Das weniger Schlimme ist lehrreicher

von macchiato

Vier empfehlenswerte aktuelle Sammelbände zum grenzüberschreitenden Faschismenvergleich wollen wir ab in loser Folge ausgiebig zitieren. Den einzigen uns bekannten in italienischer Sprache haben wir bereits gestern genannt (Alessandro Campi: Che cosè il fascismo? Interpretazioni e prospettive di ricerca, ed. Ideazione, 2003).

Auf ein größeres, englischsprachiges Werk wollen wir ab heute mehr als einmal eingehen: The Oxford Handbook of Fascism, herausgegeben von Richard J. Bosworth, dem aus Australien stammenden Mussolini-Biographen (in diesem Blog mehrfach genannt bzw. befragt).

Das 600 Seiten starke Buch enthält neben vier Essays zur ideologischen Vorgeschichte des Faschismus (auf die wir ein andermal zu sprechen kommen werden), neun Aufsätze zum ersten Faschismus, dem italienischen, aber auch über zehn weitere Länder, wo der Faschismus nur vorübergehend oder gar nicht an die Macht kam: Spanien, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien (und Nachfolgestaaten), Österreich, Niederlande, Belgien, Großbritannien (samt Empire), Frankreich und Japan, sowie einen Seitenblick auf das Verhältnis des italienischen Faschismus zur Sowjetunion und zum Stalinismus.

Einleitend klärt der Herausgeber unter anderem, warum der deutsche Nationalsozialismus hier nur am Rande zur Sprache kommt: weil dieselbe Oxford University Press 2011 ein eigenes 800-Seiten-Handbook of Modern German History herausgebracht hat. Aber auch, weil das im Vergleich oft unterschätzte Italien, wo die Begriffe „Faschismus“ und „Totalitarismus“ herkommen, und wo Mussolini zehn Jahre vor Hitler die Macht ergriff (Hitler:“Ein Wendepunkt der Geschichte“), als wesentlich anzusehen und genau zu studieren ist, wenn man die Geschichte des Faschismus in Europa und darüber hinaus untersucht, wie der Herausgeber einleitend schreibt:

The word ‚fascism‘ originated in Italy, as did ‚totalitarian’…Yet, under every conceivable index, the Italians were by 1940 second- or third-rate allies…Moreover, even if a count of premature deaths caused by the Fascist dictatorship in Italy is expanded to embrace the casualties of its aggressive wars, they still ‚only‘ tally around a million, scarcely competition with the Nazis or the Stalinists or quite a few liberal imperialists. In seeming scholarly response to this reality, Italian history has rarely won the profile accorded to the German (Russian, British, or even French) past. Italians, for good or bad, seem too lightweight to bear the moral imprint of fascist horror.

Statt alle Aufmerksamkeit automatisch auf „Einzigartigkeit“ und Horror des Holocaust zu fokussieren, auf einen Faschismus als „etwas absolut Anderes“, Böses, uns Fernes, ist es für Bosworths Geschichtsverständnis (und für unser politisches Bildungsanliegen, fügen wir zustimmend hinzu) deutlich lehrreicher, den „leichtgewichtigeren“, „alltäglicheren“, „unzulänglicheren“ Faschismus zu analysieren, der uns viel näher liegt in seiner Entwicklung und wechselnden Ausformung und auch künftigen Unberechenbarkeit:

Peter Novick has emphasized that there are dangers as well as advantages in focusing on the ‚uniqueness‘ of the Holocaust. Maybe in reviewing the history and histories of European fascism, it is helpful to note inedaquacy and failure, along with the horror. A fascism that is not automatically treated as an absolute ‚other‘ may be worth study and may better purvey those uncertain and treacherous ‚lessons‘ that the discipline of history can offer.

(Quellen: Introduction to The Oxford Handbook of Fascism, R.J.Bosworth (ed.), Oxford University Press, 2009, S.1-7)

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