Faschisten sind immer die anderen

comparative fascist studies on Italy and Germany

Monat: August, 2012

Neue Perspektiven eröffnen, Überdruss überwinden

Dieser Weblog zur vergleichenden Faschismusforschung soll ein kleiner interkultureller Beitrag zu einer neuen Vermittlungspraxis von zeitgeschichtlicher und politischer Bildung sein, zu einer Vermittlung, die nicht Gefühle des Überdrusses und des Übersättigung, der Ablehnung und Ignoranz erzeugt.Zu ausgiebigen Zitaten -und Beherzigen derselben- inspiriert ein Ausblick in der Mittsommerausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ): „Zur Zukunft des historischen Lernens“ von Hanna Huhtasaari, der Referentin für Erinnerungskultur und Gedenkstätten im Fachbereich Print der Bundeszentrale für Politische Bildung. Zunächst unterscheidet sie beim Thema Nationalsozialismus zwei parallele Phänomene, die vom Wesentlichen ablenken können: Sättigung und Gruselfaktor:

„Ich kann es nicht mehr hören, ich weiß schon alles darüber“

„Wo sind die Gaskammern? So schlimm war es wohl doch nicht“

Die Tatsache, dass Hitler in den Medien präsenter denn je ist,verleite zur Einschätzung, man wisse genug über das Thema, meint Huhtasaari.Bei näherer Betrachtung zeige sich jedoch, dass die Kenntnisse von der Geschichte lückenhaft und abstrakt sind.

Laut Huhtasaaris ist es heutzutage „zum Glück kaum mehr notwendig zu fordern, dass an den Holocaust zu erinnern und der Opfer zu gedenken sei. Die Schülerinnen und Schüler heute haben kaum Erfahrungen damit gemacht, dass diese Geschichte „verleugnet“ oder „verdrängt“ werden sollte.“ Dementsprechend fern liegt den meisten von ihnen das hartnäckige Engagement der „Generation Aufarbeitung„, der in den 1950er und 1960er Jahren geborenen Lehrer und Gedenkstättenpädagogen.

Was dann? Historisches Lernen sollte weder aus Auswendiglernen von Geschichtsfakten noch aus vorgegebenen historischen Deutungen bestehen. Stattdessen ist die Fähigkeit zu vermitteln, Vergangenheit erkennen, Narrative deuten und Geschichtskonstruktionen kritisch hinterfragen zu können.“

Wichtiger also als die Frage, was passiert ist, sei heute die Frage, wie es dazu kam:

Was hat junge Menschen am Nationalsozialismus fasziniert? Wie wird man zum Täter, wie zum Mörder? Wie handelt ein Mensch unter bestimmten Bedingungen und unter einer Diktatur? Warum haben einige geahnt, dass es ein Weg in die Diktatur war? Was waren die Vorzeichen auf dem Weg dorthin und wie kann man diese erkennen? Wie funktionieren Mechanismen der Ausgrenzung – damals wie heute?“

Fragen, die nicht von der Geschichtsschreibung allein beantwortet werden können. Sie erfordern interdisziplinäre Antworten und weitere Fragestellungen:

„Wann werden positive und negative Eigenschaften sozialen Kategorien oder Gruppen zugewiesen? Wie entstehen Vorurteile, Stereotype und Diskriminierung, wie kommt es zu Ausgrenzung und Ausschluss? Wann wird anderen die Gleichheit abgesprochen?“

Neben der Interdisziplinarität ist Multiperspektivität, neben der Opferperspektive auch erweiterte Täterforschung angesagt, fährt die bpb-Expertin fort:

„...setzte die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Wehrmachtsangehörigen beispielsweise erst in den 1990er Jahren ein. Auch die Erforschung der „gewöhnlichen“ Bevölkerung und ihrer Beteiligung sowie der regionalen Verwaltung, der Industrie und ihrer Akteure ist noch weitestgehend ausgeblieben.

