Wo ein Event so wichtig wird wie ein Examen

von macchiato

Das Wort event ist mir, wenn er „auf deutsch“ verwendet wird, nicht sympathischer als gewisse andere Fremdworte: je wichtigtuerischer, desto verzichtbarer. Was ist schon eine „Veranstaltung“ oder gar ein „Ereignis“(wer verwendet dieses Wort noch?) gegen einen neudeutschen event? Nicht gerade ein highlight, muss ich annehmen.

Deshalb habe ich nicht so genau hingeschaut, als ich die Webseite http://www.wolfsonjuneevent.co.uk im Januar anklickte. Damals gab es noch Eintrittskarten zum Sonderpreis von weniger als 70 Pfund, was mir für StudentInnen teuer vorkam, auch wenn es sich nicht um eine Garden Party handelt, wie wir sie letztes Wochenende hier hatten, sondern um den wohl größten nicht-akademischen Event des Jahres eines Cambridge College.

Mehr als 20 solcher sogenannter May Balls fanden diese Woche, also gleich nach der letzten großen Prüfungswoche, statt. Einer großartiger als der andere, habe ich mir sagen lassen. Wer sich als Mitglied eines der studentischen Organisationskomitees in einem College bewährt hat, der schreibt das in seinen Lebenslauf – und weiß, dass so etwas hier mindestens so ins Gewicht fällt wie ein 1st class-mark bei einer Prüfung.

Bei Prüfungen gibt es allerdings in Cambridge keine zweite Chance, sagt man mir: einmal fail heißt, du bist für immer draußen, musst den Studiengang und wohl auch College und Universität verlassen. Auch ein 2nd class mark reicht zuweilen, dass dir dein College nahelegt, das Weite zu suchen. Allerdings ist wohl genau dieser Leistungsdruck mit maßgeblich für die rekordverdächtig niedrige Durchfallquote und drop-out-rate in Cambridge, neben der erstklassigen Betreuung und dem anspruchsvollen und aufwändigen Zulassungsmodus.

Nach den Examenswochen wird also auch das Feiern entsprechend entschlossen angegangen. Eine siebenhundertjährige Tradition hier, natürlich eine feuchtfröhliche, aber nur unter anderem: dieses andere ist das Besondere: die StudentInnen investieren auch hierin viel Energie, Ehrgeiz, Kreativität und Organisationstalent; was herauskommt, ist ein nicht in einer Nacht zu fassendes Angebot an Attraktionen, formale Eleganz, wie man sie mieten kann, und ein produktiver Wettstreit auch in dieser Hinsicht: die reichsten Colleges wetteifern anscheinend sogar um den höchsten, nicht den niedrigsten, Eintrittspreis: angeblich bis zu 300 Pfund – eine Summe, die man geradezu obszön finden kann, wenn man weder ein ein reicher alumnus noch ein party animal ist.

Verglichen mit Trinity oder St.Johns‘ ist mein College eine arme Kirchenmaus – und sein jährlicher June Event bescheiden. Vergleichsweise, betone ich, denn:

Zum Essen beinhaltete der heurige Wolfson June Event nach einem festlichen Abendessen die ganze Nacht hindurch, und an allen Ecken und Enden, alles Mögliche, von Chocolate Fountains und einen Gelati-Karren über Thai Chicken & Vegetable Curry und Mitternachts-Sushi bis hin zum Survivor’s Breakfast von genau 4.30 bis 5 Uhr früh. Zum Trinken gab’s unter anderem die Water Bar, die Oxygen Bar und die Fire Bar, letztere mit einem zimthaltigen Fire Ball Whiskey Liqueur – nach dessen Genuss ich es zu den  restlichen vier bis fünf Bars nicht mehr ganz schaffte…

Tanzen (und tanzen lernen) konnte, wer wollte, unter anderem Salsa, Lindy Hop und Ceilidh. Live-Musik gab es von sechs Gruppen und acht Solisten. Zauberer, Kabarettist, Feuerschlucker, dies und vieles andere, was man in einer Nacht gar nicht alles „abklappern“ kann, wurde geboten; z.B. ein origineller Ice Rink, auf dem man auch ohne echtes Ice seinen Gleichgewichtssinn auf harte Proben stellen konnte. Auch vor klassischen Rummelplatz-Attraktionen wie Hubschrauber-Simulator, Minigolf und „Puffautofahren“ standen StudentInnen aus aller Welt scharenweise Schlange.

Ich tat dies neugierig vor der Fish Foot Spa („exfoliate and rejuvenate your feet“), bis auch ich mir von kleinasiatischen Fischen kleine Hautfetzen von den Füßen wegknabbern lassen durfte, eine kitzelnde Pediküre. Herkömmlichere Massageformen sowie Hair & Make-Up hätte es auch gegeben. Zum Ausklang setzte ich mich noch unter ein anderes Zelt, wo man in gemütlicher Runde türkische Wasserpfeife mit Grapefruit- und anderen Tabakaromen rauchte.

Dass so ein May Ball Event hier ein bisschen mehr ist als eine große Party, hatte mir erst geschwant, als ich die „Eintrittskarte“, eine 24seitige Broschüre, in Händen hielt. Erst da merkte ich, wie raffiniert das heurige Thema ELEMENTA graphisch interpretiert wird, nämlich mit künstlerischen Ambigrammen von John Langdon (der auch Dan Brown-Bestseller wie The Da Vinci Code inspiriert hat). Ein Ambigramm, das habe ich jetzt nachschlagen müssen, ist ein Schriftzug, den sich genauso liest, wenn man ihn um 180 Grad dreht, also umgekehrt anschaut.

Es gilt eben auch hier, wie oft bei Forschung und Entwicklung, und durchaus auch in Politik- und Geschichtswissenschaft: Perspektive wechseln führt oft zu überraschenden neuen Entdeckungen, Einsichten, Erkenntnissen, Erfindungen, Erfolgen.

Man lernt eben nie aus. Nicht einmal bei einem event.

Advertisements