Lesenswerte aktuelle Mitbringsel aus Berlin

von macchiato

In diesem hundersten Blog-Beitrag seien die folgenden aktuellsten Mitbringsel einer Woche in Berlin zu unserem Gegenstand erwähnt und weiterempfohlen:

* „Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft„, das ist das Thema der Nr.314 (1/2012) der „Informationen zur politischen Bildung„, die vierteljährlich in einer Auflage von 650.000 (!) Exemplaren erscheinen und an fast allen deutschen Oberschulen kursieren. Autor des 84seitigen Textes, der den Stand der Forschung natürlich aktueller wiederspiegelt als das vor Jahren veröffentlichte letzte schwarze Heft zu diesem Thema, ist der Professor für deutsche Geschichte mit Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität in Berlin, Michael Wildt, unterstützt von Peter Krumeich.

* „Geht’s noch? Thema Nazis“ – damit beschäftigt sich die Frühjahrsausgabe des Magazins „Fluter“ (Nr.42), das die Bundeszentrale für politische Bildung ebenfalls vierteljährlich und ebenfalls kostenlos herausgibt. Die 52seitige Zeitschrift enthält gut geschriebene Beiträge unterschiedlicher Autoren mit Titeln wie: „Fremdenfeindlichkeit ist die Einstiegsdroge“ (ein Psychologe über „ganz normales“ Abrutschen in den Extremismus, „Keine Toleranz für die Intoleranz (wie man dem Terror von rechts begegnet), „Tanz den Mussolini“ („In den italienischen Fußballstadien tobt der Mob“), „Du Grammatik-Hitler!“ („Die Sprache des Nationalsozialismus macht uns heute noch das Leben schwer“), „Ich bin dann mal weg“ („Wie man aus der rechtsextremen Szene aussteigt“), und „Fascho-Fashion“ („Glatze und Springerstiefel waren gestern: der Neonazi von heute gibt sich gern popkulturell“).

* „Hitlers Elite„. Die Wegbereiter des nationalsozialistischen Massenmords. Von Christian Ingrao, bpb-Schriftenreihe Band 1257 (570 Seiten, 7 €), Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2012: Wer immer noch glaubt, der Nationalsozialismus sei vor allem eine Bewegung der ungebildeten Massen gewesen, sollte dieses Buch des Direktors des renommierten Pariser Institut d’Histoire du Temps Présent lesen. „Glauben und Zerstören. Die Intellektuellen in der Kriegsmaschine“, diesen Titel trug die französische Originalausgabe 2010. Dargestellt werdenm die Lebenswege von 80 Akademikern unterschiedlicher Fakultäten. Sie machten vor allem in den Repressionsorganen des „Dritten Reiches“ Karriere – zuerst mit ideologischer und rechtlicher Grundlegungs- und Überwachungarbeit, vor allem im Sicherheitsdienst der SS, und dann in ihrer Mehrzahl als Angehörige von Einsatzgruppen, die direkt an der Ermordung der Juden in Osteuropa beteiligt waren.

* Die jüngste Doppelnummer (Nr.29-31) von „Das Parlament„, Wochenzeitung des Deutschen Bundestags (im Internet unter http://www.das-parlament.de neuerdings auch als kostenloses e-paper erhältlich) widmet 15 ihrer 16 Seiten dem Sonderthema „Rechtsextremismus, Angriff auf die Demokratie„. „Das darf sich nicht wiederholen“, so die Überschrift eines darin wiedergegebenen Interviews mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrichs (CSU) zur verstärkten Wachsamkeit der deutschen Ordnungshüter nach den Neonazimorden. Den radikalen Islamismus und den Linksextremismus behält man natürlich auch im Auge. Aber zur Zeit ist der Rechtsextremismus und der Rechtspopulismus (die Grenzen sind oft fließend) fast überall in Europa deutlich stärker: keine solche „Stimmenfischer am rechten Ufer“, wie sich „Das Parlament“ ausdrückt, sind in West- und Mitteleuropa zur Zeit nur (noch?) die Volksvertretungen von Irland, Großbritannien, Portugal, Spanien, Deutschland, Luxemburg, Tschechien und Slowenien; in allen übrigen Parlamenten ortet die Wochenzeitung des deutschen Bundestags zumindest rechtspopulistische Parlamentarier.

Abschließend aus dieser Hochsommer-Ausgabe von „Das Parlament“ die möglichst einfache Erklärung des Begriffs „Rechtsextreme“ in der Rubrik „Parlamännchen – Politik für Kinder“ :

„Menschen mit rechtsradikalen Einstellungen sind oft Außenseiter. Daher suchen sie die Stärke einer Gruppe und erheben sich über andere Menschen wie Homosexuelle, Juden oder Ausländer. Dabei orientieren sie sich an den Ideen der Nationalsozialisten, die für den Zweiten Weltkrieg und den Tod von Millionen Menschen verantwortlich sind. Früher erkannten sich Rechtsextreme oft an ihrem Aussehen. Sie trugen Symbole wie Hakenkreuze oder Reichskriegsflagge. Heute gehen sie auch in die Politik und geben vor, für schwierige Probleme ganz einfache Lösungen zu haben. Einige Rechtsextreme sind sehr gewalttätig und begehen schwere Straftaten wie Mord oder Totschlag.“

(Quelle: Alle genannten Schriften habe ich im Berliner Medien- und Kommunikationszentrum der Bundeszentrale für politische Bildung in der Krausenstraße 4/Ecke Friedrichstraße ansehen und mitnehmen können. Das gesamte umfangreiche (und wo nicht kostenlose, so sehr preisgünstige) Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung kann man außer am Bonner Sitz dieser weltweit einzigartigen, vorbildlichen Einrichtung, die formal dem Bundesinnenministerium untersteht, kann man auch online unter http://www.bpb.de und per Post nutzen bzw. bestellen, und zwar auch ins Ausland.)

P.S. Die weitaus meistpublizierte historische Attraktion in Berlin und Potsdam ist zur Zeit und während des ganzen Jahres Friedrich II. Wir haben uns erlaubt, den Großen, wie man ihn nennt, hier zu ignorieren. Denn mit unserem Gegenstand hat der 300.Geburtstag des kultivierten Königs von Preußen herzlich wenig zu tun.

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