Wenn wir heute von Zeitzeugen sprechen, meinen wir in der Regel Opfer des Nationalsozialismus…Dabei ist es doch paradox, die Opfer nach Hintergründen, Handlungen und Ereignissen, die zu Verfolgung und Vernichtung führten, zu befragen – und nicht die Täterinnen und Täter.

Durch Einbeziehung der Akteure (Täter, Zuschauer, Mitläufer, Helfer) lassen sich Fragestellungen entwickeln, die das Geschehen an konkreten Beispielen vor Ort thematisieren:

Wie haben die Menschen reagiert? Wie haben Verantwortliche gehandelt, wurden Handlungsoptionen genutzt?

Statt also die Erwartungen des ‚Gruselfaktors‘ zu bedienen, ist Geschichtsvermittlung möglichst aus verschiedenen Blickwinkeln zu gestalten. Betrachtet man die Geschichte nicht nur aus der Opfer-Täter-Perspektive, sondern bezieht auch Mitläufer, Helfer, Retter, Zuschauer, Profiteure mit ein, ermöglicht dies eine differenzierte Auseinandersetzung und eröffnet Fragen nach alternativen Handlungsoptionen. Vor allem dieser Aspekt ist für die Bildungsarbeit zentral. Die Perspektiverweiterung verdeutlicht, dass die Rollen nicht eindeutig festgelegt sind. Denn aus Zuschauern können Täter, Profiteure oder Kollaborateure werden. Moralisch eindeutige Urteile werden so deutlich schwieriger, wenn nicht unmöglich, und eine reine Opferidentifikation wird verhindert.“

Die gebräuchlichste Einengung unserer Perspektive ist jene auf das Nationale, schreibt Hanna Huhtasaari, auf das Ethnische, das Regionale, das Lokale. Das sind den meisten von uns die liebsten Scheuklappen, mit denen wir uns als Wir gegenüber den ceteros, den Übrigen, abschotten:

„In der Regel folgt ein Geschichtskanon einer nationalgeschichtlichen Perspektive und lässt hierbei bestimmte Sichtweisen, beispielsweise von Migranten in einer Gesellschaft, außen vor beziehungsweise vernachlässigt sie. Somit zieht man eine Grenze zwischen der „Wir-Gemeinschaft“ und „den Anderen“.

Aber Geschichte richtet sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern geschieht aus der Gegenwart heraus und folgt einem Interesse an der Zukunft. Konstruktionen von Geschichte erkennen und hinterfragen, Dekonstruieren statt Auswendiglernen von Fakten – das ist das Wesentliche im Zeitalter von Wikipedia, meint die Expertin der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung:

In unserer Informationsgesellschaft haben wir nicht mehr das Problem, Zugang zu Daten und Fakten zu erhalten und Informationen zu beschaffen. Mithilfe von Suchmaschinen erhält man zu fast allen Themen in Sekundenschnelle meist mehrere tausend Treffer. Nur: wie geht man mit dieser Flut an Informationen um? Nach welchen Kriterien soll man Daten bewerten und einordnen? Die neue Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist der richtige und kritische Umgang mit den zur Verfügung stehenden Informationen. Hier muss die politische Bildung Angebote machen. Sie muss Schülern und Studierenden Antworten geben können auf die Fragen, wie Geschichtsrecherche im Zeitalter von Wikipedia aussiehtund welche Geschichtskompetenzen wir zukünftig brauchen. Denn nur wer Information einschätzen, quellenkritisch hinterfragen und vermitteln kann, wird sich in einer digitalen Gesellschaft konstruktiv beteiligen und einbringen können.

Die historisch-politische Bildung hat die Aufgabe, Wege aufzuzeigen, wie die Vergangenheit auf aktuelle politische Fragen bezogen werden kann. Dabei darf sie nicht versuchen, Deutungen der Geschichte zu zementieren, dies führt dazu, Lernende zu bevormunden. Ziel einer demokratischen historischen Bildung sollte daher sein, die Gesellschaft zu einer selbstständigen Reflexion von Geschichtsdeutungen und einer aktiven Beteiligung an Kontroversen zu befähigen.

