Italien, das erste Laboratorium des Totalitarismus

von macchiato

Der Begriff des „Totalitarismus“ sei eines der wesentlichen Elemente seiner Faschismusinterpretation, erläutert Emilio Gentile, jener italienische Historiker, der von der einschlägigen angelsächsischen Forschung am meisten geschätzt wird, 2007 in seinem Orientierungsaufsatz zum Faschismus in der Zeitschrift „Mittelweg 36„, dem wir heute folgende Ausschnitte entnehmen:

„Der Faschismus war historisch die einzige Einparteiendiktatur des 20. Jahrhunderts, die sich selbst als totalitäre Staatlichkeit begriff (…)
Der auf den Stalinismus und Nationalsozialismus eingeschränkte Gebrauch des Totalitarismusbegriffs, den wir bei so vielen Politologen und Historikern antreffen (…), hat beinahe vergessen lassen, dass dieser Begriff mit dem Faschismus und aus dem Faschismus entstanden ist (…)

Gefordert wurde die Konzentration aller Macht in den Händen der Partei und des Duce, geplant war die Faschisierung der Gesellschaft durch Kontrolle der Partei über alle Bereiche des öffentlichen Lebens mit dem Ziel einer, wie es Mussolini definierte, „Umgestaltung des Wesens“ der Italiener. Eine neue Rasse von Eroberern und Herrennaturen sollte geschaffen werden (…)

Meine Definition des Faschismus (…) beruht auf einer Analyse der konkreten historischen Wirklichkeit des italienischen Faschismus – gewonnen durch Forschung, Reflexion und durch den Vergleich mit anderen Einparteienherrschaften (…)

Mit dem Wort Totalitarismus“ definiere ich also ein Experiment politischer Herrschaft, verwirklicht von einer revolutionären Bewegung, die in einer militärisch disziplinierten Partei mit einer integralistischen Auffassung von Politik organisiert ist, ein Machtmonopol anstrebt und, sobald sie dieses Monopol mit gesetzlichen oder außergesetzlichen Mitteln erlangt hat, die vorherige Regierungsform zerstört oder umwandelt und einen neuen Staat errichtet, beruhend auf der Herrschaft einer einzigen Partei und mit dem Hauptziel einer Eroberung der Gesellschaft, d.h. der Unterwerfung, Integration undHomogenisierung der Beherrschten gemäß dem Prinzip der vollständigen Politisierung der individuellen wie kollektiven Existenz, die nun im Lichte der Vorstellungen, Mythen und Werte einer Ideologie nationaler Wiedergeburt gesehen wird, sakralisiert in Form einer politischen Religion mit dem Anspruch, Individuum und Masse durch eine anthropologische Revolution zu formen, das menschliche Wesen zu erneuern und einen neuen Menschen zu schaffen, der mit Leib und Seele für die Verwirklichung der revolutionären und imperialistischen Pläne der totalitären Partei kämpft, um eine neue supranationale Ordnung zu errichten.

Am Beginn des totalitären Experiments steht als Gründer und Urheber eine revolutionäre Partei, die ihr Machtmonopol als unaufhebbar betrachtet, die Existenzmöglichkeit anderer Parteien und Ideologien verneint und im Staat ein Mittel zur Verwirklichung ihrer Herrschafts- und Erneuerungspläne sieht. Die grundlegende Voraussetzung des totalitären Regimes ist eine revolutionäre Massenbewegung mit integralistischer Ideologie und dem Ehrgeiz, das staatliche Gewaltmonopol zu erobern. Das totalitäre Regime ist ein politisches System, das auf der Symbiose von Staat und Partei beruht und auf einem Komplex mächtiger Institutionen, beherrscht von den Hauptvertretern einer neuen Befehlsaristokratie, ausgewählt vom Führer der Partei, der mit seiner charismatischen Autorität die gesamte Struktur des Regimes beherrscht. Das totalitäre politische System funktioniert als Labor, in dem man am Experiment einer anthropologischen Revolution arbeitet, an der Erschaffung eines neuen Menschentyps.

