Churchills „Mittelweg“ zwischen drei Diktaturen

von macchiato

Im August geht das Churchill Archiv am Churchill College der Universität Cambridge online. Es enthält fast eine Million Originaldokumente aus dem Nachlass des britischen Kriegspremiers und Literaturnobelpreisträgers, vieles davon bisher nur an Ort und Stelle und nach vorheriger Absprache recherchier- und konsultierbar. Das Besondere daran sind die Churchill Papers, von der privaten Korrespondenz über unzählige Redetexte und Zeitungskommentare bis zu seinen Briefwechseln mit Monarchen, Staatsmänner, Politiker, Militärs usw.

Wir haben diese Papiere bzw. Mikrofilme daraufhin durchkämmt, ob der prominente Zeitzeuge Winston Churchill Vergleiche zwischen „unseren zwei Faschismen“ angestellt hat. Er hat.

Das können wir hier vor allem in zwei seiner Zeitungsbeiträge nachlesen. Monumental formuliert wie immer, aber für Churchill von besonderer, grundsätzlicher Bedeutung, wie wir dem vorangegangenen Briefwechsel mit seinen Herausgebern entnehmen können.

Beide Texte sind unserer Meinung nach ein ausgezeichneter Rohstoff für ein Seminar in politischer Bildung und für mindestens eine fächerübergreifende Doppelstunde in Englisch und Geschichte gleichzeitig. Denn hier vermittelt ein Meisterpraktiker beider Fächer grundlegende Diskussionsanstöße zu Demokratie und Diktatur in spannender Leidenschaft und geschliffener Einfachheit.

Beide Texte stammen aus den späten Dreißiger Jahren, als Churchill längst nicht nicht mehr Schatzkanzler und noch lange nicht Premierminister war, sondern sich in London noch als einsamer Rufer in einer Wüste von Kompromisspolitikern vorkam, mit seinen Warnungen vor der aggressiven Aufrüstungspolitik Hitlers, und seinen Ermahnungen, endlich ebenfalls mehr für die Rüstung zu tun.

Der erste dieser beiden Artikel ist 15 Manuskriptseiten lang und erscheint im Sommer 1937 im Sunday Chronicle unter der Überschrift „The better way„.. Den ersten Entwurf dieses Beitrags im März 1937 hatte Churchill eigentlich mit „The middle way“ betitelt. Damit meinte er den „Mittelweg“ der parlamentarischen Demokratie zwischen der faschistischen und der bolschewistischen Diktatur; letztere war ihm mindestens so zuwider wie die erste. Beachtlicherweise ließ er seine Überschrift von der Fleet Street korrigieren: „unser demokratisches System“ -schrieb ihm vertraulich der Chronicle-Herausgebers Wickham Steed- sei „nicht ein mittlerer, sondern ein besserer Weg“(CHAR 2, 311 A, 16th April 1937).

In einem zweiten, 22-seitigen Grundsatz-Beitrag erscheint, kommt Churchill mehr als ein Jahr später in Collier’s Weekly unter dem Motto „Dictators on Dynamite. Europe’s jittery strong men“ direkt auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mussolinis Faschismus und Hitlers Nationalsozialismus zu sprechen. Das wird Gegenstand unseres nächsten Blog-Beitrags.

Zunächst einige Kostproben aus dem ersten Vergleich, dem mit dem Bolschewismus. Denn schon da nennt Winston Churchill grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen unseren beiden Faschismen, wie sie heutige Faschismusforscher wieder besonders betonen. Z.B., wenn er gleich auf der ersten Seite von The Better Way schreibt von

„...rulers, who are also the high priests of these quasi-religious faiths…“

Als Hohepriester eines quasi-religiösen Glaubens erscheinen Churchill die Diktatoren in Rom, Berlin und Moskau: ein gleichermaßen gottloses, hasserfülltes und sehr einfach gestricktes Fanatikertum in drei Varianten, die sich nur oberflächlich unterscheiden, aber einander „in allem Wesentlichen ähneln wie eine Erbse der anderen„. Nämlich?

Erstens, im worship of the One-Man-power. in der Verehrung personifizierter Machtkonzentration:

This miserable fetish worship and the setting up of a single individual, investing him with superhuman, almost godlike power, has always been a temptation to the weak and ignorant.

Zweite Gemeinsamkeit: Angst vor Meinungsfreiheit

The next resemblance is the conception of a totalitarian state where no one is allowed to differ from or critizise the bosses who have collared the machine-guns and the radio.

Drittes Erkennungsmerkmal von Tyrannei: Unterbindung der Reisefreiheit

There is one sure test by which all tyrannical Governments can be known. None of them allows its citizens or subjects to leave the country freely…It is harder to get out of Germany or Italy than to get in.

Viertens: Aufrüstung gegen ein Feindbild

There is yet another common symptom of all those latter-day dervishisms. They all labour for some kind of war. As they are based on hatred they must always find something to hate….Thus we see the whole population turned into gigantic war machines.

Was ist neu und modern an braunen, schwarzen, roten neuen Fanatismen und Despotismen, die behaupten, neu und modern zu sein, die vorgeben, einen neuen Menschen zu erschaffen? Genau besehen gar nichts, meint Churchill schon 1937 in diesem Grundsatzartikel schließlich:

We have been writing of these fanaticisms as new religions. There are religions in the sense of a discipline. But of course there is nothing new about them. They are only the old degraded conditions of barbarism and despotism under which mankind lived for ages, from which it has no doubt shaken itself free many times, only to fall back again; from which it was hoped in the 19th century we had shaken ourselves free for ever. The only novelty is the modern weapons and Science at their command. What is there new in the worship of One-Man power? It is nothing but the old tribal chieftain. What is there new in the forbidding of criticism and the enforced conformity of party doctrine? It is only the „smelling out“ by the witch doctor in the Hottentot tribes or pigmies of Central Africa.

(N.B. Morgen folgt hier ein zweiter Beitrag, in dem Churchill 1938 einen direkteren Vergleich zwischen Hitler und Mussolini anstellt)

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