Dieser Aufsatz von Hanna Huhtasaari macht deutlich, dass die Geschichtsvermittlung zur NS-Geschichte einer neuen Vermittlungspraxis bedarf. Viele Lehrkräfte praktizieren das bereits, machen den Umgang mit Geschichte zum Gegenstand historischen Lernens:

Dabei sollte es weniger um individuelle Schuld, um moralische Appelle oder erhobene Zeigefinger gehen. Stattdessen brauchen wir neue Zugänge zur Geschichte, die aktuelle Fragen der heutigen jungen Generation und neue Perspektiven zulassen. Ansonsten laufen wir Gefahr, Gefühle des Überdrusses und der Übersättigung zu erzeugen, die in Ablehnung und Ignoranz münden.

Insofern ergibt sich eine Verantwortung nicht für das Geschehene: Die Generation von heute und künftige Generationen haben Verantwortung für die Formen der Erinnerung zu übernehmen. Jede Generation sucht sich ihren Zugang zur Geschichte. Erinnerung kann man der nächsten Generation nicht „verordnen“.

Aus der Vergangenheit lassen sich nicht zwingend dieselben Orientierungen für nachfolgende Generationen ableiten. Stattdessen gehören zu einer demokratischen Erinnerungskultur plurale Geschichtsbilder, die in einer Gesellschaft sicht- und hörbar sein sollten. Dies wird immer wichtiger, da Erinnerungen, Geschichtsnarrative und historisches Bewusstsein immer mit Identität verbunden sind.

In einer pluralistischen Gesellschaft ist die Deutungsmacht stets umkämpft, die Erinnerungskultur dynamisch. Es geht also darum, sich in der Gesellschaft mit ihren historischen Voraussetzungen orientieren und verhalten zu können und widersprüchliche Deutungen in einer sich permanent wandelnden Geschichtskultur zu erkennen, ja anzuerkennen.“

(Quelle: „ApuZ-Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.32-34 vom 6.8.2012, S.13-19, auch online http://www.bpb.de/apuz/141892/nationalsozialismus)

Ungeplant aus 35 Staaten angeklickt

Darauf waren wir eigentlich gar nicht aus, im Gegenteil: Die bisherigen hundert Beiträge in diesem Blog sind laut wordpress-stats bis jetzt in immerhin 35 Staaten bald zweitausend mal angeklickt worden. Am häufigsten in Großbritannien, gefolgt von Italien und Deutschland (unsere beiden Urfaschismuslieferanten fast gleichauf, fast wie beim Fußball…), mit einigem Abstand Österreich, dann überraschend Norwegen (vielleicht kommt das daher, dass Roger Griffin im Interview mit uns mehrmals den Namen des dieser Tage verurteilten norwegischen Massenmörders genannt hat) vor USA, Australien, Schweiz, Estland, Luxemburg, Finnland, Frankreich, Singapur, Ägypten, Niederlande usw.usf.

Manchmal hat sich vermutlich jemand zufällig hierher verirrt, der/die eigentlich etwas ganz anderes gesucht hat. Trotzdem staunt man über die fünfunddreißig Staaten, auch wenn man ein ziemlich kosmopolitisch denkender Europäer ist. Denn dieser Weblog schielt ja vom Thema, von der Deutsch-plus-sprachigkeit und von der Aufmachung her sichtlich und erklärtermaßen ganz bewusst keineswegs auf die Gunst des Publikums, noch dazu ohne jegliches persönliches Profil.

Wunderlich! Willkommen! Benvenuti! Ja, auch Sie! Welcome everyone of you, from each of all those surprising 35 countries!

Etwas überraschend finden wir nebenbei, dass ein Blog durchaus auch dann weiter angeklickt wird, wenn er sich mehr als zwei Wochen Urlaub nimmt. Den haben wir genommen, nachdem wir auf die hundert posts gekommen waren, die wir uns im Einvernehmen mit unseren akademischen Beratern bis zur ersten Augustwoche als Ziel gesetzt hatten. Die Pause wurde auch zum Weiterlesen, Diskutieren und Nachdenken genutzt.

