Faschisten sind immer die anderen

comparative fascist studies on Italy and Germany

Kategorie: DE

Literaturhinweis auf Sammelbände

Die folgenden fünf Sammelbände, die alle in den letzten zehn Jahren erschienen sind, vermitteln vielfältige Ein- und Überblicke sowie erschöpfende Literaturhinweise zur vergleichenden englischsprachigen Faschismusforschung:

  • Iordachi, Constantin(ed.): Comparative Fascist Studies. New Perspectives, Routledge,  Abingdon 2010:  Dieser aktuellste Sammelband zum Thema enthält nach einer umfassenden Einführung des Herausgebers 14 der wichtigsten Texte zur vergleichenden Faschismusforschung, einschließlich Kurzporträts der Autoren: Z.Sternhell, G.Mosse, St.Payne, R.Griffin, R. Eatwell, R.Paxton, M.Mann, A.Kallis, I.Kershaw, E.Gentile und R. Steigmann-Gall  
  • Kallis, Aristotle (ed.): The Fascism Reader (Routledge Readers in History Series), Taylor & Francis, London/New York 2003: ein in acht Themenkreise gegliedertes Lesebuch mit insgesamt 48 Beiträgen namhafter Faschismushistoriker und -theoretiker, von Gilbert Allardyce über   „Generic fascism – an ‚illusion‘? bis Adrian Lyttelton über ‚The March on Rome‘ – fascist triumph or capitulation of the liberal system?“ 
  • Bosworth, Richard J. (ed.): The Oxford Handbook of Fascism, Oxford University Press, Oxford 2009: hier beschäftigen sich zwei Dutzend Autoren vor allem mit dem italienischen Faschismus und seiner ideologischen Vorgeschichte, aber auch mit Vergleichsmöglichkeiten (ohne dem deutschen Nationalsoziasmus viel Platz einzuräumen) und mit weiteren zehn Ländern, wo der Faschismus nur vorübergehend oder gar nicht an die Macht kam.  
  • Campi, Alessandro (a cura di): Che cos’è il fascismo? Interpretazioni e prospettive di ricerca, ed. Ideazione, Rom 2003: Endlich auch auf italienisch: ein Sammelband, der die in der englischsprachigen Welt kursierenden Faschismustheorien von Autoren wie Griffin, Larsen, Paxton, Eatwell, Gregor, Costa Pinto und anderen verdienstvollerweise auch einmal der italienischsprachigen Öffentlichkeit zur Kenntnis bringt.
  • Lob, Werner (Schrftltg.): Erwägen Wissen Ethik (EWE). Jg.15/2004, Heft 3, Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 2004:  Dieses anspruchsvolle „Streitforum für Erwägungskultur“ ist besonders den Freunden von offenen bis hitzigen Grundsatz- und Fachdiskussionen zu empfehlen: 23 Wissenschaftler setzen sich auf Deutsch und Englisch mit Roger Griffins Hauptartikel zum aktuellen Kern des „generischen Faschismus“ und dann wieder mit seiner Replik auseinander, bevor er noch einmal zu Wort kommt und seine Position korrigiert.  

Kein Zugang ist „falsch“ (außer der faschistische)

Skeptisch gegenüber „großen“ politikwissenschaftlichen Theorien von einem generic fascism, für die das Ideologische konstituierend ist, bleiben viele, die soliden geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen aller Aspekte der real existierenden Faschismen der Zwischenkriegszeit mehr Aussagekraft beimessen.

Hier bestätigt sich, wie gegensätzlich die Sichtweisen der Geschichts- und der Politikwissenschaft anmuten können (zusätzlich befruchtet von Anthropologen, Soziologen, Psychologen und anderen). Dabei sind sie nur unterschiedlich, durchaus miteinander zu versöhnen, und zwar Erkenntnisgewinn bringend für alle. In dieser Richtung ermutigen uns unter anderen Robert O.Paxton, Zeev Sternhell und Constantin Iordachi zu unserer vereinfachenden, vorläufigen Schlussfolgerung:

Wenn man schon über zwei unterschiedliche methodische Zugänge zum Faschismus verfügt, einen auf dem Weg über die faschistische Ideologie und einen anderen über die faschistische Wirklichkeit, dann kann man vielleicht aus der Not eine Tugend machen, z.B. indem man den Untersuchungsgegenstand zweiteilt in den einen, den ideologischen Faschismus, und den anderen, den real existierenden Faschismus. Möglicherweise entwickelt sich dann mehr konstruktiver Erkenntnisfortschritt, und vielleicht sogar wirklich ein -beschränkter- „neuer Konsens“ zwischen beiden Denkschulen und Disziplinen, der „generischen“ und der „historischen“.  

