Churchills Lob für Mussolini

von macchiato

Hat Winston Churchill Geschichte geschrieben? Ja, nicht nur als britischer Kriegspremier, sondern auch als Geschichtsschreiber; seine entsprechenden Publikumserfolge waren und sind sogar deutlich nachhaltiger als seine kriegerischen. „Für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“, erhielt Winston Churchill 1953 den Nobelpreis – den für Literatur, denn für den Friedensnobelpreis kam der kriegerisch gesinnte britische Regierungschef wohl nie ernsthaft in Frage.

Zum Thema unseres Blogs rubrizieren wir getrost auch Churchill als interessanten britischen Historiker im weitesten Sinne und zitieren ihn hier gern hin und wieder. Zumal er sowohl von seinem deutschen als auch von seinem italienischen Gegenpart zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Eindrücke hatte, diese kenntnisreich und wortgewaltig zu Papier brachte – und wie Tausende weitere Churchill Papers dem von ihm gestifteten und nach ihm benannten College in Cambridge überantwortet, und damit der interessierten Nachwelt zugänglich gemacht hat.

Churchills erste Eindrücke von den diktatorischen Dynamiken in Italien und in Deutschland scheinen keineswegs nur negativ gewesen zu sein. Was den italienischen Diktator und seine Wirtschaftspolitik betrifft, so schrieb er 1926 als britischer Schatzkanzler:

EN: Italy is a country which is prepared to face the realities of post-was reconstruction. It possesses a Government under the commanding leadership of Signor Mussolini which does not shrink from the logical consequences of economic facts and which has the courage to impose the financial remedies required to secure and to stabilize the national recovery.
(CS, 3824, Treasury 27/01/1926, p.364)
DE: Italien ist ein Land, das den Realitäten des Nachkriegs-Aufbaus ins Gesicht sieht. Es hat eine Regierung unter der bestimmenden Führung von Signor Mussolini, die sich den logischen Konsequenzen der wirtschaftlichen Tatsachen nicht verschließt, und die den Mut hat, die finanziellen Maßnahmen durchzusetzen, die es zur Abhilfe braucht, um die nationale Wiedergesundung zu sichern und zu stabilisieren.

Erst recht schmeichelhaft klingen die Worte, mit denen Churchill, damals britischer Finanzminister, bei seinem Besuch in Rom am 20.Januar 1927 den italienischen Diktator öffentlich bedachte, und politisch umwarb:

EN: I could not help being charmed, like so many other people have been, by Signor Mussolini’s gentle and simple bearing and by his calm and detached poise in spite of so many burdens and dangers. Secondly, anyone could see that he thought of nothing but the lasting good, as he understood it, of the Italian people, and that no lesser interest was of the slightest consequence to him.
DE: Ich konnte nicht umhin, entzückt zu sein, wie so viele andere vor mir, vom angenehmen und einfachen Auftreten des Signor Mussolini, und von seinem ruhigen, gelassenen Entschlossenheit trotz so vieler Belastungen und Gefahren. Zweitens ist es für jedermann einsichtig, dass er an nichts anderes dachte als an das nachhaltige Wohlergehen, so wie er es versteht, des italienischen Volkes, und dass nichts Geringeres ihn auch nur im mindesten kümmerte.

Solches Lob für Mussolini ist bis heute ein gefundenes Fressen für alle, die die komplizierte politische Persönlichkeit von Winston Churchill herunterbrechen wollen auf die eines Geistesverwandten des Faschismus. Und dazu gehören auch im 21.Jahrhundert nicht zuletzt Neo- und Postfaschisten, genauso wie Beobachter ganz anderer politischer Couleur.
Für eine anfängliche Offenheit Churchills gegenüber dem Faschismus spricht auf den ersten Blick auch der folgende bekannte Satz, den er bei der gleichen römischen Gelegenheit an seinen Gastgeber Mussolini richtete:

EN: If I had been an Italian I am sure I should have been entirely with you from the beginning to the end of your victorious struggle against the bestial appetites and passions of Leninism…Your movement has rendered a service to the whole world.
(CS IV, 4126-7: Press Statement, Rome, 20.1.1927, p.169/70).
DE: Wenn ich ein Italiener wäre, wäre ich sicher mit Ihnen gewesen vom Beginn bis zum Abschluss Ihres siegreichen Kampfes gegen die bestialischen Appetite und Leidenschaften des Leninismus gewesen…Ihre Bewegung hat der gesamten Welt einen Dienst erwiesen.

Man sollte allerdings über diesen Satz hinaus in der römischen Erklärung Churchills weiterlesen, um hieraus nicht ein Bekenntnis zum Faschismus herauszulesen, sondern vielmehr dessen -damals in halb Europa weitverbreitete- Akzeptanz als vermeintlich starkes Gegengift gegen den Bolschewismus:

DE: The greatest fear that ever tormented every Democrat or Socialist leader was that of being outbid or surpassed by some other leader more extreme than himself. It has been said that a continual movement to the Left, a kind of fatal landslide towards the abyss, has been the character of all revolutions. Italy has shown that there is a way to combat subversive sources.
(CS IV, 4126-7: Press Statement, Rome, 20.1.1927, p.169/70).
DE: Die größte Furcht, die jeden demokratischen oder sozialistischen Spitzenpolitiker quält, ist die, von einem extremistischeren Führer überboten oder übertroffen zu werden. Es heißt, alle Revolutionen sind von einem stetigen Linksrutsch gekennzeichnet, von einer Art fatalem Erdrutsch Richtung Abgrund. Italien hat uns gezeigt, dass es einen Weg gibt, subversive Kräfte zu bekämpfen.

Noch Jahre später, vor der Anti-Socialist and Anti-Communist Union in London, geht
der antikommunistische Gaul mit Churchill noch einmal durch: in seinem Redetext bezeichnet er Mussolini sogar als the greatest law-giver among living men (OB V, 457, 17.Februar 1933, p.364), als „größten Gesetzgeber unter den Lebenden“.

In Churchills gesammelten Werken ist dieses sein größtes Lob für Mussolini nicht mehr zu finden.

Wie alle aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, so sind auch diese immer im historischen Kontext zu sehen. Der hat sich dann erheblich geändert – und das Urteil Churchills über Mussolini auch.

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(alle Churchill-Zitate ins Deutsche übersetzt von faschistensindimmerdieanderen.
Hauptquelle: Richard Langworth, Churchill by himself, Random House, London, 2008)

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