Der Forschungsaufenthalt in Cambridge ist inzwischen zwar vorbei. Die Bearbeitung des dort gehorteten Materials geht jedoch bis auf weiteres intensiv weiter. Mit Zielrichtung Fazit. Soweit zu diesem facettenreichen Gegenstand überhaupt ein Fazit möglich ist. Schaumermal.

Encyclopedia Britannica non perdona: paragona

Le caratteristiche comuni ai diversi tipi di fascismo, e pure le differenze, sono trattate con molta più attenzione dall‘Encyclopedia Britannica che non dall’Enciclopedia Treccani e dalla Brockhaus Enzyklopädie:

Mentre la Treccani ed il Brockhaus sembrano rinunciare quasi del tutto all’approccio comparativo, la Britannica lo approfondisce: sotto la voce „fascism“ ed il sottotitolo „common characteristics of fascist movements“ la BE individua tante idee e caratteristiche comuni ai vari tipi di fascismo (italiano, tedesco, rumeno, ungherese, giapponese, sudamericano, sudafricano ecc.) a partire dal:

nazionalismo estremo di stampo militarista, disprezzo per le democrazia elettive ed il liberalismo politico e culturale, l‘ idea che esista una naturale gerarchia sociale e d‘elite, l’ambizione di creare una compatta comunità nazionale nella quale gli interessi individuali siano subordinati al bene comune, rappresentato e tutelato da uno Stato autoritario.

Vale la pena enumerare le seguenti parole-chiave alle quali l‘Encyclopedia Britannica dedica altrettanti paragrafi nella sua analisi di quelle che secondo lei sono le caratteristiche comuni dei vari movimenti fascisti:

* opposizione al marxismo

* opposizione alla democrazia parlamentare

* opposizione al liberalismo politico e culturale

* ambizioni totalitarie

* programmi economici conservatori

* corporativismo

* interclassismo

* imperialismo

* valori militari

* idea di una compatta comunità nazionalpopolare („Volksgemeinschaft„)

* mobilizzazione di massa,

* leaderismo, („leadership priciple„)

* idea dell’uomo nuovo

* glorificazione della gioventù

* idea di educare e forgiare il carattere

* decadenza e spiritualità

* violenza

* nazionalismo estremo

* ricerca di un capro espiatorio(„scapegoating„)

* populismo

* immagine rivoluzionaria

* antiurbanismo

* maschilismo e misoginia

Si nota che il razzismo l’antisemitismo NON figurano in questo elenco, stilato dall‘Encyclopedia Britannica (nella corrente edizione online di quest’estate 2012), delle caratteristiche comuni più importanti del fascismo italiano e del nazismo tedesco. Non è un particolare di poco conto. Riguarda l’Olocausto.

Questa è un‘ osservazione non solo doverosa ma essenziale.

Essa non ci esime comunque dal notare quanto sia lunghissima la lista dei fattori in comune a quelle due dittature ultranazionaliste fallite così miseramente – e quanto la vigilanza e la prevenzione di simili megalomanie politiche e culti della violenza siano attuale anche nel Ventunesimo Secolo, in tanti paesi – non ultimi i nostri.

(Fonte: http://www.britannica.com/EBchecked/topic/202210/fascism/219363/Common-characteristics-of-fascist-movements)

APuZ zu Nationalsozialismus

Dem Thema Nationalsozialismus widmet „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ), die von der Bundeszentrale herausgegebene monographische Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ zur Gänze ihre Ausgabe Nr.32-34/2012 vom 6.August (natürlich auf einem neueren Stand der Forschung als die Nr.14-15 aus dem Jahre 2007, die in Printform längst vergriffen, aber online unter www.bpb.de/apuz/30534/nationalsozialismus nach wie vor zu finden ist).

