Heutige Jugend von keinem Führer verführbar?

von macchiato

Optimistischer als alle unsere vorangegangenen Gesprächspartner blickt jener vergleichende Faschismusforscher, dessen Thesen weltweit am häufigsten zitiert, ergänzt und kritisiert werden, in die Zukunft.

Nach zweieinhalb intensiven Gesprächsstunden an der Brookes University Oxford ersuchen wir Prof. Roger Griffin, seine Sicht eines übergreifenden Faschismusbegriffs kurz auf den Punkt zu bringen und um einen schnellen Ausblick zu ergänzen (nach den etwas ausführlicheren, aber sprachlich ebenso vereinfachten Blog-Beiträgen der vergangenen drei Tage):

„Zusammenfassend beruht meine Laufbahn auf dem Ansatz, dass der Faschismus zu erklären ist durch das Bedürfnis ganz normaler Menschen in tiefsten Krisenzeiten nach einem Sinn für Heimat, für Zukunft, für Hoffnung, für Modernität. Sie wollen das Gefühl haben, dass sie einer neuen Gemeinschaft angehören, die gemeinsam in die Zukunft heldenhaft voranschreiten kann.

In der jetzigen Krisenzeit gibt es theoretisch die Gefahr, dass viele Menschen das gleiche Bedürfnis empfinden, und dass politische Projekte, die eine neue Zukunft anbieten, die sozusagen eine neue „Volkszugehörigkeit“ darbieten, wieder gefährlich werden. Aber ich glaube, dass dieses Szenario ganz falsch ist. Denn die moderne Gesellschaft ist jetzt ganz anders als in der Zwischenkriegszeit: wenn die Millionen Arbeitslosen am Ende der Weimarer Zeit Mp3s, iPhones, Videogames usw. gehabt hätten, und wenn das Fernsehen, der iPad usw. so verbreitet gewesen wären wie heute, dann hätte Hitler keine Macht über die Bevölkerung gehabt.

Was wir jetzt im Westen erlebt haben, ist eine phantastische Privatisierung des Innenlebens. Mein Sohn z.B., der zwölf Jahre alt ist, hört sich immer Musik an, er hat Kopfhörer usw. – und eine Generation, die ihre eigene Musik, ihre eigene Innenwelt hat, ihre eigenen Kriegsspiele spielen kann, ist nicht sehr politisierbar von einer sogenannten Führerfigur. Natürlich gibt es immer eine kleine Minderheit, die ihren Hass gegen Ausländer und Leute anderer Kulturen irgendwie ausleben und in die Tat umsetzen wollen, das wird’s immer geben.

Das Schöne an dieser jetzigen Krise ist, dass die Innenwelten der meisten jungen Leute sich dermaßen privatisiert haben, dass sie irgendwie entpolitisiert sind. Es wäre unmöglich, sie tausendfach zu einem Platz zu bringen und anzulocken, um Reden zuzuhören usw. Hitler hätte keine Chance in der jetzigen Gesellschaft.

Heute gibt es andere Gefahren, z.B. Gefahren des religiösen Fanatismus. Ich glaube z.B., dass bei den Muslimen, die sich ganz isoliert fühlen im Westen, es doch eine Gefahr gibt, dass eine kleine Minderheit unter den Jungen sich mit extremistischen Glaubensideen und Vorstellungen einer historischen Mission identifizieren, und dass sie irgendwie politisierbar sind. Leider braucht man sehr wenige Fanatiker, um terroristische Anschläge hervorzubringen – und das ist eine echte Gefahr. Man muss aber doch betonen, dass die große Mehrheit friedensliebend und sehr zivilisiert ist.

Der Faschismus selbst ist für mich wirklich keine Gefahr mehr. Der Faschismus ist ausgebrannt.“

(Dritter und letzter Teil unseres Gesprächsaufzeichnung mit Roger Griffin in Oxford) 

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