Wie Churchill Mussolini mit Hitler vergleicht

von macchiato

Unter der Überschrift „Dictators on Dynamite“ veröffentlichte Collier’s Weekly am 3.September 1938 den einzigen Zeitschriftenartikel, den wir in den Churchill Papers gefunden haben, in dem es allein um den Vergleich zwischen Hitler und Mussolini geht. Am Churchill Archive in Cambridge kann lesen wir auch die 22seitige Rohfassung unter dem Arbeitstitel „The Dictators at the Cross-Roads„, mit den letzten handschriftlichen Änderungen des Autors.

Auch wenn solche Streitschriften weniger einen analytischen als vielmehr einen propagandistisch-pamphlethaften Charakter tragen, auch wenn Churchill sie in den Jahren geschrieben hat, in denen er gerade kein wichtiges politisches Amt bekleidete, halten wir sie an dieser Stelle (wie auch im Geschichte-, Politik- oder Englischunterricht) für lesens- und zitierenswert.

Zunächst geht es kurz um die Lehrjahre des jungen Mussolini und des jungen Hitler vor dem Ersten Weltkrieg. Beide bekamen mit, was Armut heißt; und nach dem einen schlug sich auch der andere unter anderem mit Gelegenheitsarbeit als Handlanger am Bau durch, schreibt der britische Aristokratenspross Churchill, nicht ohne Respekt:

„In these same pre-war years another young man was serving his apprenticeship to battle“

Churchill selbst hatte zu diesem Zeitpunkt seine Schlachten-Lehrzeit längst hinter sich, hatte bereits fünf Kolonialkriege mitgemacht, als einfacher Soldat und als Kriegsberichterstatter. Er war neun bzw. 16 Jahre vor den beiden geboren, in eine unvergleichlich „höhergestellte“ Schicht hinein. Aber eines war wohl allen dreien gemein: die Auffassung vom Krieg als hohe Schule des Lebens, und die Interpretation von Friedenszeiten als vorübergehende Zwischenkriegs- bzw. Vorkriegszeiten.

„The War changed the lives of those two young men. The aftermath of war brought them opportunity. Both seized it. Today Herr Hitler is Dictator of Germany and Signor Mussolini is Dictator of Italy.“

Churchill geht nicht so weit, „Bravo!“ zu rufen oder „well done!„. Aber wenn „great men„, wie er sowohl Mussolini als auch Hitler beide nennt, Krieg und Krise als Chance beim Schopf packen, dann imponiert ihm das offensichtlich. Einer der beiden imponiert ihm allerdings viel mehr als der andere:

„There is between them one vital difference. Had there been no war and no aftermath Signor Mussolini would still have been a great man.“

Mussolini wäre auch ohne den Ersten Weltkrieg und dessen Folgen ein großer Mann geworden, glaubt Churchill. Hitler hingegen wäre seiner Ansicht verzichtbar gewesen für die Größe Deutschlands: dieses hätte sich auch ohne hin hochgerappelt, formidable wie es sei. Ohne Hitlers Bedeutung unterschätzen zu wollen: dieser sei eben doch eher eine Art “ Instrument des Schicksals“, wie ein Cromwell, wie ein Washington, wie ein Robespierre es gewesen seien. Mussolini hingegen sei vor allem kraft seiner ureigenen Persönlichkeit zur Führung berufen:

„Signor Mussolini belongs to a rarer type. He is not the prisoner, or the instrument, of forces outside himself. He follows no path but his own. He uses the events and circumstances of post-war Italy as he would have used those of any other clime and country. He is all-powerful, not because of what he expresses or represents, but because of what he is.“

Natürlich sei auch Mussolini ein Sohn seiner Zeit, fährt sein britischer Bewunderer fort, aber er wäre so oder so ein Führer geworden, ein Pionier, ein Entdecker:

„It has added to the leadership that would have been his in any case, the status of the pioneer, the discoverer. He it was who ushered in the epoch of the Dictators.

„Er war es, der die Epoche der Diktatoren eingeläutet hat.“ Und der nächste Satz lässt erst recht keinen Zweifel mehr offen, dass Churchill sich hier noch im Jahre 1938 bewusst als Mussolini-Bewunderer outet:

„The world can never be the same after Mussolini.“

Was Mussolini in Italien alles geschafft habe, das beschreibt und lobt Churchill anschließend auf sechs Manuskriptseiten. Er vergleicht ihn da nicht mit Hitler, rechnet Mussolini aber eine Reihe von „Erfolgen“ hoch an, die seinem Nachahmer in Deutschland letztlich ganz ähnlich zugeschrieben wurden:

„To him patriotism was real.“

„In Italy the arrival of Mussolini at the summit of power changed the whole mood and vision of the Italian people.“

„All, or almost all, set to work with enthusiasm to build up the greatness of their country.“

„Authority was respected.“

„The flag lately trampled under foot, was hoisted by ardent and innumerable hands.“

„The trains ran punctually.“

„The world had learned that Democracy, taken in the best way at the best moment by the best man, could just as easily be led to the Right as to the Left.“

„Mussolini is still the Master of the Italian people. That indeed, is only just. It is meet that the creation should honour its creator. And Benito Mussolini has made modern Italy. It is the expression and the instrument of his will.“

Und was ist mit Hitler-Deutschland? Ist das im Herbst 1938 für Churchill schon etwas ganz anderes als Mussolini-Italien? Es ist ihm auf jeden Fall weniger sympathisch. Aber Respekt nötigt ihm das Draufgängertum des „österreichischen Gefreiten“, wie er ihn meistens nennt, doch ab:

„The dream of a greater Germany, which only Hitler then dared to voice, thrilled the fighting men whose world had fallen to ruin. He marched forward fiercely attended by a gathering throng. He revived the strong by leading them to the attack of the weak and the unpopular. He united the Socialist and Nationalist conception.

