Mann nimmt Faschisten ernst

von macchiato

Michael Mann von der University of California Los Angeles UCLA (er lehrt aber auch an der Queens University in Belfast in Nordirland) gilt als einer der führenden Soziologen der Gegenwart, eine zweibändiges Werk The Sources of Social Power als Referenztext zu den Quellen, Mechanismen und Netzwerken gesellschaftlicher Macht. Dem Faschismus hatte er eigentlich nur ein Kapitel in einem geplanten dritten Band zugedacht. Dann sind jedoch zwei weitere eigene Bücher daraus geworden. Das eine hat auch, aber nicht nur mit dem europäischen Faschismus, sondern mit „ethnischen Säuberungen“ auch andernorts zu tun und trägt den Titel: The dark Side of Democracy: Explaining Ethnic Cleansing (italienische Fassung: Il lato oscuro della democrazia. Alle radici della violenza etnica ed. Università Bocconi, I nuovi classici;

Das erste heißt einfach Fascists und analysiert soziologisch den Aufstieg derselben, zuerst in Italien, dann in Deutschland, auch in Österreich (Austrofaschisten auf der einen, Nazis auf der anderen Seite). Mann widmet dann auch der ungarischen, der rumänischen und der spanischen „Familie des Autoritarismus“, wie er diese nennt, eigene Kapitel. Er schließt mit einem Rückblick auf die Faschismen, die hinter uns liegen – und jene, die noch auf uns zukommen könnten.

Zuerst nennt Michael Mann

Sieben Gründe, warum Faschisten ernstzunehmen sind:

1. Der Faschismus ist -neben der Umweltbewegung- die einzige wichtige politische Doktrin, die die Moderne im 20.Jahrhundert hervorgebracht hat; von daher ist anzunehmen, dass irgendetwas Ähnliches -aber sicher unter einem anderem Namen- auch im 21.Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen wird .

2. Der Nationalstaat prägt unsere Ära, mit all seinen Ideologien und Pathologien, aber meist in relativ milder Form. Der Faschismus ist die extremste, die paramilitärische Ausprägung der vorherrschenden, der nationalstaatlichen Ideologie unserer Epoche.

3. Die faschistische Ideologie muss in ihrem Innern ernst genommen werden, statt dass man sie einfach als verrückt, widersprüchlich oder vage abtut. (…) Das war eine Bewegung mit Idealen, die wesentliche Teile zweier Generationen überzeugte, sie könnte eine harmonischere soziale Ordnung zustandebringen.

4. Wir müssen die Frage ernstnehmen, was für eine Art Mensch vom Faschismus angezogen war. Ungebildete gab es bei den Faschisten und ihren Anhängern nicht mehr als anderswo. Überdurchschnittlich vertreten waren relativ gebildete junge Männer aus allen sozialen Schichten, für die die Nation und der Staat einen hohen Wert darstellten.

5. Wir müssen auch die faschistischen Bewegungen ernstnehmen: hierarchisch, aber kameradschaftlich, eröffneten sie ihren Anhängern neue Chancen: einerseits zu radikaler, aber durch die Gruppe „legitimierter“ Gewaltanwendung, andererseits zu opportunistischer Anpassung und rasanter Karriere.

6. Wir müssen „hartgesottene“ Faschisten auch in einem viel dunkleren Sinn ernstnehmen: als Leute, die anderen Schlimmes antun können. Diese Fähigkeit ist Teil des menschlichen Wesens. Die Selbsttäuschung faschistischer Täter gehört auch dazu. Faschismus verstehen heißt verstehen, wie Menschen mit anscheinend hohen Modernisierungsidealen dazu kamen, letztlich absolut Böses zu tun.

7. Wir müssen die Möglichkeit ernstnehmen, dass wieder Faschisten im Kommen sind. Einige der Voraussetzungen, die Faschismus hervorgebracht haben, sind gegeben. Ethnische und politische „Säuberung“ war einer der prägendsten „Beiträge“ Europas zur Moderne; und gewalttätiger Paramilitarismus war eine Spezialität unseres 20.Jahrhunderts.

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(Source: Michael Mann, Fascists, Cambridge University Press,2004, pp. 1-4)

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