Verwandt in Mythos und Image II

von macchiato

Ian Kershaw erwähnt in seinem Buch über den Hitler-Mythos nebenbei die Vorreiterrolle Mussolinis für Deutschland, wo Hitler sich seit dem „Marsch auf Rom“ des „Duce“ analog zu diesem nicht mehr nur NSDAP-intern, sondern auch öffentlich „Führer“ nennen ließ (zuweilen auch „Mussolini der Deutschen“). Da wie dort: Führerprinzip- und Personenkult-Parolen wurden verinnerlicht in alltäglichen Parolen wie Il Duce ha sempre ragione („der Duce hat immer recht“) oder credere – obbedire – combattere („glauben -gehorchen – kämpfen“). Da wie dort: der politischer Erlöser als Religionssurrogat, und als Bindemittel für die Einheitspartei (da wie dort nie so richtig einig); zwecks -da wie dort- massenhafter Nationalisierung und Mobilisierung für den Sieg in der Völkerschlacht „um einen Platz an der Sonne“, einen Platz unter den (Kolonial-)Herrenvölkern.

Solches und anderes Gemeinsames zu suchen, und auch bei Kershaw zu finden, und zwar um besser differerenzieren zu können, das scheint für unsere Zwecke der politischen Bildung lehrreicher als ausschließlich das Einzigartige herauszuarbeiten, das jedem Untersuchungsobjekt erkennbar und unleugbar eigen ist.

Historiker wie Ian Kershaw pflegen gegenüber Vergleichen zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus nicht nur die gebotene Vorsicht, sondern eine gewisse Distanz an den Tag zu legen. Umso informativer könnte es sein, gerade aus den von Kershaw genannten Zusammenhängen den einen oder anderen Schnittpunkt der beiden Diktaturen zu extrapolieren.

Der deutsche und der italienische Diktator mögen persönlich sehr unterschiedlich gewesen sein; politisch waren sie einander verwandtschaftlich nahe, und zwar bis zu ihrem Tode (in ihrer Wirkung sogar darüber hinaus). Demnach sind sie nützlicherweise vergleichbar wie wenige andere. Davon wollen wir ausgehen – und weiter Ian Kershaw zitieren, gerade weil er nicht so oberflächlichen Vergleichen neigt.

Im Schlusskapitel des Buchs über den Hitler-Mythos kommt Ian Kershaw auf die im Untertitel bereits angesprochene Kluft zwischen Image und Realität zu sprechen. Die laut Kershaw folgenden sieben Grundlagen speziell des Hitler-Mythos scheinen uns zum guten Teil auch auf sein italienisches Vorbild Mussolini zuzutreffen:

Seven significant bases of the ‚Hitler myth‘:

In each case the contrast between image and reality is stark, the ‚mythical‘ content unmistakable.

* Firstly, (he) was regarded as the personification of the nation and the unity of the ’national community‘ (…), the selfless exponent of the national interest;

* Secondly, as the single-handed architect and creator of (…) ‚economic miracle‘ (…), eliminating (…) mass unemployment, revitalizing the economy, providing improved living standards (…);

* Thirdly, as (…) the voice of the ‚healthy sentiment of the people‘, (…) the embodiment of strong, if necessary ruthless, action against the ‚enemies of the people‘ to enforce ‚law and order‘ ;

* Fourthly, as personally sincere, and in matters affecting established traditions and institutions as a ‚moderate‘, but largely kept in the dark about what was actually going on;

* Fifthly, in the arena of foreign affairs, (he) was regarded as (…) a rebuilder of the nation’s strength, a statesman of genius, and for the most part (…) not as a racial imperialist warmonger(…)

* Sixthly, in the first half of the war (he) appeared to be the incomparable military leader who, (…) knew and understood the ‚psychology‘ of the ordinary soldier.

* Finally, there was (his) image as the bulwark against the nation’s perceived powerful ideological enemies -Marxism/Bolshevism and (…) the Jews.

Das meiste, was Kershaw hier als spezielle Grundlagen des Hitler-Mythos bezeichnet, kann man aus unserer Sicht auch zu den Grundlagen des Mussolini-Mythos zählen – mit Abstrichen beim vorletzten und vor allem beim letzten Punkt. Mutatis mutandis, das Proviso gilt für alle Vergleiche:

Niemand wird behaupten wollen, die italienische und die deutsche Geschichte und die handelnden Personen deckten sich. Aber dass in jenen Jahrzehnten ähnliche „Verhaltensauffälligkeiten“ aufwiesen, steht für fast alle englischsprachigen Kenner beider Faschismen außer Streit.

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(Source: Ian Kershaw: The ‚Hitler Myth‘. Image and reality in the Third Reich, Oxford University Press, 1987, reissued 2001, Introduction pp.1-10, Conclusion 253-269)

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