Gedankenanstöße von E.H.Carr und Richard J. Evans

Hier eine Reihe von Zitaten von Historikern für Historiker und andere Interessierte, mit denen Sir Richard Evans 2001 in die Neuauflage von E.H. Carrs mehr als 50 Jahre alten Longseller What is History? und in dessen erstaunlich nachhaltige Aktualität und Brillanz eingeführt hat:

Objective history does not exist.

Man kann sagen: objektive Wahrheit existiert. Aber kein Historiker kann hoffen, mehr von ihr zu erhaschen als nur eine blasse Teil-Annäherung an sie

The specific function of the historian, qua historian, is not to judge but to explain.

Die besondere Aufgabe des Historikers als Historiker besteht nicht im Urteilen, sondern im Erklären.

balancing uneasy on the razor edge between the hazards of objective determinism and the bottomless pit of subjective relativity…

Zeitgenössische Geschichtsphilosophie ist mehr ein Fragesteller als ein Antwortgeber.

History is a process, and you cannot isolate a bit of process and study it on its own (…) everything is completely interconnected (…) The job of historians is to study whatever part of the the past they chose to examine in the context of both what came before and after it, and the interconnection between their subject and its wider context.

Geschichteist ein Prozess, in dem man nichts isoliert sehen kann; alles ist vollkommen verwoben. Die Aufgabe des Historikers besteht darin, diese Verflechtungen an seinem Gegenstand zu untersuchen und in ihren größeren Zusammenhang zu stellen.

The question might be decided differently at different times in the future by different sets of judges with different questions to ask and different ends to serve.

Die Frage kann von anderen, zu anderen Zeiten, mit anderen Zielen, anders gestellt und beantwortet werden.

While history never repeats itself, it presents certain regularities, and permitscertain generalizations, which can serve as a guide for future action.

Wenn Geschichte sich niemals wiederholt, so weist sie doch gewisse Regelmäßigkeiten auf, und erlaubt gewisse Verallgemeinerungen, die als Leitlinie für künftiges Handeln dienen können.

To insist on the inevitability of what had happened in the past…was to resign moral responsability for our own actions in the present.

Auf der Unvermeidlichkeit des Vergangenen beharren wäre gleichbedeutend mit der Aufgabe unserer moralischen Verantwortung für unser gegenwärtiges Handeln.

Certainly, historians will write better history if they are self-conscious about their political and intellectual starting point (…), recognizing nature and extent of one’s own prejudices.

Gewisswerden Historiker besser, wenn sie sich ihrer politischen und geistigen Ausgangspunktes bewusst sein, wenn sie sich der Natur und des Ausmaßes ihrer eigenen Vor-Urteile bewusst sind.

Eigene „Schlüsselwortwahl“ zum Gattungsbegriff Faschismus

Aus unterschiedlichen anglophonen Faschismusdefinitions- und Erklärungsversuchen nun stichwortartig einen relativ breiten Konsens über einige deutsch-italienische Gemeinsamkeiten herausdestillieren zu wollen, erscheint  fast unmöglich. Trotzdem fühlt sich der Unterfertigte bemüßigt, hier nun auch selbst eine persönliche Auswahl von Schlüsselworten (eine von vielen möglichen) offenzulegen, die er mit dem Begriff „Faschismus“ assoziiert. Dass auch er sich dieser Übung unterziehen wollte, rechtfertigt er einerseits unter seinem Hauptgesichtspunkt der politischen Bildung und andererseits unter dem Aspekt der persönlichen Transparenz. Hier also, aus der bescheidenen persönlichen Warte und Formulierung des Unterfertigten, die Stichworte, die er zum Zeitpunkt des Schreibens wählen würde, um gerade aus unserem historisch belasteten Grenzgebiet heraus zu Seitenblicken über die eigenen Provinzgrenzen hinaus anzuregen. Seitenblicke auf heutige und künftige Risiko- und Präventionspotentiale rund um den Faschismus als grenz- und epochenüberschreitendes Phänomen:

