Die Faschismen und die Moderne(n)

von macchiato

Fortgeschrittene Ideologie- und Faschismusforscher kann es fesseln wie kaum ein anderes, Roger Griffins Buch „Modernism and Fascism„. Es enthält Provozierendes, Anspruchsvolles, Ungewohntes, jedenfalls Bedenkenswertes über unsere Moderne, die auch die Moderne des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus ist.

Einiges davon, aus verschiedenen Kapiteln, fassen wir im Folgenden mit unseren Worten vereinfachend zusammen:

Wenn man man mehr auf die Ähnlichkeiten zwischen Faschismus und Nationalsozialismus achtet als auf die Unterschiede, dann stechen die Gemeinsamkeiten hervor:

– Beide hatten eine „organische“ Sicht der Nation und eine zyklische Vision der geschichtlichen Prozesse;

– Beide lehnten Materialismus, Konservativismus, Kommunismus und Liberalismus im Namen einer neuen Ordnung ab.

– Beide verbreiteten eine vitalistische, idealistische Weltanschauung und zelebrierten die Tat, den Willen, das Mythische.

– Beide thematisierten klassenübergreifend Desintegrations-, Entfremdungs- und Verfallserfahrungen in einer zersplitterten, materialistischen und individualistischen Gesellschaft.

– Beide sahen überlieferte Werte und Hierarchien durch Egalitarismus, Demokratie, Säkularisierung, „Selbstverwirklichung“ und „Seelenlosigkeit“ausgehöhlt.

– Beide verhießen Gesundung durch Aufwertung der spirituellen, metaphysischen Dimension des Lebens und durch „echte“ Gemeinschaft, mit einheitlicher Weltsicht und kollektiver Identität.

– Beide wollten ihre „Volksgenossen“ mit Leib, Herz und Seele geschlossen hinter sich bringen und durch tief greifende Umwälzungen in eine neue Ära nationaler Größe führen.

– Beide pflegten einen spektakulär-theatralischen, quasi liturgischen Stil der Sakralisierung ihrer Herrschaft.

– Beide perfektionierten die Mobilisierung der Massen und die Nationalisierung aller Lebensbereiche mit dem Ziel produktiver Wehrhaftigkeit und überlegener Expansion.

– Beide improvisierten zwischen unterschiedlichen Strömungen, denen jedoch eines gemein war: höchster proaktiver Einsatz für die Vision einer revolutionären, nationalen Wiedergeburt, verkörpert in einem Führer.

– Beide entfesselten massenhafte populistische Sehnsüchte und revolutionäre Energien in Richtung auf eine radikale Erneuerung und totale Kohäsion ihrer Nation.

– Beide sahen sich als Pioniere einer neuen „gesunden“ Ordnung, geboren aus dem Verfall und dem Zusammenbruch der alten Ordnung.

– Beide waren also -anders als oft angenommen- nicht grundsätzlich gegen die Moderne, sondern eine Antwort darauf, ja eine Form davon.

– Beide bestätigen nämlich Emilio Gentiles Befund: Wenn Massengesellschaft, Massenmobilisierung und die Exaltierung politischer Mythen zur Moderne gehören, dann ist Faschismus durch und durch modern.

– Beide bekräftigen auch Max Webers Fazit: Modernität ist keineswegs unvereinbar mit Autoritarismus, Irrationalismus oder Faschismus.

– Beide verkörpern das Potential der Moderne, Formen anzunehmen, die Traditionelles aufgreifen, um das aufklärerische, humanistische Erbe zu vernichten.

– Beide lehren uns insofern, der Versuchung zu widerstehen, den Begriff Moderne an sich mit positiven bzw. negativen Assoziationen zu behaften.

– Beide sind vor allem Lehrstücke von liberaler und kapitalistischer Unfähigkeit zu Sinn stiftender Identität in Krisenzeiten.

– Beide sind die einzigen Faschismen, die: 

* (legal) an die Macht kamen,

* diese zwölf bzw. zwanzig Jahre innehatten,

* in ihren Anfangsjahren populärer waren als die meisten Demokratien jener (und wohl auch unserer) Zeit.

Eben dieser letzte Hinweis trägt zur Aktualität und Originalität dieses Buches bei.

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(Quelle: Roger Griffin: Modernism and Fascism. The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler, Palgrave Macmillan, London, 2007, pp. 7-13, p.31-32, p.43-44, pp.71-109)

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