Trübt die moralische Dimension den Blick?

von macchiato

In der Nachkriegszeit besonders, aber auch weiterhin, ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in und außerhalb Deutschlands, wie Ian Kershaw beobachtet, unweigerlich von der moralischen Dimension beherrscht, mit unterschiedlichen Zielscheiben und Untertönen, von verallgemeinernd bis verdammend, von verdrängend bis verteidigend. Härter als bei jedem anderen Thema sind hier die Historiker mit dem Dilemma konfrontiert, das sie nicht umhin können, ihren Untersuchungsgegenstand zu verurteilen, ihn aber trotzdem so weit wie möglich sine ira et studio erklären sollen, was ja ihre Hauptberufung sein sollte:

Whereas historians traditionally try to eschew moral judgement (with varying degrees of success) in attempting to reach a sympathetic ‚understanding'(Verstehen) of their subject matter, this is clearly an impossibility in the case of Nazism and Hitler.

Moralische Werturteile trüben den Forscherblick. Oder etwa nicht?

Wenn wir unseren Untersuchungsgegenstand verachten, wie können wir ihn dann jemals so verstehen, dass wir ihn uns und anderen plausibel erklären können?

In dieser Frage steckt wohl die größte Herausforderung bei der Erforschung des Faschismus.

Eine Herausforderung, der sich gewissenhafte Historiker und Politikwissenschaftler zwar auch angesichts anderer Regime zu stellen haben, aber kaum jemals in dieser Härte.

Eine gewaltige Herausforderung, deren Annahme Ian Kershaw und andere offensichtlich reizt, und die sie für wichtig und lohnend halten. Wir auch.

N.B. Wegen einer Reise könnte es sein, dass dieser Blog an den kommenden Tagen nicht wie gewohnt täglich (oder fast) aktualisiert wird. Aber im Laufe der nächsten Woche wird dann hier unter anderem die 100.Eintragung erscheinen.

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