2-3 Dinge, die Cambridge für mich zur Nr.1 machen

von macchiato

Die Bibliothek z.B. des Wolfson College ist 364 Tage jeweils 24 Stunden geöffnet. Wie allen Guest Fellows, so war auch mir geraten worden, über das eigene spezifische Forschungsvorhaben hinaus das College- und Universitätsangebot, das für eine Hochschule, die weniger als 20.000 Studierende aufnimmt, unnachahmlich hochwertig und breit erscheint, so intensiv wie möglich zu nutzen.

Ich habe diesen Rat weidlich befolgt. Fast jede der insgesamt mindestens zwei Dutzend Vorlesungen, Seminare, Konferenzen und Debatten, die ich besucht habe (von einigen davon habe ich in meinem Blog berichtet) waren für meine kontinentaleuropäischen Begriffe erstklassig: inhaltlich erhellend, didaktisch vorbildlich. Am College waren das unter anderem Veranstaltungen der Humanities Society, der Science Society und mehrere Lunchtime Lectures sowie Treffen der Chinese Classics Society. Ich wurde auch Mitglied des College-Chors; dieser trat heuer nicht nur bei der College Garden Party und dem traditionellen Wolfson June Event auf, sondern auch beim feierlichen traditionellen Universitätsgottesdienst in der Kirche Great St. Mary’s.

Meine Gastgeber hatten mir auch geraten, vor allem die informellen Begegnungen, nicht zuletzt beim gemeinsamen Essen, für den interfakultären Austausch mit anderen researchern jeden Altersundaller Herren Länder zu nutzen. Dieses enorm anregende nationen- und fächerübergreifende „Treibhausklima“ macht meiner Meinung nach, zusammen mit der intensiven Eins-zu-eins-Betreuung der Studierenden, die vielbeschworene Qualität von Cambridge aus.

Zunächst ist man skeptisch und etwas schüchtern, wenn man z.B. als Geistes- oder Sozialwissenschaftler bei Tisch einem Computerwissenschaftler, einen Kosmologen, einen Mathematiker und anderen, namhaften bis nobelpreisverdächtigen Professoren, Fellows oder Doktoranden gegenübersitzt.

Aber dann kam ich täglich, bei ausnahmslos jedem Essen (dessen Qualität ich dabei meist vergaß) zwanglos und locker mit immer neuen Menschen ins Gespräch, die einem ihr ganz spezielles Forschungsgebiet und was dahintersteckt, bestechend klar, kreativ und kurzweilig nahebringen können, die aber auch beim Dialog zu ganz anderen, auch gesamtgesellschaftlichen Fragen eine immer wieder überraschende Bandbreite, Tiefe und Originalität an den Tag legen, fast immer mit ortstypischem understatement, oft mit self-deprecating humour. Sicher gibt es selbst in Cambridge irgendwo so etwas wie „Fachidioten“. Wahrscheinlich war ich nur nicht lange genug da, um einen davon kennenzulernen. Am Wolfson College jedenfalls habe ich keinen einzigen mit so engem Horizont kennengelernt, dass man nur über (s)ein Thema mit ihm reden kann.

Wer das erfahren hat und zu schätzen weiß, versteht: ohne intellektuelles Vergnügen auf diesem Niveau, über Fakultäten und Nationen hinweg, wird Forschung nie so produktiv sein wie sie hier (und angeblich nur an sehr wenigen anderen Orten der Welt) meistens zu sein scheint.   

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