Emilio Gentile präzisiert Faschismusbegriff

von macchiato

„Man hat das 20. Jahrhundert als das der Ideologien definiert, das der Extreme, des Totalitarismus, des Kommunismus, der Demokratie. Auch der Faschismus könnte den Anspruch erheben, das Signet seines Namens der Geschichtsdefinition des gesamten 20. Jahrhunderts aufzuprägen. Wäre es also legitim, das 20. Jahrhundert als das des Faschismus zu bezeichnen? Müssen wir vielleicht einräumen, dass Mussolini recht hatte, als er prophezeite, es werde das Jahrhundert des Faschismus sein?

Prüfen wir die vorgeblich vielgestaltige Universalität des Faschismus. Es mag nützlich sein, ihm die historische Erfahrung des Kommunismus gegenüberzustellen…Der Faschimus hat eine solche Form der Universalität nie gekannt, nicht im ideologischen Sinne und nicht in politischer Hinsicht. Betrachtet man den Faschismus als supranationales Phänomen, so besitzt er keine einheitliche Matrix, keine ideologische Einheit und keine gemeinsame Antriebskraft. Es ist kein Zufall, dass es zwar eine Komintern, aber keine Faschintern gegeben hat.

Auch wenn der Faschismus Jünger und Nachahmer in allen Teilen der Welt fand, auch wenn er den Ehrgeiz hatte, den traditionellen Nationalismus in der Nuova Civiltà des italienischen Fascismo oder in der Neuen Ordnung des Nationalsozialismus aufzuheben, glaube ich nicht, dass man ihn als ein politisches Phänomen fassen kann, zu dem das Bewusstsein universeller Berufung gehört. Die nationalistische oder rassistische Matrix prägt Wesen und Entwicklung des Faschismus entscheidend. Sie ist von einer nach Ursprung und Berufungsbewusstsein genuin internationalistischen Bewegung dem Wesen nach verschieden.

Die Risiken des „generischen Faschismus“

Insofern glaube ich, dass die Erscheinungsform des Faschismus im 20. Jahrhundert, seine historische Wirklichkeit, neu zu umreißen ist. Dies wird besonders deutlich angesichts der Folgen, die der nachgerade inflationäre Gebrauch der Kategorie „generischer Faschismus“ zeitigt. Unter diesem Begriff werden häufig nicht nur die Bewegungen, Regime und Personen zusammengefasst, die sich selbst, in der Zwischenkriegszeit und danach, als faschistisch bezeichnet haben, sondern auch all jene, welche die jeweiligen Autoren gemäß ihrer eigenen Definition als „faschistisch“ betrachten, auch wenn sie sich selbst nicht so bezeichnet oder eine solche Zuordnung bestritten haben. Es ist gar die Rede von Leuten, die Faschisten gewesen seien, ohne es zu wissen, also von einem quasi „objektiven“ Faschismus.

Die theoretischen Untersuchungen zum „generischen Faschismus“ sind in der Forschung zu den politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts ein isolierter Einzelfall geblieben. Jedenfalls sind mir Begriffsprägungen wie generischer Jakobinismus, generischer Liberalismus, generischer Sozialismus oder generischer Bolschewismus nicht bekannt. Vielleicht sollte das Faktum dieses offenbar singulär gebliebenen Ansatzes zu neuerlichem Nachdenken über eine solche Begriffsverwendung bei der Analyse der historischen Wirklichkeit führen? Der Nutzen einer Definition – im ursprünglichen Sinne des Wortes – liegt doch im Begrenzen, im Einschränken und darin, Trennungen vorzunehmen.