Zu diesem Thema enthält die Mittsommernummer der APuZ unter anderem die ungekürzte Bundestagsrede des bekanntesten deutschen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zum Tag des Gedenkens am 27.Januar 2012. Uriel Kashi berichtet über den Wandel des Gedenkens in Yad Vashem, der weltweit größten Dokumentensammlung über den Holocaust: dort sind inzwischen sowohl die Opfer als auch die Täter nicht mehr auf anonyme Rollen reduziert, sondern haben ihre Namen und Gesichter und damit ihre Individualität zurückbekommen. Sandra Nuy schreibt über kollektive Erinnerung und Fiktion, vor allem über die Aufbereitung von Nationalsozialismus und Holocaust in Film und Fernsehen. Außerdem liest man eine Bilanz der seit zwei Jahren währenden Debatte über das Auswärtige Amt und das Dritte Reich aus der Feder des Historikers Christian Mentel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und dem Internet-Portal http://www.zeitgeschichte-online.de.

Unter unserem Gesichtspunkt der vergleichenden Faschismusforschung sind hier jedoch vor allem die drei übrigen Beiträge der letzten ApuZ-Ausgabe Nr.32-34 vom 6.August zu zitieren.

Zunächst zwei Abituraufsätze von Berliner Gymnasiasten aus dem Jahre 1934:

Was hat Hitler für das Deutsche Volk geleistet?“ war das Thema. „Zur Zeit tiefsten Verfalls säte er Glauben, Hoffnung und -das Gefühl für– Ehre in den Gemütern“, schreibt ein Schüler; „Der Staat ist die Zusammenfassung eines einheitlichen Wollens“ fügt er hinzu: „Das Wollen unseres Volkes aber muss endlich einheitlich werden, wir müssen den gesunden Herdeninstinkt bekomme, den andere Nationen schon immer hatten„. „Ausschaltung und völlige Indienststellung der eigenen Person ist daher das Hauptziel der Erziehung zum modernen Dienen seines Volkes„, schrieb ein weiterer Abiturient des Jahres 1934: „Ich und jeder andere Volksgenosse, wir alle müssen darauf bedacht sein, zuerst immer für den Staat da zu sein, dann erst an uns zu denken.Freudige Bejahung des Staatsgedankens ist selbstverständliche Pflicht für mich und für jeden anderen Deutschen“. Restloser Einsatz, Eifer und Ehrgeiz seien dabei unabdingbar.

Solche Töne schlagen deutsche Schüler heutzutage wohl nur selten an, jedenfalls in Abituraufsätzen. Sympathien für den Nationalsozialismus äußert jetzt nur (oder immerhin?) jeder zehnte; jede/r vierte hat ein neutrales Bild von dieser Diktatur (ähnlich wie auch von der späteren kommunistischen). Das ist das auch international meistzitierte Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts der FU Berlin, enthalten in dem Buchtitel: „Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen“ (Frankfurt 2012). Einen provokanten Titel haben die vier AutorInnen auch für ihre aktuelle Zusammenfassung in der letzten APuZ gewählt: „Ungleiche Schwestern? Demokratie und Diktatur im Urteil von Jugendlichen„.

Nach ihrer Befragung Tausender Jugendlicher in fünf deutschen Bundesländern vermelden sie „befremdliche bis erschreckende Ergebnisse“: „recht geringes zeitgeschichtliches Wissen“, „gravierende Fehleinschätzungen“ und „höchst bizarre Geschichtsbilder„, „die bisweilen fast abenteuerlich anmuten“ – und das trotz jahrelangem Geschichts-, Politik- und Sozialkundeunterricht.

Kaum zu erwarten, dass eine ähnliche Massenbefragung von Jugendlichen in anderen Ländern und Schulsystemen besser ausfiele, wo man viel weniger Wert auf zeitgeschichtliche und politische Bildung legt – und wo Politikerverachtung, antidemokratische Ignoranz und faschistoide Anwandlungen laut Wahl- und Umfrageergebnissen noch stärker zugenommen haben als in Deutschland. Unter diesen Voraussetzungen sollte kein Land,  schon gar keines, das mit beiden berüchtigsten historischen Faschismen zu tun hatte, die Befunde und Folgerungen der deutschen ForscherInnen ignorieren:

(S.26:) „Obschon…Freiheit für die Jugendlichen ein hohes Gut darstellt, sind sie oftmals nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen derselben in der (historischen) Realität zu erkennen.