Was den Totalitarismus im Sinne dieser Definition charakterisiert, ist seine innere Dynamik, die sich in der Forderung nach einer permanenten Revolutionausdrückt, einer kontinuierlichen Expansion politischer Macht, einer ständigen Intensivierung der Kontrolleüber die Gesellschaft mit stets neuen Eingriffen– die Gesellschaft soll durch ein immer weiteres und engeres Netz der Organisation und Integration ganz der Partei unterworfen werden.

Der totalitäre Staat als politisches Laboratorium ist zum fortwährenden Experimentieren verdammt, um seine anthropologische Revolution in der Gesellschaft zu verwirklichen. Dass ich den Totalitarismus als Experiment definiere und nicht so sehr als Regime, soll die Verbindung zwischen seinen wichtigsten Grundelementen unterstreichen und seinen dynamischen Charakter hervorheben – er ist ein ständiger Prozess und kann an keinem Punkt seiner Verwirklichung als abgeschlossen betrachtet werden.

Der faschistische Totalitarismus war ein Experiment, das sich nach und nach in der politischen Kultur, in den Institutionen und im Lebensstil des faschistischen Regimes verwirklichte, im Zuge einer komplexen Wechselbeziehung zwischen Ideologie, Partei und Regime. Das betraf nicht nur die Innenpolitik, die Institutionen, die Gesellschaft, die Kultur, es beeinflusste auch die Entscheidungen und Ziele der Außenpolitik.

Das totalitäre Experiment des Faschismus verschlang sich in seinen Rhythmen, Zeitabläufen und Methoden mit anderen totalitären Experimenten und endete wie jene in der Katastrophe. Gewiss gelang es dem Faschismus nicht, seine totalitären Wunschvorstellungen zu realisieren. Der Zweite Weltkrieg hielt ihn auf. Es ist daran zu erinnern, dass dieses totalitäre Experiment an der militärischen Niederlage zugrunde ging. Der Faschismus scheiterte nicht am Widerstand der Monarchie oder anderer traditioneller Institutionen, die erst aktiv wurden, nachdem der faschistische Großrat einem politisch bereits dem Untergang geweihten Duce das Vertrauen entzogen und so den Zusammenbruch des Regimes ausgelöst hatte.

Das totalitäre Experiment in Italien, das die faschistische Partei und ihr Führer in Gang brachten, weist zweifelsohne deutliche Unterschiede gegenüber denen des Kommunismus und Nationalsozialismus auf. Sie verringern freilich nicht seine historische Bedeutung für ein Verständnis des totalitären Phänomens im 20. Jahrhundert. Wenn es heißt, der Faschismus habe keinen „perfekten Totalitarismus“ verwirklicht, ist dem Befund sicherlich zuzustimmen.

In keinem totalitären Regime war das Gewaltmonopol rein monolithischen Charakters; nie ist die Eroberung der Gesellschaft vollständig gelungen; niemals hat die anthropologische Revolution den neuen Menschentyp hervorgebracht, der dem phantasierten Modell entsprochen hätte; auch konnte die politische Religion zu keinem Zeitpunkt die gesamte Bevölkerung in eine Gemeinschaft von Gläubigen verwandeln.

Zu konstatieren, dass es historisch kein totalitäres Experiment gegeben hat, das als „vollkommen “ oder „gelungen“ bewertet werden könnte, heißt aber gewiss nicht, der Totalitarismus habe nie existiert. Die totalitären Laboratorien wurden errichtet, und sie haben ihre Arbeit mit dem Ziel aufgenommen, den sozialen Organismus umzuformen und einen neuen Menschen zu erschaffen. Und bei ihren Versuchen haben sie die Existenz von Millionen Menschen berührt, verändert, beschädigt oder ausgelöscht. Es steht außer Zweifel, dass der faschistische Staat eines dieser Laboratorien gewesen ist.“

(Quelle: „Mittelweg 36“, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Heft 1/2007,zitiert gemäß http://www.eurozine.com/articles/2007-03-07-gentile-de.html)

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