Das alles passt wiederum auf Mussolini genauso wie auf Hitler. Klar, Italien, wo the first Fascist state was born, woran Churchill erinnert, hatte Hitler ja gezeigt, wo’s lang geht, den Faschismus entlang:

„The example of Mussolini taught him how to organise his adherents, harden them in street fighting, and use them in the struggle for power…And so the indomitable march went on…“

Hitlers Unterschrift unter internationale Vereinbarungen war auch nicht mehr wert als die von Mussolini:

„Hitler broke the paper bonds with which the now chatting and divided Allies sought to restrain this colossus.“

Beim Aufstieg spielten Gewalt und Leidenschaft eine sehr ähnliche Rolle wie beim Vorreiter:

„Hitler had risen by violence and passion.“

Stetige Aufrüstung gehörte zum Credo beider Diktatoren:

„There is no doubt that both the German and Italian Dictators have stolen several long marches in rearmament upon the rest of the world.“ 
„The aggressive designs of both Germany and Italy imprinted themselves upon world consciousness.“

Gleichermaßen hätten beide Diktaturen „spontane Feindseligkeit“ speziell in der Arbeiterklasse der parlamentarisch regierten Staaten hervorgerufen, behauptet Churchill – am vehementesten in Großbritannien und den USA.

Eine gemeinsame Schwäche sei ihre pathologische Angst vor der Meinungsfreiheit, vor den Ideen anderer:

„…the Dictators, for all their power, are extremely sensitive to the penetrative force of ideas. They feel themselves challenged in the very centre of their power. In spite of all their armies and legions, they feel, and to some extent, abashed.“

Auch deshalb verbrüderten sie sich und nähmen gemeinsam vor der Weltöffentlichkeit gerade dann so oft das Wort „Friede“ in den Mund, wenn sie sich zum Angriffskrieg fertig aufgerüstet hätten:

„It was natural, in these circumstances, that they should reach out hands to oner another. Thus, we have witnessed the extraordinary demonstrations of Mussolini’s visit to Berlin and Hitler’s visit to Rome. It is a tribute to the force of world opinion that on both occasions these War Lords felt themselves compelled to use the language of peace and to adopt, under much proud language, an apologetic and explanatory attitude.“

Eine zweite geradezu pathologische Angst, die die Diktatoren heimsucht, ist laut Churchill die vor Attentaten und Dolchstößen aus ihrem engsten Umkreis. Das sei der Grund, und da wird er recht originell, warum „unsere Diktatoren“ es immer so auffällig eilig hätten:

„Although our Dictators despise those who plan for less than a thousand years, they are themselves always in a hurry. This is understandable when the tasks they set themselves are contrasted with the the slender span of human life. Not only slender indeed – but precarious. For who can tell when the assassin’s bomb or bullet may pierce the circle of their secret police and guards, or whether one day these guards themselves may not become the agents of a rival? Thus, there is always at the Dictator’s heart the need to hasten. His achievements mus be more striking, more spectacular, to justify his greater power…The greater the ambitions that are cherished, the more formidable and comprehensive the undertakings that are put in hand, the more surely the Dictator may feel the end is not yet, that there are still long years ahead of him.“

„Diktaturen nähren selbst das Geschwür, das sie unweigerlich zerstören wird“, sieht Churchill abschließend voraus: „Diktatoren zermürben ihre Länder, verlangen Männern und Frauen ohne Unterlass alles ab, was diese nur in Notsituationen geben wollen.“:

„Dictatorship nurses within itself the cancer that must destroy it. The Dictators wear out their countries. They demand permanently what men and women are only willing to give in an emergency. And in the end they kill those very qualities of leadership that make them redoubtable.“

„Schwer liegt der Schatten der Diktaturen heute über der Welt“, schreibt Churchill abschließend. Aber Diktatoren untergraben ihre ureigene Führungsstärke, indem sie sich mit „hochgedrillten massenhaften Jasagern“ umgeben, meint er. Ein Grund mehr für ihn, schon in dieser Streitschrift 1938 seinen festen Glauben an die „Tatsache“ zu formulieren, dass die Demokratien letztlich tiefere Reserven an Kraft und Führungsqualität mobilisieren, und dass das Menschsein sich nur in Freiheit voll verwirklicht:

„The shadow of the dictatorships lies heavy today across the world. But the democracy may draw comfort from the fact that the deeper reserves of strenght and leadership are with them, and that it is only in an athmosphere of freedom that mankind reaches the full measure of its stature.“

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