(S.27:) „Damit einher geht für viele das Phänomen, dass die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmen.

Daraus folgen hohe Anforderungen an die politische Bildung:

(S.27:) „Politische Bildung sollte ein Bewusstsein für die Bedeutung einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratie wecken, damit Jugendliche die Wichtigkeit von Abwehrrechten, der Gewaltenteilung, der individuellen Freiheit und der Möglichkeit des gewaltlosen Regierungswechsels erkennen.“

Das bedeutet, dass politische Bildung in der Schule nicht wertfrei sein kann:

(S.26:)“Schulunterricht sollte nicht -wie nicht wenige Lehrer und Zeithistoriker behaupten- prinzipiell „ergebnisoffen“ sein, sondern er sollte dies nur in dem normativen Rahmen sein, den die freiheitlich-demokratische Grundordnung absteckt.

Zuviel des Guten kann sich allerdings kontraproduktiv auswirken. Bei mehreren Gedenkstättenbesuchen hintereinander z.B.

(S.26:) „…ist vielen Jugendlichen eine angemessene Verarbeitung der dargebotenen Information nicht möglich. In der entstehenden Verwirrung können Informationen verfälscht oder falsch zugeordnet werden oder es bildet sich eine Verweigerungshaltung heraus.

Und damit sind wir bei einer Frage, die uns besonders umtreibt: wie vermitteln wir zeitgeschichtliche und politische Bildung, ohne allergische Gefühle dagegen auszulösen? Davon handelt ein weiterer Aufsatz in der letzten APuZ, auf den wir hier demnächst in einem eigenen Beitrag eingehen.

(Quelle: „Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“,  Nr.32-34 vom 6.August (auch online zu lesen bzw. im PDF- oder EPUB-Format herunterzuladen unter http://www.bpb.de/apuz/141892/nationalsozialismus).

Lesenswerte aktuelle Mitbringsel aus Berlin

In diesem hundersten Blog-Beitrag seien die folgenden aktuellsten Mitbringsel einer Woche in Berlin zu unserem Gegenstand erwähnt und weiterempfohlen:

* „Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft„, das ist das Thema der Nr.314 (1/2012) der „Informationen zur politischen Bildung„, die vierteljährlich in einer Auflage von 650.000 (!) Exemplaren erscheinen und an fast allen deutschen Oberschulen kursieren. Autor des 84seitigen Textes, der den Stand der Forschung natürlich aktueller wiederspiegelt als das vor Jahren veröffentlichte letzte schwarze Heft zu diesem Thema, ist der Professor für deutsche Geschichte mit Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität in Berlin, Michael Wildt, unterstützt von Peter Krumeich.

* „Geht’s noch? Thema Nazis“ – damit beschäftigt sich die Frühjahrsausgabe des Magazins „Fluter“ (Nr.42), das die Bundeszentrale für politische Bildung ebenfalls vierteljährlich und ebenfalls kostenlos herausgibt. Die 52seitige Zeitschrift enthält gut geschriebene Beiträge unterschiedlicher Autoren mit Titeln wie: „Fremdenfeindlichkeit ist die Einstiegsdroge“ (ein Psychologe über „ganz normales“ Abrutschen in den Extremismus, „Keine Toleranz für die Intoleranz (wie man dem Terror von rechts begegnet), „Tanz den Mussolini“ („In den italienischen Fußballstadien tobt der Mob“), „Du Grammatik-Hitler!“ („Die Sprache des Nationalsozialismus macht uns heute noch das Leben schwer“), „Ich bin dann mal weg“ („Wie man aus der rechtsextremen Szene aussteigt“), und „Fascho-Fashion“ („Glatze und Springerstiefel waren gestern: der Neonazi von heute gibt sich gern popkulturell“).

