E.Gentile: 10 Elemente einer Faschismus-Definition

von macchiato

Wir beschäftigen uns hier mit englischsprachigen Historikern. Aber Emilio Gentile ist DER italienische Faschismushistoriker, der von seinen angelsächsischen Kollegen weitaus am häufigsten zitiert wird, so gut wie immer mit Hochachtung. Er hat die angelsächsischen fascist studies mehr als jeder andere beeinflusst. Eine Reihe seiner Werke (wir haben sie in der gestrigen Eintragung hier angeführt), besonders jene über den Faschismus als totalitäre Ersatzreligion, gelten der internationalen Fachwelt als z.T. bahnbrechende Bezugspunkte und sind ins Englische, Französische und andere Sprachen übersetzt worden.

Auf deutsch liegt von Emilio Gentile merkwürdigerweise nur sehr wenig vor – und dieses verliert durch doppelte Übersetzung aus dem Italienischen ins Englische und von dort ins Deutsche an Wirkung. Aber man muss froh sein, dass z.B. sein Aufsatz über „Der Faschismus, eine Definition zur Orientierung“ für Mittelweg 36″, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, “ bei „Eurozine“ im Internet zu finden ist. Daraus bringen wir hier seine zehn „Elemente für eine Definition des Faschismus“ (auf die relativierende Kontextualisierung und Interpretation des Faschismus als Totalitarismus müssen wir hier einstweilen verzichten):    

„Die Definition, die ich vorschlage, beruht auf drei in Verbindung zueinander gesetzten Dimensionen: es handelt sich um die organisatorische, die die soziale Zusammensetzung, die Struktur, den Lebensstil und die Kampfmethoden der Partei betrifft, die kulturelle, in der es um das Menschenbild und die Ideen von Masse und Politik geht, sowie schließlich um die institutionelle Dimension, die den Komplex jener Strukturen und Beziehungen meint, aus denen sich das faschistische Regime ergibt.

A. Die organisatorische Dimension

1. eine Massenbewegung mit klassenüberschreitenden Ausmaßen, wo sowohl in den Führungspositionen wie in der Masse der Anhängerschaft hauptsächlich junge Männer des Mittelstandes eine Rolle spielen, die vorher größtenteils nicht politisch engagiert waren, sich nun aber in der neuen, bisher unbekannten Gestalt der „Parteimiliz“ organisieren und ihre Identität nicht über die gesellschaftliche Hierarchie oder die Klassenherkunft bestimmen, sondern durch das Gefühl der Kameradschaft; sie sehen sich als Vollstrecker einer Mission der nationalen Erneuerung, im Kriegszustand mit den politischen Gegnern; sie wollen das Monopol der politischen Macht und setzen Terrormaßnahmen, parlamentarische Taktik und Kompromisse mit den führenden Schichten ein, um eine neue Ordnung zu errichten, welche die parlamentarische Demokratie zerstört.

B. Die kulturelle Dimension

2. eine Kultur, die auf dem mythischen Denken und einer tragisch-archaischen Auffassung vom Leben beruht (das eine Verkörperung des Willens zur Macht sein soll), auf dem Mythos von der Jugend als geschichtsmächtiger Kraft, auf der Militarisierung der Politik als Modell für das ganze Leben und die Organisation der Gesellschaft.

3. eine Ideologie von antiideologischem und pragmatischem Charakter, die sich als antimaterialistisch, antiindividualistisch, antiliberal, antidemokratisch, antimarxistisch proklamiert, tendenziell populistisch und antikapitalistisch, eher ästhetisch als theoretisch formuliert, mit den Mitteln eines neuen politischen Stils und den Mythen, Riten und Symbolen einer Laienreligion, die dazu dient, die Massen kulturell-sozial zu einer geschlossenen Glaubensgemeinschaft zu formen, deren Ziel die Schaffung eines „neuen Menschen“ ist.

4. eine totalitäre Auffassung vom Primat der Politik, die als entscheidende Lebenserfahrung gilt und als ständige Revolution aufgefasst wird; mit ihr soll durch den totalitären Staat die Fusion von Individuum und Masse in der organisch- mystischen Einheit der Nation erreicht werden, die eine ethnische und moralische Gemeinschaft ist, während Maßnahmen der Diskriminierung und Verfolgung gegen alle jene ergriffen werden, die man als außerhalb dieser Gemeinschaft stehend betrachtet, sei es als Feinde des Regimes oder als Angehörige von Rassen, die angeblich minderwertig sind oder zumindest gefährlich für die Integrität der Nation.

5. eine Staatsbürgermoral, die von der absoluten Unterordnung des Bürgers unter den Staat ausgeht, von der totalen Hingabe des Individuums an die Nation, von der Disziplin, der Männlichkeit, der Kameradschaft, dem kriegerischen Geist.

C. Die institutionelle Dimension

6. ein Polizeiapparat, der Dissens und Opposition überwacht, kontrolliert und unterdrückt, auch mit dem Rückgriff auf organisierten Terror.

7. eine Einheitspartei, die die Funktion hat, durch ihre eigene Miliz die bewaffnete Verteidigung des Regimes – eines Komplexes neuer öffentlicher Institutionen, wie ihn die revolutionäre Bewegung geschaffen hat – zu gewährleisten; die neuen Führungskader zu stellen und eine „Befehlsaristokratie“ herauszubilden; die Massen im totalitären Staat zu organisieren und sie in einen erzieherischen Prozess der permanenten gläubig-emotionalen Mobilisierung hineinzuziehen; innerhalb des Regimes als Organ der „fortwährenden Revolution“ die Verwirklichung des Mythos vom totalitären Staat in den Institutionen, in der Gesellschaft, in der Mentalität und in den Sitten voranzutreiben.

8. ein politisches System, das auf der Symbiose von Partei und Staat beruht, durch eine Funktionshierarchie geordnet, die von oben ernannt und von der Figur des „Führers“ überragt wird, dem eine charismatische Sakralität eignet und der die Aktivitäten der Partei, des Regimes und des Staates lenkt und koordiniert sowie als oberster und nicht in Frage zu stellender Schiedsrichter bei den Konflikten zwischen den Potentaten des Regimes auftritt.

9. eine korporative Wirtschaftsorganisation, welche die Gewerkschaftsfreiheit unterdrückt und den Bereich staatlicher Intervention ausdehnt; gemäß technokratischer Prinzipien und orientiert an Solidaritätsidealen sollen Arbeiter und Bauern als unter der Kontrolle des Regimes willig Mitwirkende einbezogen werden, um so die Macht des korporativen Staates zu vergrößern, wobei das Privateigentum und die Teilung der Gesellschaft in Klassen vorausgesetzt bleiben.

10. eine Außenpolitik, die am Erwerb von Macht und der Erlangung nationaler Größe orientiert ist und in eins mit imperialistischer Expansion auf die Schaffung einer neuen Ordnung zielt.“

(Quelle: letzter Teil eines -aus dem Englischen übersetzten- Aufsatzes von Emilio Gentile „Der Faschismus – eine Definition zur Orientierung“ in „Mittelweg 36“ Nr.1/2007, hier zitiert gemäß EUROZINE: http://www.eurozine.com/articles/2007)03-07-gentile-de.html

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