Mit Sir Ian Kershaw zu klaren Fragestellungen

von macchiato

Ob er nicht irgendwann genug habe von Hitler, fragten wir ihn.

„Jetzt“, antwortete Ian Kershaw.

Das war im Juni, als er in einem verregneten Zelt im Dörfchen Hay-on-Wye viele Dutzend Exemplare sein jüngstes Buches „The End“ signierte. (Allan Lane, 2011. Der deutsche Titel lautet „Kampf bis zum Untergang. NS-Deutschland 1944/55“ und ist 2011 bei DVA erschienen).

The best-selling British historian, so wurde er den 1200 (!) anwesenden Bücherwürmern vorgestellt.

Für Verdienste um die deutsche Geschichte ist er bereits 1994 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. 2012 machte ihn die britische Königin Elisabeth II. zu Sir Ian Kershaw. Für Verdienste um die europäische Verständigung erhielt er 2012 zusammen mit Timothy Snyder den Leipziger Buchpreis.

Aber weder die beiden Bände, die Ian Kershaw weltberühmt gemacht haben (Hitler: 1989-1936. Hubris, Hitler 1936-1945. Nemesis, beide W.W. Norton & Co 2000/2001; auf deutsch bei dtv 2002, auf italienisch 2004 bei Bompiani, u.v.a. Sprachen) noch sein obgenanntes jüngstes Werk sind für unsere vergleichende Fragestellung seine passendsten Bücher.

Ergiebiger sind da einige Kapitel aus zwei früheren Titeln: einmal „The Hytler Myth, Image and Reality in the Third Reich (Oxford University Press, 1987/2001; dt. „Der Hitler-Mythos. Das Profil der NS-Herrschaft„, 3.Auflage, dtv, München 2001); und zweitens „The Nazi Dictatorship, Problems and Perspectives of Interpretation (Hodder Arnold, London, 1985/1993 (auch auf dt. verarbeitet zu „Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick“ 3.Auflage, Rowohlt, Hamburg 2002).

Hier unsere Zusammenfassung einiger Grundgedanken aus dem letztgenannten Buch, in dem Ian Kershaw zunächst weit ausholt:

Alle Geschichte ist Zeitgeschichte, meinte Benedetto Croce: Jede Generation schreibt die Geschichte neu; die Perspektiven wechseln ständig. Das gilt besonders für die Betrachtung Hitlerdeutschlands. Kershaw hat da den Sisyphos-Ehrgeiz, zu mehr Klarheit beizutragen („grasping the essence of the Nazi system, there ought to be clarity„:

„The extent of the literature on Nazism is so vast that even experts have difficulty in coping. And it is clear to see that students specializing in modern German history are frequently unable to assimilate the complex historiography of Nazism and to follow interpretational controversies carried out for the most part in the pages of German scholarly journals or in scholarly monographs. My book was written with this in mind…it is an attempt to examine the nature of a number of central problems of interpretation…which confront present-day historians of Nazi Germany.“

Welche zentralen Interpretationsprobleme zum Beispiel?

„whether it can be most satisfactorily viewed

as a form of fascism

as a brand of totalitarianism, or

as a unique product of recent German history.“

Die Vergangenheit erklären ist allen Historikern aufgegeben. Aber bestimmte Vorgänge in NS-Deutschland wirklich verstehen und rational erklären ist eigentlich unmöglich:

The varied approaches to the history of the Third Reich…share a common aim: to offer an adequate explanation of Nazism.

Arguably an adequate explanation of Nazism is an intellectual impossibility.

Nur mit Vernunft sei die NS-Zeit unmöglich zu erklären; da spielt immer Emotionales und Moralisches mit hinein, wegen der -wie sich Kershaw ausdrückt- „Untrennbarkeit“ historischer NS-Forschung von der Notwendigkeit „politischer Bildung“ („...the inseparability of historical research on Nazism from ‚political education‘). Das ist es, was ein rein wissenschaftliches Verstehen von Faschismen so unmöglich macht, das Bemühen um Klarheit aber umso wichtiger; da teilt Kershaw ein latent feeling of some historians that, above all in grasping the essence of the Nazi system, there ought to be clarity.

Der forschende Blick von außen mag periodischen nationalen Historikerstreit klarer, jedenfalls distanzierter sehen als wenn er mittendrin von der Partie wäre. Kershaw sieht drei Dimensionen:

die historisch-philosophische, die politisch-ideologische und die moralische beim Thema Nationalsozialismus exemplarisch ineinander verwoben. Die dritte ist die problematischste:

Is it a matter of condemning a uniquely evil phenomenon which by the nature of its uniqueness can never repeat itself and is gone for ever?

Nein, drängt sich uns da als Antwort auf. Bräuchten wir den Faschismus nur verdammen, als etwas einzigartig aber unwiederholbar Böses, dann hätten wir es leicht. Kershaws zweite Fragestellung ist die grundsätzliche für unsere Auffassung von politischer Bildung:

Is it to draw lessons from this horror of the past about the fragility of modern democracy and the need to maintain a constant guard against the threat to liberal democracy from Right and Left?

Aus der Vergangenheit lernen, wie zerbrechlich moderne Demokratien sein können, und wie wachsam wir immer bleiben müssen gegen alle Bedrohungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und da wird in unserem Zusammenhang hier die dritte Frage, mit der er uns konfrontiert, die zentrale:

Is it to provide strategies for the recognition and prevention of the re-emergence of fascism?

Früherkennungs und Vorbeugungsstrategien gegen ein Wiederauftauchen des Faschismus – wir übernehmen auch diese Fragestellung für unsere Zwecke, weiten die Formulierung aber aus: „gegen ein Auftauchen faschistoider Tendenzen„. Denn uns geht es hier und heute nicht ausschließlich darum, etwas nicht „wieder“ auftauchen zu lassen, was sofort als „altfaschistisch“ identifizierbar ist, also etwas, das sich ausdrücklich von historischen Faschismen herleitet, sondern mindestens genauso um die rechtzeitige Erkennung und Vorbeugung von möglichen faschistoiden Entwicklungen, also solchen, die nicht unbedingt alle, aber einige wesentliche Grundelemente bzw. Gemeinsamkeiten der bekannten Faschismen so zeitgemäß-professionell unter die Leute bringen, dass sie heute oder morgen nicht „wieder“, sondern „völlig neu“ und cool wirkungsvoll sein können, wo in der Welt auch immer.

 

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