* „Hitlers Elite„. Die Wegbereiter des nationalsozialistischen Massenmords. Von Christian Ingrao, bpb-Schriftenreihe Band 1257 (570 Seiten, 7 €), Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2012: Wer immer noch glaubt, der Nationalsozialismus sei vor allem eine Bewegung der ungebildeten Massen gewesen, sollte dieses Buch des Direktors des renommierten Pariser Institut d’Histoire du Temps Présent lesen. „Glauben und Zerstören. Die Intellektuellen in der Kriegsmaschine“, diesen Titel trug die französische Originalausgabe 2010. Dargestellt werdenm die Lebenswege von 80 Akademikern unterschiedlicher Fakultäten. Sie machten vor allem in den Repressionsorganen des „Dritten Reiches“ Karriere – zuerst mit ideologischer und rechtlicher Grundlegungs- und Überwachungarbeit, vor allem im Sicherheitsdienst der SS, und dann in ihrer Mehrzahl als Angehörige von Einsatzgruppen, die direkt an der Ermordung der Juden in Osteuropa beteiligt waren.

* Die jüngste Doppelnummer (Nr.29-31) von „Das Parlament„, Wochenzeitung des Deutschen Bundestags (im Internet unter http://www.das-parlament.de neuerdings auch als kostenloses e-paper erhältlich) widmet 15 ihrer 16 Seiten dem Sonderthema „Rechtsextremismus, Angriff auf die Demokratie„. „Das darf sich nicht wiederholen“, so die Überschrift eines darin wiedergegebenen Interviews mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrichs (CSU) zur verstärkten Wachsamkeit der deutschen Ordnungshüter nach den Neonazimorden. Den radikalen Islamismus und den Linksextremismus behält man natürlich auch im Auge. Aber zur Zeit ist der Rechtsextremismus und der Rechtspopulismus (die Grenzen sind oft fließend) fast überall in Europa deutlich stärker: keine solche „Stimmenfischer am rechten Ufer“, wie sich „Das Parlament“ ausdrückt, sind in West- und Mitteleuropa zur Zeit nur (noch?) die Volksvertretungen von Irland, Großbritannien, Portugal, Spanien, Deutschland, Luxemburg, Tschechien und Slowenien; in allen übrigen Parlamenten ortet die Wochenzeitung des deutschen Bundestags zumindest rechtspopulistische Parlamentarier.

Abschließend aus dieser Hochsommer-Ausgabe von „Das Parlament“ die möglichst einfache Erklärung des Begriffs „Rechtsextreme“ in der Rubrik „Parlamännchen – Politik für Kinder“ :

„Menschen mit rechtsradikalen Einstellungen sind oft Außenseiter. Daher suchen sie die Stärke einer Gruppe und erheben sich über andere Menschen wie Homosexuelle, Juden oder Ausländer. Dabei orientieren sie sich an den Ideen der Nationalsozialisten, die für den Zweiten Weltkrieg und den Tod von Millionen Menschen verantwortlich sind. Früher erkannten sich Rechtsextreme oft an ihrem Aussehen. Sie trugen Symbole wie Hakenkreuze oder Reichskriegsflagge. Heute gehen sie auch in die Politik und geben vor, für schwierige Probleme ganz einfache Lösungen zu haben. Einige Rechtsextreme sind sehr gewalttätig und begehen schwere Straftaten wie Mord oder Totschlag.“

(Quelle: Alle genannten Schriften habe ich im Berliner Medien- und Kommunikationszentrum der Bundeszentrale für politische Bildung in der Krausenstraße 4/Ecke Friedrichstraße ansehen und mitnehmen können. Das gesamte umfangreiche (und wo nicht kostenlose, so sehr preisgünstige) Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung kann man außer am Bonner Sitz dieser weltweit einzigartigen, vorbildlichen Einrichtung, die formal dem Bundesinnenministerium untersteht, kann man auch online unter http://www.bpb.de und per Post nutzen bzw. bestellen, und zwar auch ins Ausland.)

P.S. Die weitaus meistpublizierte historische Attraktion in Berlin und Potsdam ist zur Zeit und während des ganzen Jahres Friedrich II. Wir haben uns erlaubt, den Großen, wie man ihn nennt, hier zu ignorieren. Denn mit unserem Gegenstand hat der 300.Geburtstag des kultivierten Königs von Preußen herzlich wenig zu tun.

