Faschismus ernst und beim Wort nehmen

von macchiato

Erst in den Sechziger Jahren erwachte eine nichtmarxistische vergleichende Faschismusforschung zu Eigenleben, nicht nur in Deutschland mit Ernst Nolte und in Italien mit Renzo de Felice, sondern auch in den USA mit Eugen Weber, George L.Mosse und Walter Laqueur, und dann mit Juan Linz und Stanley Payne. Sie studierten die ideologische Eigenart und massenhafte Anziehungskraft der verschiedenen Ausformungen des Faschismus. Dazu müsse man die Faschisten ernst und wirklich beim Wort nehmen, meinte Eugen Weber, der aus Rumänien stammende amerikanische Historiker: Er war der erste, der 1964 in seinem Buch Varieties of Fascism ideologische Texte aus acht Ländern als Primärquellen zu weiträumigen Vergleichszwecken analysierte.

Der wohl einflussreichste „Wegweiser“ englischsprachiger Faschismustheorie war über Jahrzehnte hinweg der gebürtige Berliner George L. Mosse. Gemeinsam mit dem gebürtigen Breslauer Walter Laqueur gab er ab 1966 das Journal of Contemporary History heraus und widmete gleich die erste Ausgabe dem Faschismus. Nach vielen weiteren Publikationen zu diesem Thema veröffentlichte er auch 33 Jahre später noch The Fascist Revolution. Toward a General Theory of FascismEine Fixierung nur auf den deutschen Nationalsozialismus oder nur auf sozialökonomische Faktoren reichen laut Mosse nicht aus, um Faschismus zu definieren, genausowenig wie negative Beschreibungen wie Antikommunismus, Antiliberalismus usw. Man müsse sich auch in das revolutionäre faschistische Selbstverständnis hineinversetzen, um die umwälzende kulturelle und vor allem massenhafte emotionale Sprengkraft solcher „Glaubenssysteme“ zu verstehen.

Aber mit der in den späten Sechziger und Siebziger Jahren auch über Westeuropa hinaus gehenden wachsenden Internationalisierung und Interdisziplinarität der vergleichenden Faschismusforschung sind in einer Flut von Publikationen so viele analytische Variablen dazugekommen, dass die ohnehin unscharfen Konturen eines allgemeinen Faschismusbegriffs Gefahr liefen, im Unermesslichen zu verschwimmen.

In den Achtziger Jahren kursierte bereits rund ein Dutzend Theorien mit recht unterschiedlichen Erklärungen darüber, wie faschistische Bewegungen entstehen und sich entwickeln. Da konnte erst recht kein großer internationaler Konsens über einen allgemeingültigen Faschismusbegriff zustande kommen.

Gilbert Allardyce: Only individual things are real; everything abstracted from them, whether concepts or universals, exists solely in the mind…There is no such thing as fascism. There are only the men and movements that we call by that name…Menschen, Bewegungen Verhältnisse seien zu unterschiedlich, als dass jemals ein befriedigendes Modell für internationale Faschismusvergleiche konstruiert werden könne.

Unser Kommentar: Klingt bestechend, aber demnach dürfte man genau genommen nie und nichts mehr vergleichen bzw. unter einen größeren Begriff subsumieren.  

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(Quelle: Constantin Iordachi (ed.): Comparative Fascist Studies. New Perspectives, S. 6-15)

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