Mehrfachkrise als Entstehungsbedingung

(in den beiden „spätgeborenen“ und „weltkriegsverletzten“ Staaten Italien und Deutschland besonders virulent):

  • Identitäts- und Wertekrise

  • Parlamentarismuskrise

  • Weltwirtschaftskrise

Endkampfstimmung  als Weltanschauung

  • Umstürzlerischer Ultranationalismus

  • Heilserwartung an einen unanfechtbaren Führer

  • Anti-Pluralismus und Anti-Liberalismus

  • Anti-Egalitarismus und Anti-Marxismus

  • Mythos der homogenen Gemeinschaft (national, „rassisch“, kulturell)

  • Angst vor tödlicher Bedrohung des eigenen „Volkskörpers“ durch „Infizierung“

  • Glaube an einen schicksalhaften, sozialdarwinistischen „Endkampf“ der Völker ums Überleben:

  • Verherrlichung von Wehr- und Mannhaftigkeit, Gewaltanwendung, Expansion und Krieg

  • Glaube an kollektive Erneuerung und erlösende Wiedergeburt

Massenmobilisierung als Wunderwaffe

  • Führerprinzip: alles muss schnell und entschlossen von oben nach unten entschieden werden

  • Massenmobilisierung und Gleichschaltung mit modernsten Medien

  • (Para-)militärische Organisation

  • (Pseudo-)religiöse Stilelemente

  • „Gesundes“ „ohne Rücksicht auf Verluste“ gegen „Artfremdes“ bzw. „Entartetes“

  • Brutale Repression jeder Opposition oder Abweichung

  • Kriegerische Expansion und Imperialismusm

  • Fokussierung auf Feindbilder und Sündenböcke

Müsste das Destillat noch konzentrierter und auf noch weniger und nüchternere Worte reduziert sowiegereiht werden, so würde der Unterfertigte nach dem Studium englischsprachiger Faschismusforschung die Gemeinsamkeiten „unserer beiden Faschismen“ am ehesten an Hand der folgenden zehn Schlüsselbegriffe zu erläutern versuchen:

  1. Mehrfachkrise

  2. Umwälzung

  3. Volksgemeinschaft

  4. Führerglaube

  5. Massenmobilisierung

  6. Endkampfstimmung

  7. Exklusion

  8. Anti-Egalitarismus

  9. Expansion

  10. „Killerinstinkt“

Dies, wie angedeutet, nur als „handliches“, eigenes Beispiel für einige von vielen möglichen Ausgangspunkten für Diskussionen. Weiter möchte der Unterfertigte im Rahmen seiner „politischen Bildungs-Fragestellung“ vorerst nicht gehen. Zu zahlreich, zu vielschichtig, zu unterschiedlich, und gleichzeitig jeweils in Teilen zu überzeugend, erscheinen ihm die Thesen, Theorien und Definitionsversuche der vergleichenden „generischen“ Faschismusforschung in englischer Sprache, mit denen er in sieben Monaten konfrontiert wurde, um es zu wagen, ihnen weiter gehende eigene Thesen oder Theorien hinzuzufügen, etwa gar „aus einem Guss“ und von aller Welt zu teilen. So etwas kann es aus meiner bescheidenen Sicht zu einem derart komplexen Phänomen und Begriff wie Faschismus genausowenig geben wie zu Begriffen wie Totalitarismus, Nationalismus, Moderne oder „politische Religion“. Wenn der Unterfertigte aus der intensiven Beschäftigung mit seinem Untersuchungsgegenstand etwas gelernt hat, so dieses. 

2-3 Dinge, die Cambridge für mich zur Nr.1 machen

Die Bibliothek z.B. des Wolfson College ist 364 Tage jeweils 24 Stunden geöffnet. Wie allen Guest Fellows, so war auch mir geraten worden, über das eigene spezifische Forschungsvorhaben hinaus das College- und Universitätsangebot, das für eine Hochschule, die weniger als 20.000 Studierende aufnimmt, unnachahmlich hochwertig und breit erscheint, so intensiv wie möglich zu nutzen.