Berlin: nirgends ist Zeitgeschichte anschaulicher

Berlin ist für uns wie ein aufgeschlagenes Geschichtebuch, und zwar das spannendste der Welt, speziell zum Thema Diktaturen. Diesmal wohnten wir nahe der erneuerten „Topographie des Terrors„-Ausstellung. Direkt davor stehen noch zwei-dreihundert Meter Berliner Mauer. Wenige Schritte von der ehemaligen Gestapo-Zentrale das Stasi-Dokumentationszentrum und der Checkpoint Charlie. Um diese Anziehungspunkte herum wird dem eiligen Touristen immer mehr zum Kauf bzw. Konsum angeboten. Ich ging diesmal mehrfach an alledem vorbei, aber nicht wie sonst, zum Deutschen Historischen Museum, zum DDR-Museum, oder zum sowjetischen, dann DDR-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, und auch nicht zum Jüdischen Museum.

Nein, von den Dutzenden zeitgeschichtlichen Gedenkstätten in und um Berlin besuchte ich diesmal zwei nicht zentral gelegene: erstens, in bester Villen- und Seenlage, da, wo führende Nazis am liebsten hinzogen, die Gedenk- und BildungsstätteHaus der Wannsee-Konferenz„. Dort wurde die praktische Umsetzung des Völkermords an den europäischen Juden am 20.1.1942 organisatorisch besiegelt. 2006 hat man dort die neue ständige Ausstellung mit einer reich bebilderten Dokumentation samt Protokollauszügen und Porträts der anwesenden Verantwortlichen sowie einiger exemplarischer Opferfamilien eröffnet. Die fachkundige Führung dauert 50 Minuten, aber wer an der historischen Wahrheit auf dem aktuellen Stand der deutschen Forschung interessiert ist, wird mindestens doppelt so lange dort verweilen.

Zweitens, am entgegengesetzten, von AEG und anderen Großkonzernen geprägten, östlichen Ende der Stadt, das Dokumentationszentrum Berlin Schöneweide, das letzte erhaltene NS-Barackenlager für Zwangsarbeiter aus ganz Europa, darunter auch viele Italiener (die allerdings ganz offiziell als die am besten zu behandelnde Gruppe eingestuft wurden, noch vor den Skandinaviern).

Durch das Brandenburger Tor (mit einem eingebauten Raum der Stille rechts) wanderten wir zum Deutschen Bundestag, der, wie es sich für eine parlamentarische Demokratie gehört, dem gegenüberliegenden Kanzleramt, das die Berliner „die Waschmaschine“ nennen, architektonisch zweifellos „die Show stiehlt“ mit seiner auf den Reichstag aufgesetzten begehbaren Kuppel, von der das Volk rund um Berlin und nicht zuletzt auf seine parlamentarischen Vertreter hinunter blicken kann. Diese Kuppel ist inzwischen eines der beliebtesten Reiseziele der Welt geworden. Zu einer Führung durch den Bundestag, z.B. der historisch geprägten, wie wir sie mitgemacht haben, muss man sich Wochen wenn nicht Monate vorher anmelden, sonst kommt man nicht hinein.

Im Deutschen Dom am Gendarmenmarkt, vielleicht dem vornehmsten Platz der Stadt, haben wir uns mit Gewinn und unter kundiger Führung die ständige Ausstellung des Deutschen Bundestages überWege-Irrwege-Umwege” der deutschen Demokratie angesehen, angefangen von den unterschiedlichen architektonischen Formen, die der deutsche Parlamentarismus in Kassel, Frankfurt, Weimar, Bonn und Berlin angenommen hat – bis hin zu einem Film über die vielen Dutzend aufrechter Deutscher, die ihre parlamentarische Opposition gegen das nationalsozialistische Regime mit dem Tode bezahlt haben, aber denen die heutigen Deutschen Ehrenplätze im und neben dem Bundestag und Straßennamen auch im übrigen Berlin und Bundesgebiet zugewiesen haben.