Berlin: nirgends ist Zeitgeschichte anschaulicher

von macchiato

Berlin ist für uns wie ein aufgeschlagenes Geschichtebuch, und zwar das spannendste der Welt, speziell zum Thema Diktaturen. Diesmal wohnten wir nahe der erneuerten „Topographie des Terrors„-Ausstellung. Direkt davor stehen noch zwei-dreihundert Meter Berliner Mauer. Wenige Schritte von der ehemaligen Gestapo-Zentrale das Stasi-Dokumentationszentrum und der Checkpoint Charlie. Um diese Anziehungspunkte herum wird dem eiligen Touristen immer mehr zum Kauf bzw. Konsum angeboten. Ich ging diesmal mehrfach an alledem vorbei, aber nicht wie sonst, zum Deutschen Historischen Museum, zum DDR-Museum, oder zum sowjetischen, dann DDR-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, und auch nicht zum Jüdischen Museum.

Nein, von den Dutzenden zeitgeschichtlichen Gedenkstätten in und um Berlin besuchte ich diesmal zwei nicht zentral gelegene: erstens, in bester Villen- und Seenlage, da, wo führende Nazis am liebsten hinzogen, die Gedenk- und BildungsstätteHaus der Wannsee-Konferenz„. Dort wurde die praktische Umsetzung des Völkermords an den europäischen Juden am 20.1.1942 organisatorisch besiegelt. 2006 hat man dort die neue ständige Ausstellung mit einer reich bebilderten Dokumentation samt Protokollauszügen und Porträts der anwesenden Verantwortlichen sowie einiger exemplarischer Opferfamilien eröffnet. Die fachkundige Führung dauert 50 Minuten, aber wer an der historischen Wahrheit auf dem aktuellen Stand der deutschen Forschung interessiert ist, wird mindestens doppelt so lange dort verweilen.

Zweitens, am entgegengesetzten, von AEG und anderen Großkonzernen geprägten, östlichen Ende der Stadt, das Dokumentationszentrum Berlin Schöneweide, das letzte erhaltene NS-Barackenlager für Zwangsarbeiter aus ganz Europa, darunter auch viele Italiener (die allerdings ganz offiziell als die am besten zu behandelnde Gruppe eingestuft wurden, noch vor den Skandinaviern).

Durch das Brandenburger Tor (mit einem eingebauten Raum der Stille rechts) wanderten wir zum Deutschen Bundestag, der, wie es sich für eine parlamentarische Demokratie gehört, dem gegenüberliegenden Kanzleramt, das die Berliner „die Waschmaschine“ nennen, architektonisch zweifellos „die Show stiehlt“ mit seiner auf den Reichstag aufgesetzten begehbaren Kuppel, von der das Volk rund um Berlin und nicht zuletzt auf seine parlamentarischen Vertreter hinunter blicken kann. Diese Kuppel ist inzwischen eines der beliebtesten Reiseziele der Welt geworden. Zu einer Führung durch den Bundestag, z.B. der historisch geprägten, wie wir sie mitgemacht haben, muss man sich Wochen wenn nicht Monate vorher anmelden, sonst kommt man nicht hinein.

Im Deutschen Dom am Gendarmenmarkt, vielleicht dem vornehmsten Platz der Stadt, haben wir uns mit Gewinn und unter kundiger Führung die ständige Ausstellung des Deutschen Bundestages überWege-Irrwege-Umwege” der deutschen Demokratie angesehen, angefangen von den unterschiedlichen architektonischen Formen, die der deutsche Parlamentarismus in Kassel, Frankfurt, Weimar, Bonn und Berlin angenommen hat – bis hin zu einem Film über die vielen Dutzend aufrechter Deutscher, die ihre parlamentarische Opposition gegen das nationalsozialistische Regime mit dem Tode bezahlt haben, aber denen die heutigen Deutschen Ehrenplätze im und neben dem Bundestag und Straßennamen auch im übrigen Berlin und Bundesgebiet zugewiesen haben.

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