APuZ zu Nationalsozialismus

von macchiato

Dem Thema Nationalsozialismus widmet „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ), die von der Bundeszentrale herausgegebene monographische Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ zur Gänze ihre Ausgabe Nr.32-34/2012 vom 6.August (natürlich auf einem neueren Stand der Forschung als die Nr.14-15 aus dem Jahre 2007, die in Printform längst vergriffen, aber online unter www.bpb.de/apuz/30534/nationalsozialismus nach wie vor zu finden ist).

Zu diesem Thema enthält die Mittsommernummer der APuZ unter anderem die ungekürzte Bundestagsrede des bekanntesten deutschen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zum Tag des Gedenkens am 27.Januar 2012. Uriel Kashi berichtet über den Wandel des Gedenkens in Yad Vashem, der weltweit größten Dokumentensammlung über den Holocaust: dort sind inzwischen sowohl die Opfer als auch die Täter nicht mehr auf anonyme Rollen reduziert, sondern haben ihre Namen und Gesichter und damit ihre Individualität zurückbekommen. Sandra Nuy schreibt über kollektive Erinnerung und Fiktion, vor allem über die Aufbereitung von Nationalsozialismus und Holocaust in Film und Fernsehen. Außerdem liest man eine Bilanz der seit zwei Jahren währenden Debatte über das Auswärtige Amt und das Dritte Reich aus der Feder des Historikers Christian Mentel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und dem Internet-Portal http://www.zeitgeschichte-online.de.

Unter unserem Gesichtspunkt der vergleichenden Faschismusforschung sind hier jedoch vor allem die drei übrigen Beiträge der letzten ApuZ-Ausgabe Nr.32-34 vom 6.August zu zitieren.

Zunächst zwei Abituraufsätze von Berliner Gymnasiasten aus dem Jahre 1934:

Was hat Hitler für das Deutsche Volk geleistet?“ war das Thema. „Zur Zeit tiefsten Verfalls säte er Glauben, Hoffnung und -das Gefühl für– Ehre in den Gemütern“, schreibt ein Schüler; „Der Staat ist die Zusammenfassung eines einheitlichen Wollens“ fügt er hinzu: „Das Wollen unseres Volkes aber muss endlich einheitlich werden, wir müssen den gesunden Herdeninstinkt bekomme, den andere Nationen schon immer hatten„. „Ausschaltung und völlige Indienststellung der eigenen Person ist daher das Hauptziel der Erziehung zum modernen Dienen seines Volkes„, schrieb ein weiterer Abiturient des Jahres 1934: „Ich und jeder andere Volksgenosse, wir alle müssen darauf bedacht sein, zuerst immer für den Staat da zu sein, dann erst an uns zu denken.Freudige Bejahung des Staatsgedankens ist selbstverständliche Pflicht für mich und für jeden anderen Deutschen“. Restloser Einsatz, Eifer und Ehrgeiz seien dabei unabdingbar.

Solche Töne schlagen deutsche Schüler heutzutage wohl nur selten an, jedenfalls in Abituraufsätzen. Sympathien für den Nationalsozialismus äußert jetzt nur (oder immerhin?) jeder zehnte; jede/r vierte hat ein neutrales Bild von dieser Diktatur (ähnlich wie auch von der späteren kommunistischen). Das ist das auch international meistzitierte Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts der FU Berlin, enthalten in dem Buchtitel: „Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen“ (Frankfurt 2012). Einen provokanten Titel haben die vier AutorInnen auch für ihre aktuelle Zusammenfassung in der letzten APuZ gewählt: „Ungleiche Schwestern? Demokratie und Diktatur im Urteil von Jugendlichen„.

Nach ihrer Befragung Tausender Jugendlicher in fünf deutschen Bundesländern vermelden sie „befremdliche bis erschreckende Ergebnisse“: „recht geringes zeitgeschichtliches Wissen“, „gravierende Fehleinschätzungen“ und „höchst bizarre Geschichtsbilder„, „die bisweilen fast abenteuerlich anmuten“ – und das trotz jahrelangem Geschichts-, Politik- und Sozialkundeunterricht.

Kaum zu erwarten, dass eine ähnliche Massenbefragung von Jugendlichen in anderen Ländern und Schulsystemen besser ausfiele, wo man viel weniger Wert auf zeitgeschichtliche und politische Bildung legt – und wo Politikerverachtung, antidemokratische Ignoranz und faschistoide Anwandlungen laut Wahl- und Umfrageergebnissen noch stärker zugenommen haben als in Deutschland. Unter diesen Voraussetzungen sollte kein Land,  schon gar keines, das mit beiden berüchtigsten historischen Faschismen zu tun hatte, die Befunde und Folgerungen der deutschen ForscherInnen ignorieren:

(S.26:) „Obschon…Freiheit für die Jugendlichen ein hohes Gut darstellt, sind sie oftmals nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen derselben in der (historischen) Realität zu erkennen.

(S.27:) „Damit einher geht für viele das Phänomen, dass die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmen.

Daraus folgen hohe Anforderungen an die politische Bildung:

(S.27:) „Politische Bildung sollte ein Bewusstsein für die Bedeutung einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratie wecken, damit Jugendliche die Wichtigkeit von Abwehrrechten, der Gewaltenteilung, der individuellen Freiheit und der Möglichkeit des gewaltlosen Regierungswechsels erkennen.“

Das bedeutet, dass politische Bildung in der Schule nicht wertfrei sein kann:

(S.26:)“Schulunterricht sollte nicht -wie nicht wenige Lehrer und Zeithistoriker behaupten- prinzipiell „ergebnisoffen“ sein, sondern er sollte dies nur in dem normativen Rahmen sein, den die freiheitlich-demokratische Grundordnung absteckt.

Zuviel des Guten kann sich allerdings kontraproduktiv auswirken. Bei mehreren Gedenkstättenbesuchen hintereinander z.B.

(S.26:) „…ist vielen Jugendlichen eine angemessene Verarbeitung der dargebotenen Information nicht möglich. In der entstehenden Verwirrung können Informationen verfälscht oder falsch zugeordnet werden oder es bildet sich eine Verweigerungshaltung heraus.

Und damit sind wir bei einer Frage, die uns besonders umtreibt: wie vermitteln wir zeitgeschichtliche und politische Bildung, ohne allergische Gefühle dagegen auszulösen? Davon handelt ein weiterer Aufsatz in der letzten APuZ, auf den wir hier demnächst in einem eigenen Beitrag eingehen.

(Quelle: „Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“,  Nr.32-34 vom 6.August (auch online zu lesen bzw. im PDF- oder EPUB-Format herunterzuladen unter http://www.bpb.de/apuz/141892/nationalsozialismus).

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