Zwei Denkschulen und ein Lehrer

von macchiato

Seit den Achtzigern und in den Neunziger Jahren nimmt einerseits sowohl die Skepsis gegenüber allumfassenden Faschismustheorien zu, als auch die Erforschung vieler zuvor ignorierter Gesichtspunkte des Lebens in der Zwischenkriegszeit; andererseits intensiviert man aber auch die fokussierte Suche nach dem „Wesentlichen“ des Faschismus, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner solcher Bewegungen und Regime, nach dem „faschistischen Minimum“, womöglich in einen einzigen Satz komprimiert. Viele solcher „essentialistischen“ Definitionsversuche wurden in den vergangenen zwanzig Jahren formuliert.

Vieldeutig, aber unbestimmt, überpolitisiert und zweckentfremdet – für nüchterne Forschungszwecke, disziplinierten Erkenntnisgewinn oder einen großen Theorieentwurf taugen so umstrittene Vokabeln wie „Faschismus“, „Faschist“ und „faschistisch“ weniger als für politische Polemik, für die Abwertung und die Verächtlichmachung welchen Gegners auch immer.

Dieser Ansicht ist jedenfalls die eine Denkschule, die vor allem aus Historikern besteht und die induktive Methode vorzieht: man beschreibt die Zwischenkriegszeit differenziert und lässt sich nur insofern auf einen verallgemeinernden Faschismusbegriff ein, als man bei einigen Bewegungen und Regimen überdurchschnittlich oft bestimmte Ähnlichkeiten feststellt.

Die andere Denkschule legt eher politikwissenschaftlichen Ehrgeiz an den Tag und geht eher deduktiv vor: man konzentriert sich auf das Ideologische, versucht dessen Wesenskern idealtypisch herauszuschälen und darauf eine Theorie aufzubauen, die nicht nur der Vergangenheits-, sondern auch der Zukunftsbewältigung dienen soll.

Wir habe das hier stark vereinfacht. Natürlich gibt es Bemühungen, einen Mittelweg zwischen diesen beiden Argumentationsweisen zu finden. An einem breiten Mittelweg hat der amerikanische Historiker und Hispanist Stanley Payne gearbeitet. Er gibt beiden Seiten Recht – aber beiden nur zum Teil:

Einerseits sei es nützlich zu vergleichen, was Italien, Deutschland, Spanien, Rumänien, Ungarn und andere in der Zwischenkriegszeit an Ähnlichem hervorgebracht hätten; denn da sei keineswegs nur Unwiederholbares geschehen; ein Oberbegriff wie generic fascism sei also durchaus von Nutzen und lehrreich auch für die Zukunft. räumt Payne ein (auch um den Faschismus von anderen autoritären Nationalismen zu unterscheiden).

Andererseits warnt Payne davor, alle Faschismen gleichsam in den gleichen Topf zu werfen, und vor allem dagegen, diesen Topf dann so absolut zu setzen, als handle es sich um etwas Einzigartiges.

Stanley Payne hat 19 Bücher über Faschismus geschrieben (die meisten über die spanische Variante). Er hat auch die meistzitierte typologische Beschreibung des Faschismus formuliert. Und schließlich hat er wie viele andere, den Versuch gewagt, das Wort „Faschismus“ in einen Satz zu fassen. Seiner ist für mich einer der geglücktesten:

A form of revolutionary ultra-nationalism for national rebirth that is based on a primarily vitalist philosophy, is structured on extreme elitism, mass mobilization, and the Führerprinzip, positively values violence as end as well as means and tends to normatize war and/or the military values.

DE: Eine Form des revolutionären Ultranationalismus für eine nationale Wiedergeburt auf folgenden Grundlagen: vorwiegend vitalistische Philosophie, extremes Elitedenken, Massenmobilisierung, Führerprinzip, positive Bewertung von Gewalt (als Mittel und als Zweck) und die Neigung, Krieg und/oder militärische Tugenden zur Norm zu erheben.

IT: Una forma di ultranazionalismo rivoluzionario per una rinascita nazionale, basata su una filosofia soprattutto vitalista, strutturata secondo un elitarismo estremo, la mobilitazione di massa ed il leaderismo, valutando positivamente la violenza sia come mezzo che come fine, e che tende ad elevare a norma la guerra e/o le virtù militari.

(Quelle: Stanley Payne: A History of Fascism 1914-45, UCL Press, Taylor & Francis, London, 1995;  dt.:Geschichte des Faschismus, Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Ullstein, Propyläen 2001, Lizenzausgabe für tosa im Verlag Ueberreuter, Wien 2006, N.B. Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche und Italienische durch faschistensindimmerdieanderen)

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