Ich habe diesen Rat weidlich befolgt. Fast jede der insgesamt mindestens zwei Dutzend Vorlesungen, Seminare, Konferenzen und Debatten, die ich besucht habe (von einigen davon habe ich in meinem Blog berichtet) waren für meine kontinentaleuropäischen Begriffe erstklassig: inhaltlich erhellend, didaktisch vorbildlich. Am College waren das unter anderem Veranstaltungen der Humanities Society, der Science Society und mehrere Lunchtime Lectures sowie Treffen der Chinese Classics Society. Ich wurde auch Mitglied des College-Chors; dieser trat heuer nicht nur bei der College Garden Party und dem traditionellen Wolfson June Event auf, sondern auch beim feierlichen traditionellen Universitätsgottesdienst in der Kirche Great St. Mary’s.

Meine Gastgeber hatten mir auch geraten, vor allem die informellen Begegnungen, nicht zuletzt beim gemeinsamen Essen, für den interfakultären Austausch mit anderen researchern jeden Altersundaller Herren Länder zu nutzen. Dieses enorm anregende nationen- und fächerübergreifende „Treibhausklima“ macht meiner Meinung nach, zusammen mit der intensiven Eins-zu-eins-Betreuung der Studierenden, die vielbeschworene Qualität von Cambridge aus.

Zunächst ist man skeptisch und etwas schüchtern, wenn man z.B. als Geistes- oder Sozialwissenschaftler bei Tisch einem Computerwissenschaftler, einen Kosmologen, einen Mathematiker und anderen, namhaften bis nobelpreisverdächtigen Professoren, Fellows oder Doktoranden gegenübersitzt.

Aber dann kam ich täglich, bei ausnahmslos jedem Essen (dessen Qualität ich dabei meist vergaß) zwanglos und locker mit immer neuen Menschen ins Gespräch, die einem ihr ganz spezielles Forschungsgebiet und was dahintersteckt, bestechend klar, kreativ und kurzweilig nahebringen können, die aber auch beim Dialog zu ganz anderen, auch gesamtgesellschaftlichen Fragen eine immer wieder überraschende Bandbreite, Tiefe und Originalität an den Tag legen, fast immer mit ortstypischem understatement, oft mit self-deprecating humour. Sicher gibt es selbst in Cambridge irgendwo so etwas wie „Fachidioten“. Wahrscheinlich war ich nur nicht lange genug da, um einen davon kennenzulernen. Am Wolfson College jedenfalls habe ich keinen einzigen mit so engem Horizont kennengelernt, dass man nur über (s)ein Thema mit ihm reden kann.

Wer das erfahren hat und zu schätzen weiß, versteht: ohne intellektuelles Vergnügen auf diesem Niveau, über Fakultäten und Nationen hinweg, wird Forschung nie so produktiv sein wie sie hier (und angeblich nur an sehr wenigen anderen Orten der Welt) meistens zu sein scheint.   

Mann nimmt Faschisten ernst

Michael Mann von der University of California Los Angeles UCLA (er lehrt aber auch an der Queens University in Belfast in Nordirland) gilt als einer der führenden Soziologen der Gegenwart, eine zweibändiges Werk The Sources of Social Power als Referenztext zu den Quellen, Mechanismen und Netzwerken gesellschaftlicher Macht. Dem Faschismus hatte er eigentlich nur ein Kapitel in einem geplanten dritten Band zugedacht. Dann sind jedoch zwei weitere eigene Bücher daraus geworden. Das eine hat auch, aber nicht nur mit dem europäischen Faschismus, sondern mit „ethnischen Säuberungen“ auch andernorts zu tun und trägt den Titel: The dark Side of Democracy: Explaining Ethnic Cleansing (italienische Fassung: Il lato oscuro della democrazia. Alle radici della violenza etnica ed. Università Bocconi, I nuovi classici;

Das erste heißt einfach Fascists und analysiert soziologisch den Aufstieg derselben, zuerst in Italien, dann in Deutschland, auch in Österreich (Austrofaschisten auf der einen, Nazis auf der anderen Seite). Mann widmet dann auch der ungarischen, der rumänischen und der spanischen „Familie des Autoritarismus“, wie er diese nennt, eigene Kapitel. Er schließt mit einem Rückblick auf die Faschismen, die hinter uns liegen – und jene, die noch auf uns zukommen könnten.

