Ian Kershaw über deutsche Zeitgeschichtsschreibung

von macchiato

Bevor er die international höchst geschätzte Hitler-Biographie schrieb, hat sich Ian Kershaw tief in die deutsche Geschichtsschreibung und in die facettenreiche NS-Forschung in West- und Ostdeutschland eingelesen bzw. auf sie eingelassen: Leopold von Ranke, Friedrich Meinecke, Gerhard Ritter, Ernst Nolte, Hannah Ahrendt, Fritz Fischer, Klaus Hildebrand, Andreas Hillgruber, Hans-Ulrich Wehler, Peter Steinbach, Norbert Frei, Karl-Dietrich Bracher, Saul Friedländer und nicht zuletzt mit seinen „Mentoren und intellektuellen Inspiratoren“ Martin Broszat und Hans Mommsen – mit diesen und anderen setzt sich Ian Kershaw unter anderem in dem Buch auseinander, das wir hier zitieren wollen: The Nazi Dictatorship, Problems and Perspectives of Interpretation (Hodder Arnold, London 1993).

Ian Kershaw ist beeindruckt von der Intensität und dem Ernst, mit denen sich seine west- wie ostdeutschen Berufskollegen der „Vergangenheitsbewältigung stellen. Diesen spezifisch deutschen Begriff kann man im sonst so prägnanten Englisch (und erst recht im Italienischen) nicht so kurz fassen; Kershaw umschreibt ihn so: „mastering the Nazi past, coming to grips with and learning from Germany’s recent history„.

Bei aller Hochachtung vor den Aufarbeitungs- und anderen Leistungen der deutschen Historikerzunft fällt dem britischen Auge die eine oder andere Eigenheit zum Teil auch kritisch auf.

Kershaw nutzt das, was man ihm wie anderen englischsprachigen Historikern als Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren kontinentaleuropäischen Kollegen gutschreiben mag, nämlich eine gewisse Distanz zum Untersuchungsgegenstand, unter anderem zu folgenden Anmerkungen:

Er sieht eine immer unüberschaubarere „Fragmentierung“ der NS-Forschung in unzählige Monographien über alle nur denkbaren Aspekte. Da werde es immer schwieriger, auch für GeschichtestudentInnen, sich den notwendigen Überblick zu erarbeiten, und die Einsicht in das, was welthistorisch wesentlich bleibt an jenen Entwicklungen.

Ferner beobachtet Ian Kershaw,Social history, Alltagsgeschichte „von unten“, Wirtschaftsgeschichte usw. seien in der deutschen Geschichtsschreibung erst spät aufgewertet worden, im Vergleich zur herkömmlichen Staats- und Staatengeschichte.

„Unvergleichlich stärker als in jedem anderen Land“ erscheint Ian Kershaw die geschichtswissenschaftliche Tradition in Deutschland vom Historismus und vom philosophischen Idealismus beeinflusst. Diese betone die Einzigartigkeit geschichtlicher Ereignisse und Persönlichkeiten, messe dem Willen und den Absichten im historischen Prozess eine überwältigende Bedeutung bei, und hege kaum Zweifel an der Staatsmacht als Selbstzweck.

Diese Tradition legt laut Kershaw so manchem deutschen Historiker nahe, den Nationalsozialismus im nachhinein als einen einmaligen Super-GAU außerhalb der eigentlichen historischen Kontinuität Deutschlands zu interpretieren, verursacht von einem dämonischen Hitler, quasi neu hereingebrochen über eine an sich „gesunde“ deutsche Geschichte.

Wir fühlen uns hier an italienische Verdrängungsthesen erinnert, wonach der Faschismus in Italien so gut wie nichts mit dem großen nationalgeschichtlichen Kontinuum zu tun habe, sondern quasi in Klammern zu setzen sei, als sei die „richtige“, die offizielle Geschichte dieses Landes nur vorher und nachher abgelaufen…

An den fachlichen bis geschichtsphilosophischen Kontroversen unter deutschen Zeitgeschichtlern (Stichworte Historikerstreit, deutscher Sonderweg, Historisierung, Fischer, Goldhagen usw.) fällt Kershaw der „kompromisslose Schlagabtausch“ auf, was den theoretischen und methodologischen Zugang zur NS-Ära im Besonderen, aber auch zur Geschichtsschreibung im Allgemeinen betrifft. Damit meint er nicht nur die Kluft zwischen marxistisch und liberaldemokratisch geprägten Historikern; auch wie letztere miteinander umgehen, fällt ihm auf:

controversies between historians of different kinds of liberal-democratic persuasion. The politicization of the debate is here more latent than overt. In so far as it comes into the open at all, it is darkly reflected in philosophical disputes about the relevance of present-day social and political values to the historian’s writing, and whether these should be banished in the interests of a ‚value-free‘ and ‚objective‘ history. There is general agreement on the historian’s task of ‚enlightenment‘ in the values of reason, freedom, and ‚emancipation‘, but such a vague commitment to virtue not sin natural leaves room for a multitude of often only semi-concealed ideological positions. And…it also does not prevent the occurrence of slights and slurs as the accompaniment to scholarly controversy.“

Vage Bekenntnisse zu Tugend statt Sünde lassen Raum zu vielfältigen, oft halb versteckten ideologischen Posititionen, und auch zu übler Nachrede als Begleiterscheinung von Gelehrtenstreit, „- damit hat Sir Ian sicher recht. Aber zu seinem letzten Nebensatz erlauben wir Britannien-Besucher uns eine Randbemerkung: auch englischsprachige Historiker scheinen bei Bedarf durchaus zu scharfzüngigen Werturteilen über ihre Berufskollegen gleicher Zunge fähig…

Advertisements