Nach außen verwandt (ohne zu verallgemeinern)

von macchiato

War and Revolution: Origins and Dynamics of the Fascist and National Socialist Dictatorships so betitelt sich das jüngste zweibändige Projekt des Amerikaners MacGregor Knox, langjähriger Inhaber des Stevenson-Lehrstuhls für Internationale Geschichte an der London School of Economics. Der 1.Band heißt To the Threshold of Power, handelt von den Jahren 1922/23 und ist 2007 bei Cambridge University Press erschienen. Ursprünge und Dynamik der faschistischen und der nationalsozialistischen Diktatur, solche Vergleiche treiben den Harvard- und Yale-Absolventen Knox schon seit Jahrzehnten um.

Er beschäftigt sich vor allem mit der deutschen und der italienischen Außen- und Militärpolitik von 1890 bis 1945 und gilt auch als Fachmann für strategische Studien. Aus dieser Optik haben wir unser Thema bisher noch nicht hinterfragt, „unsere beiden Faschismen“ noch nicht verglichen. Knox tut das in seinem Buch Common Destiny. Dictatorship, Foreign Policy, and War in Fascist Italy and Nazi Germany. Unter dem Titel  Storia Comune  ist es -ebenso wie ein früheres Werk- auch auf Italienisch erschienen (2003 bei Einaudi). Auf Deutsch liegt uns hingegen keines der vielen Bücher dieses Autors zur deutschen und europäischen Geschichte vor. Ein Grund mehr für uns, einige Kostproben aus dem letztgenannten Text frei in unser Deutsch zu übertragen und in unseren Zusammenhang zu bringen.

Der wichtigere Grund liegt darin, dass wir hier erstmals auch vorrangig die Außen-, Kriegs- und Expansionspolitik der beiden Diktaturen verglichen sehen wollen – zumal MacGregor Knox sofort ankündigt, dass er anders als die meisten jener seiner Kollegen, die wir bisher hier zitiert haben, ohne ein allgemeines Konzept von „Faschismus“ auskommt; solche Konzepte seien nämlich allesamt „gescheitert“.

Knox schlägt sich auf die Seite derer, die für eine deflation all dieser generic fascism-Theorien sind, „obwohl keine zwei von ihnen übereinstimmen“, wie er bissig, aber nicht ganz unzutreffend anmerkt. Faschismus z.B. mit der Moderne erklären zu wollen, mache das Problem nur noch unlösbarer: für den Begriff gebe es noch mehr Definitionsversuche; „Moderne“ sei ebenso vage wie „Faschismus“.

Roger Griffins vieldiskutierte Festlegung auf „nationale Wiedergeburt“ (palingenesis) als „mythischen Kern“ aller Faschismen hält Knox für einfallsreich, hält jedoch dagegen: „Es ist alles andere als klar, warum das der wesentliche kleinste gemeinsame Nenner ist; und eine überzeugende allgemeine Faschismusdefinition kann jedenfalls nicht politische Strukturen und Handlungsweisen ignorieren.

Nach diesen Klarstellungen überrascht es ein wenig, in fast allen Kapiteln des Buches Sätze wie die folgenden zu finden, die dann eben doch allerhand Allgemeines betonen, was der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus gemein hatten. Beide, schreibt MacGregor Knox…

Both regimes arose from compromises between militant nationalist mass parties born of the Great War and establishments that same war had shaken and humiliated.

Both arose in relatively advanced societies – Northern Italy was different from Bavaria, but only marginally more backward economically.

Both were in part responses to affront to the self-esteem of nations that were relative latecomers to unification and industrialisation, and that suffered from deep, regional, and in Germany, religious cleavages.

Both were the creation of leaders who combined conspicuos talents as agitators, political tacticians and ideological visionaries.

…In both cases, the dictators expressed at the beginnings of their careers coherent ideologies that were not necessarily entirely popular or plausible, and continued to profess those ideas both publicly and privately throughout. The steady radicalization of their policies suggests an attempt to bring practice into line with theory, and implies that their increasingly rare moderation was tactical and their extremism genuine.

…In the end, both leaders provoked catastrophe by persisting, despite steadily increasing risks, in their attempts to bend the world to fit the idea.

…the visionary programs they developed had much in common. Internal domination and foreign expansion, demography and geopolitics, were intertwined.

Both leaders hoped to proceed by stages: consolidation at home, then exploitation of the rivalries of other powers to gain freedom for conquest. And both leaders (…) envisaged Italy and Germany as partners in destroying world order.

…The two leaders‘ visions, despite the differences between their underlying ideologies, were indeed congruent in their mixture of demography and geopolitics, if not in Hitler’s racialist philosophy of history.

Above all, the relationship between foreign and domestic policy in the two regimes was similar. Foreign policy was internal poliy and vice versa; internal consolidation was a precondition for foreign conquest, and foreign conquest was the decisive prerequisite for revolution at home that would sweep away inherited institutions and values, Piedmontese-Italian and Prussian-German military castes, the churches with their claim to deep popular loyalties and their inconvenient if not always operative Christian values, and, last but not least, the putatively decadent and cowardly upper middle classes.

…For both, war was an instrument not merely of external conquest but also for the barbarization of their societies and the final taming or destruction of all institutions, from churches to officer corps to the Italian monarchy, that blocked their paths to total power at home.

Both movements‘ drives for mastery abroad and for total power at home, for the destruction of inherited and hated political and social orders and the ascent of their followers, demanded war. And only a truly large war would do.

Zugegeben: all dieses, was beide auch nach außen hin gemein hatten, all diese Vergleiche zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus haben wir im Buch von MacGregor Knox bewusst gesucht – aber eben auch gefunden. Es sind nicht wenige, neben den -deutlich zahlreicheren- Unterschieden, die er aber vor allem mehr betont, ganz besonders in seinem Fazit und Schlusskapitel Expansionist zeal, fighting power, and staying power in the Italian and German dictatorships.

Punkto Expansionseifer, Kampfkraft und militärischem Stehvermögen waren die beiden Regime am allerwenigsten zu vergleichen, das wird hier kompetent und überzeugend dargelegt. Überraschen wird es allerdings niemanden, wie „unvergleichlich“ desorganisierter und ineffizienter die italienischen Kriegsanstrengungen waren (letztlich besser so, ist man im übrigen versucht, im nachhinein zu denken…).

Nicht folgen können wir MacGregor allerdings, wenn das für ihn mit ein Grund ist -neben der Schwierigkeit, sich zu einigen- alle Versuche, einen verallgemeinernden Faschismusbegriff zu finden, als „gescheitert“ oder sinnlos anzusehen.

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(Source: MacGregor Knox, Common Destiny. Dictatorship, Foreign Policy, and War in Fascist Italy and Nazi Germany, Cambridge University Press, 2000, p.52,56,57,59,63,66,78,109,227)

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