Die Definition eines „generischen Faschismus“ lässt demgegenüber die deutlichen historischen Konturen des Faschismus verschwinden. So kommt es zu einem „elastischen“ Faschismus, der sich in Zeit und Raum ständig ausdehnt oder zusammenzieht: Mal umfasst er den ganzen Planeten, dann beschränkt er sich wieder auf einen Teil Europas; mal dehnt er sich über zwei Jahrhunderte aus, vom Jakobinismus und De Maistre bis auf den heutigen Tag, um dann wieder auf die Periode zwischen den Weltkriegen zusammenzuschrumpfen. Diese exzessive Elastizität und die ständig neuen Spezifizierungen, die unausweichlich bei der Anwendung des Begriffs „generischer Faschismus“ eingeführt werden müssen, um den unterschiedlichsten geschichtlichen Erfahrungen Rechnung zu tragen, sollten eine Warnung vor der Ausarbeitung allzu umfassender Theorien des Faschismus sein. Sie riskieren, in Interpretationen zu münden, welche die Komplexität des Faschismus in einer fragwürdigen Eindimensionalität erstarren lassen.

Der Faschismus ist nicht lediglich eine Ideologie

Bei Versuchen, ein allgemeines Modell des Faschismus zu formulieren, hat das sowohl zur Vernachlässigung der organisatorischen Dimensiongeführt, d.h. von Fragen, welche die soziale Zusammensetzung von Bewegung und Partei, ihre organisatorische Strukturierung und den Habitus ihres Auftretens betreffen, als auch zur Vernachlässigung der institutionellen Dimension, das heißt des Komplexes von Institutionen, der die genuine und originelle Struktur des vom Faschismus geschaffenen politischen Systems nach der Machtergreifung ausgemacht hat. Diese beiden Dimensionen sind – zusammen mit der ideologischen– unablösbare Attribute der historischen Wirklichkeit des Faschismus.

Die irrationalistische und mythische Eigenart faschistischer Kultur anzuerkennen heißt nicht, dem Faschismus eine eigene Rationalität abzusprechen, sei es nun in der Kultur oder in dem, was der Faschismus faktisch als Organisation und Institution darstellte. Ohne diese Rationalität, ohne seine Ausformung als Partei und Regime, ohne seine Mutation zur Ideologie eines modernen Staates wäre der Faschismus wohl nur ein marginales Phänomen der politischen Kultur geblieben, begrenzt auf die Lager des intellektuellen Snobismus und des Sektierertums. Der Nexus zwischen Mythos und Organisation, zwischen Irrationalität und Rationalität, ist ein unauflösliches Element des Faschismus, das in allen theoretischen Versuchen als solches mitzubedenken ist.

Dass der italienische Faschismus etwas Neues darstellte, scheint mir unwiderleglich, denn er war
a. die erste nationalistisch-revolutionäre Bewegung, die in einer Parteimiliz organisiert war, kraft derer sie das Gewaltmonopol der Staatsmacht brach und die parlamentarische Demokratie zerstörte, um einen neuen Staat aufzubauen und die Nation zu erneuern,
b.die erste Partei, die das mythische Denken an die Macht brachte und die Sakralisierung des Politischen institutionalisierte, mit den Instrumenten (Dogmen, Mythen, Riten, Symbolen und Geboten) einer politischen Religion, die exklusiv und integralistisch auftrat und als kollektiver Glaube verordnet wurde,
c. das erste politische Regime, das kraft der bereits angeführten Elemente von Beginn an als „totalitär“ definiert wurde, während dieses Prädikat auf dem Weg der Analogie erst nach und nach auch dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus zugeschrieben wurde.

Diese drei Charakteristika sind nach meinem Dafürhalten die Grundelemente einer Definition des italienischen Faschismus und dessen, was an ihm neu war; sie wären auch die Ausgangsbasis für die Konstruktion eines allgemeinen Modells.

 Die grundlegenden Bestandteile der Faschismusinterpretationen bürgerliche Reaktion, moralische Krisis, Ausdruck nationaler Besonderheiten, Revolution des Mittelstandes, totalitäres System – sind allesamt zuerst in Italien während der 20er Jahre aufgetaucht und wurden dann auf andere Bewegungen und Regime mit ähnlichen Zügen angewandt und präziser ausformuliert. Das Gleiche wird sich für den Begriff des Totalitarismus zeigen.“

(Quelle: „Mittelweg 36“, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Heft 1/2007, zitiert gemäß http://www.eurozine.com/articles/2007-03-07-gentile-de.html)

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