaftlich gestritten wird. Im täglichen Sprachgebrauch schleudert man den Begriff politischen Feinden als Beschimpfung ins Gesicht….Zudem löst er weiterhin Auseinandersetzungen aus, teils weil er mit so vielen vorgefassten ideologischen Ansichten kollidiert, teils weil Verallgemeinerungen durch die Tatsache erschwert werden, dass es nicht nur einen Faschismus, sondern mehrere Faschismen gab.“

In seinem Buch Fascism: Past, Present, Future (Oxford University Press, New York 1996, deutsche Übersetzung: Faschismus: gestern-heute-morgen, Berlin, Propyläen 1997) fasst er im dritten Teil den Begriff Postfaschismus“ so weit, dass er neben Osteuropa auch das einbezieht, was er „Klerikalfaschismus und die Dritte Welt“ sowie „islamischen Fundamentalismus“ nennt.

Zum Grundsätzlichen hier einige Auszüge aus Walter Laqueurs Einführung ins Thema:

Zwar scheint der Faschismus tot zu sein, aber eine Wiederkehr in anderer Gestalt ist nicht ausgeschlossen (S.9).

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass man nicht beginnen könne, einen Gegenstand zu untersuchen, solange man über keine exakte Definition und über keine gute Theorie verfügt.

Der Faschismus ähnelt der Pornographie insofern, als es schwierig -vielleicht unmöglich- ist, ihn auf eine funktionelle, rechtsgültige Weise zu definieren. Und doch erkennt jeder, der mit ihnen Erfahrungen gemacht hat, beide sofort. (S.14)

Den Puristen zufolge ist der Gebrauch des Gattungsbegriffs „faschistisch“ sogar beim historischen Faschismus problematisch. Ich habe Verständnis dafür, denn der Begriff „Faschismus“ neigt in der Tat dazu, die wichtigen Unterschiede zwischen Deutschland und Italien zu verschleiern. Hitler hätte heftig bestritten, Faschist zu sein, genau wie Mussolini die Kategorisierung als Nationalsozialist zurückgewiesen hätte. (S.14)

Der systematische Gebrauch des Begriffs „Faschismus“ im Hinblick auf das nationalsozialistische Deutschland hatte aber auch politische Motive. Viele Angehörige der linken schreckten instintiv davor zurück, die Bezeichnung Nationalsozialismus für so etwas Scheußliches wie die NSDAP zu verwenden. (S.14/15)

Welche begrifflichen Alternativen bieten sich an? …zum Beispiel Rechtsextremisten, rechtsradikale, radikale Rechtspopulisten, Nationalpopulisten oder Nationalrevolutionäre. Doch auch diese Bezeichnungen sind unbefriedigend. (S.16)

Ich bin mit den hier vorgestellten Begriffen nicht zufrieden, aber ich kenne keine besseren…
Sollte man weniger nach den Zielen als nach den zugrunde liegenden Motiven und den sozialen und psychologischen Ursprüngen fragen? Man hört zuweilen, dass rechtsextreme und neofaschistische Parteien ihre Anhänger unter den „Verlierern der Moderne“ rekrutieren, unter jenen, die der Modernisierung zum Opfer gefallen sind oder ein solches Schicksal fürchten…
Oftmals wird vorgebracht, dass Menschen mit einer „autoritären Persönlichkeit“ in jeder Gesellschaft dazu neigen, sich rechtsextremen Gruppen anzuschließen. Diese Ansicht läuft darauif hinaus, einen einzigen Aspekt eines vielschichtigen Phänomens auf Kosten anderer auszuwählen… Die Begriffe „rechts“ und „links“ sind zwar nicht völlig nutzlos, doch werden sie umso problematischer, je weiter man sich in Zeit und Raum vom Europa des neunzehnten Jahrhunderts entfernt. (S.18)

Man könnte sich endlos über Begriffe und Definitionen streiten, doch ein solcher Purismus ist nicht hilfreich, vielleicht sogar gefährlich. Eine solche Gattungsdefinition, die jeden Aspekt des Phänomens einbezieht, existiert nicht. Roger Griffin definierte den Faschismus jüngst als „Gattung der politischen Ideologie, deren mythischer Kern in seinen verschiedenen Permutationen eine palingenetische Form des populären Ultranationalismus darstellt.“ („Palingenetisch“ bezieht sich auf eine Wiederbelebung des Nationalgefühls). Es mag schwierig sein, diese Definition noch zu verbessern. Gleichwohl umfasst sie immer noch bewegungen, die nicht wirklich faschistisch sind, und lässt andere, eindeutig faschistische, aus.

Das Dilemma der Geschichts- und Politikwissenschaftler lässt sich mit dem von Ärzten vergleichen, die eine Krankheit, über die sie unzureichende Kenntnisse haben, behandeln müssen: Jeder Fall kann ein wenig anders sein, keiner entspricht genau den Lehrbüchern, die Ähnlichkeiten mit anderen Krankheiten können für Verwirrung sorgen. Aber das alles befreit den Arzt nicht von der Pflicht, eine möglicherweise unvollkommene Diagnose zu stellen und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. In der realen Welt -im Gegensatz zur Welt der Abstraktion und Theoriebildung- fehlt es stets an absoluter Exaktheit. Diese Tatsache ist unbefriedigend, doch in der Praxis gewöhnlich nicht sehr wichtig, denn wir müssen ohnehin mit ihr leben. (S.19)

Das Problem der zeitgenössischen Beobachter ist auch vergleichbar mit dem Toquevilles, als er vor hundertfünfzig Jahren über die aufziehenden Gefahren schrieb:“Darum denke ich, dass die Art der Unterdrückung, die die demokratischen Völker bedroht, in nichts der früheren in der Welt gleichen wird; unsere Zeitgenossen könnten deren Bild in ihrer Erinnerung nicht finden. Ich suche selbst vergeblich nach einem Ausdruck, der genau die Vorstellung, die ich mir davon mache, wiedergäbe und sie enthielte; die früheren Worte Despotismus und Tyrannei passen dafür nicht. Die Sache ist neu, ich muss also versuchen, sie zu umschreiben, da ich sie nicht benennen kann. (S.19/20)

Unterdessen sehen alle, die nicht von Kategorisierungen in Anspruch genommen werden, -also die große Mehrheit-, fasziniert zu, wie neue Formen des Faschismus außerhalb Europas entstehen. Diese Newcomer verspüren keine Schuld und keinen Drang, sich zu rechtfertigen. Manche sind offen und unverfroren, was ihre Doktrin und ihre Politik angeht, während andere sich ihres Erbes nicht einmal bewusst sind: Es handelt sich um instinktive Faschisten. (S.20)

Im Zusammenhang mit der fortwährenden Virulenz der totalitären Versuchung schrieb Karl Dietrich Bracher vor einigen Jahren, dass moderne Entwicklungen die Überwachungs- und Manipulationstechniken vervollkommnet hätten und dass die Massenmedien und die Informationstechnologie eine potentielle Gefahr für die Freiheit darstellen:
„Alle Ideen und Bewegungen mit absoluter, unilateraler Zielsetzung sind auch heute potentiell totalitär, sofern ihnen der Zweck die Mittel heiligt und sie den Glauben verbreiten, dass es einen Schlüssel zur Lösung aller Probleme hier auf Erden gäbe.“

…Kurz gesagt, der Alptraum ist noch nicht vorüber (S.20)

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