Anfänge anglophoner Faschismusforschung

von macchiato

Bereits in der Zwischenkriegszeit zeichneten sich in den Geschichts- und anderen Wissenschaften im wesentlichen drei unterschiedliche Interpretationslinien ab. Der Faschismus wurde gesehen als

1. Symptom einer moralischen Krise in der europäischen Gesellschaft;

2. Auswuchs der beiden „spät geborenen“ Nationalstaaten Italien und Deutschland;

3. Endstadium der Kapitalismuskrise, Terrorherrschaft des Finanzkapitals.

Diese dritte Interpretation war marxistisch. Sie wendete den Begriff faschistisch nicht nur auf Italien an, sondern nannte auch auf das nationalsozialistische Deutschland durchgehend so. Der britische Marxist Tim Mason hingegen sah in den beiden Faschismen mehr als nur Instrumente des Finanzkapitals, erkannte ihre eigene politische Dynamik.

In der Nachkriegszeit und im „Kalten Krieg“ suchten die Sozialwissenschaften viel intensiver nach Totalitarismusdefinitionen und Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus als nach solchen zwischen den italienischen Faschisten und den Nazis. Diese Debatte seit dem Erscheinen von Hannah Arendts The Origins of Totalitarianism (1951) und anderen war mindestens so schwer aufzulösen wie inzwischen auch jene innerhalb der Fascist Studies – und ist ihr auch inhaltlich verwandt; daher ist hier folgender Seitenblick am Platz:

Totalitarismus ist der andere große Begriff, der zu Beginn der Zwanziger Jahre in Italien geprägt wurde, zunächst als kritische Reaktion auf Mussolinis Faschismus, um dessen Anspruch auf die ganze Macht zu brandmarken; der machte sich den Begriff jedoch bald intensiv zu eigen und polte ihn positiv um: in stolze Entschlossenheit zur staatlichen Kontrolle über alle Lebensbereiche. Dass die angestrebte Gleichschaltung in Italien letztlich nicht annähernd so weit ging wie später in Deutschland (und auch nicht wie in Moskau), berührt wieder die grundsätzliche Frage, inwieweit Wort und Tat übereinstimmen müssen, um Ideologien, Bewegungen und Regime vergleichen zu können.

Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzezinski  haben 1956 folgende Hauptkennzeichen des Totalitarismus ausgemacht:

1. Eine amtliche Doktrin, die alle wichtigen Bereiche menschlichen Lebens umfasst und keinen öffentlichen Widerspruch duldet;

2. Eine Einheitspartei, streng hierarchisch und oligarchisch gegliedert, normalerweise mit einem einzigen Mann an der Spitze;

3. Ein nahezu vollständiges Monopol der technologischen und militärischen Herrschaftsmittel

4. Ein nahezu vollständiges, auch technologisches Monopol der Massenkommunikationsmittel

5. Ein System der Polizei-, Willkür- und Terrorherrschaft.

6. Zentralistische Planwirtschaft.

Das passt -bei den letzten beiden Punkten mit Einschränkung- auf die italienischen Erfinder der Begriffe Totalitarismus genauso wie auf ihre nationalsozialistischen Verwandten (so wie auch auf die Sowjetunion und deren Verwandte, aber das ist nicht unser Thema).

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(Quellen: 1. Constantin Iordachi ed.: Comparative Fascist Studies. New Perspectives, S. 6-15, Routledge, Abingdon 2010; 2. Carl J. Friedrich and Zbigniew Brzezinski: Totalitarian Dictatorship and Autocracy, S. 10-11, Harvard University Press, Cambride/USA, 1956; N.B. geraffte Übersetzung von faschistensindimmerdieanderen)

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