Churchills „professioneller“ Respekt vor Hitler

von macchiato

Winston Churchills wirkungsvolle Brandreden und -Radioansprachen gegen die nationalsozialistischen und faschistischen Kriegsgegner sind bekannt. Aber noch mindestens bis in die späten Dreißiger Jahre hinein zollt der alte Kämpfer nicht nur dem italienischen, sondern auch dem deutschen Diktator bei mehreren Gelegenheiten zunächst eine Art Hochachtung, die diplomatische und taktische Gründe haben mag, aber zum Teil doch überraschen mag. Sogar kurz nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens sind im Herbst 1938 zwei solcher Aussagen zu verzeichnen, aus denen man eine Art „professionellen“ Respekt Winston Churchills vor Adolf Hitler herauslesen kann.

Im ersten Zitat zieht Churchill quasi seinen Soldatenhut vor dem „Kampfgeist“ (so können wir spirit hier übersetzen) des „österreichischen Gefreiten“, der aus einem zerstörten und chaotischen Deutschland heraus „entschlossen gegen die breite Phalanx der Siegermächte aufgestanden und bereits so entschieden den Spieß gegen sie umgedreht“ habe:
There must not be lacking in our leadership something of the spirit of that Austrian corporal who, when all had fallen into ruins about him, and when Germany seemed to have sunk for ever into chaos, did not hesitate to march forth against the vast array of victorious nations, and has already turned the tables so decisively upon them.
(Daily Telegraph 14.10.1938: France after Munich; Step 275, zitiert nach Richard Langworth, Churchill by Himself, Ebury Press, London, 2008, p.346)

Hier schreibt ein passionierter Krieger, Politiker und Schreiber. Die Hand, die hier die Feder führt, ist nahe am Puls jenes Teil des Telegraph-lesenden Volkes, den das Erstarken von Hitler-Deutschland nicht nur negativ beeindruckt.

Ein zweites Churchill-Text über Hitler wenige Wochen später wird oft zitiert, aber seltener im Zusammenhang gesehen. Wenn Churchill im folgenden Ausschnitt seiner Rede vom am 6.November 1938 im Unterhaus Adolf Hitler als erfolgreichen, ja „großen Mann“ gelten lässt, und sich einen „Hitler des Friedens und der Toleranz, des Großmuts, des Mitgefühls und der Barmherzigkeit gegenüber den Verlorenen und Verlassenen, gegenüber den Schwachen und Armen“ vorstellen will, mit einem großen, glücklichen, friedlichen Deutschland mit an der Spitze Europas“, dann klingt das vielleicht nach mehr als nach diplomatischer Notwendigkeit, sollte aber auch im Zusammenhang mit einem ganz bestimmten Anlass dafür verstanden werden. Dann kann man das Folgende, gipfelnd im letzten Satz, auch wie eine recht elegante Retourkutsche auf die Reichstagsrede verstehen, in der Hitler wenige Tage zuvor die Kritiker des Münchener Abkommens und namentlich Churchill als „Kriegstreiber“ (engl. warmonger) bezeichnet hatte:

I have always said that if Great Britain were defeated in a war I hoped we should find a Hitler to lead us back to our rightful position among the nations. I am sorry, however, that he has not been mellowed by the great success that has attended him. The whole world would rejoice to see the Hitler of peace and tolerance, and nothing would adorn his name in world history so much as acts of magnanimity and of mercy and of pity to the forlorn and friendless, to the weak and poor…
He is mistaken in thinking that I do not see Germans of the Nazi regime when they come to this country. On the contrary, only this year I have seen, at their request, Herr Bohle, Herr Henlein and the Gauleiter of Danzig, and they all know that.
In common with most English men and women, I should like nothing better than to see a great, happy, peaceful Germany in the vanguard of Europe. Let this great men search his own heart and conscience before he accuses anyone of being a warmonger.
(Quelle: http://richardlangworth.com/did-churchill-praise-hitler)

In diesen Zusammenhang passt auch eines von vielen Beispielen dafür, wie hochachtungsvoll sich Churchill in den Dreißiger Jahren öffentlich über „die Deutschen an sich“ geäußert hat (wie übrigens auch über die italienische Kultur):

Er hege keinen Groll und kein Vorurteil gegen das deutsche Volk, er habe viele deutsche Freunde; er hege „lebhafte Bewunderung für ihren herrrlichen Intellekt und Mut sowie für ihre Leistungen in Wissenschaft und Kunst.“ Und weiter: Der „Wiedereintritt eines in sich ruhenden Deutschlands ohne Hass im Herzen in den Kreis der europäischen Völker wäre etwas vom Kostbarsten, wonach wir streben können, wäre von entscheidendem Vorteil bei der Befreiung Europa von Gefährdung und Angst“; er „glaube, dass die britischen und die französischen Demokratien ihre Hand weit ausstrecken würden, um so eine Hoffnung zu verwirklichen“.
I have no grudge; I have no prejudice against the German people. I have many German friends, and I have a lively admiration for their splendid qualities of intellect and valour and for their achievements in science and art. The re-entry into the European circle of a Germany at peace within itself, with a heart devoid of hate, would be the most precious benefit for which we could strive, and supreme advantage which alone could liberate Europe from its peril and its fear, and I believe that the British and French democracies would go a long way in extending the hand of friendship to realize such a hope.
(24.10.1935, zitiert nach R.Langworth, a.a.O., S. 141)

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