Zuerst nennt Michael Mann

Sieben Gründe, warum Faschisten ernstzunehmen sind:

1. Der Faschismus ist -neben der Umweltbewegung- die einzige wichtige politische Doktrin, die die Moderne im 20.Jahrhundert hervorgebracht hat; von daher ist anzunehmen, dass irgendetwas Ähnliches -aber sicher unter einem anderem Namen- auch im 21.Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen wird .

2. Der Nationalstaat prägt unsere Ära, mit all seinen Ideologien und Pathologien, aber meist in relativ milder Form. Der Faschismus ist die extremste, die paramilitärische Ausprägung der vorherrschenden, der nationalstaatlichen Ideologie unserer Epoche.

3. Die faschistische Ideologie muss in ihrem Innern ernst genommen werden, statt dass man sie einfach als verrückt, widersprüchlich oder vage abtut. (…) Das war eine Bewegung mit Idealen, die wesentliche Teile zweier Generationen überzeugte, sie könnte eine harmonischere soziale Ordnung zustandebringen.

4. Wir müssen die Frage ernstnehmen, was für eine Art Mensch vom Faschismus angezogen war. Ungebildete gab es bei den Faschisten und ihren Anhängern nicht mehr als anderswo. Überdurchschnittlich vertreten waren relativ gebildete junge Männer aus allen sozialen Schichten, für die die Nation und der Staat einen hohen Wert darstellten.

5. Wir müssen auch die faschistischen Bewegungen ernstnehmen: hierarchisch, aber kameradschaftlich, eröffneten sie ihren Anhängern neue Chancen: einerseits zu radikaler, aber durch die Gruppe „legitimierter“ Gewaltanwendung, andererseits zu opportunistischer Anpassung und rasanter Karriere.

6. Wir müssen „hartgesottene“ Faschisten auch in einem viel dunkleren Sinn ernstnehmen: als Leute, die anderen Schlimmes antun können. Diese Fähigkeit ist Teil des menschlichen Wesens. Die Selbsttäuschung faschistischer Täter gehört auch dazu. Faschismus verstehen heißt verstehen, wie Menschen mit anscheinend hohen Modernisierungsidealen dazu kamen, letztlich absolut Böses zu tun.

7. Wir müssen die Möglichkeit ernstnehmen, dass wieder Faschisten im Kommen sind. Einige der Voraussetzungen, die Faschismus hervorgebracht haben, sind gegeben. Ethnische und politische „Säuberung“ war einer der prägendsten „Beiträge“ Europas zur Moderne; und gewalttätiger Paramilitarismus war eine Spezialität unseres 20.Jahrhunderts.

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(Source: Michael Mann, Fascists, Cambridge University Press,2004, pp. 1-4)

Sich in der Masse stark fühlen

Robert O.Paxton, emeritierter Professor der Columbia University in New York, zuvor in Berkeley (nach Studium in Oxford und Harvard), kennt sich wie wenige andere im Frankreich des Vichy-Regimes aus, das mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollaboriert hat. Er hat aber auch 2004 ein vielbeachtetes Buch allgemeineren Inhalts geschrieben, The Anatomy of Fascism, das auch in einer deutschen Übersetzung erschienen ist (Die Anatomie des Faschismus, DVA, München 2006).

Die faschistische Ideologie äußert sich laut Paxton so unterschiedlich und so widersprüchlich, dass er versucht ist, sie rein funktionalistisch zu sehen:

Fascists propose anything that serves to attract a crowd, solidify a mass following, or reassure their elite acccomplices.

Faschisten böten das, was ihnen in ihrem wechselnden Umfeld gerade am geeignetsten erscheine, die Massen anzuziehen und bei der Stange zu halten – und den Beistand der Eliten zu sichern. Wenn man nur ihre Texte studiere, könne man ihre Taten nicht verstehen, denn diese stimmten mit jenen nicht nachhaltig überein. Demnach definiert Paxton Faschismus als eine Form politischen Verhaltens, die gefühlte kollektive Demütigungen und Verfallserscheinungen mit einem Kult der Kraft kompensiert und das Heil in der Gewaltanwendung sucht, in einer Massenpartei von militanten Nationalisten, im Abbau demokratischer Freiheiten, in innenpolitischen „Säuberungen“ und außenpolitischer Expansion ohne ethische oder rechtliche Einschränkungen, in einer begrenzten, aber wirkungsvollen Zusammenarbeit mit den traditionellen Eliten:

Fascism may be defined as a form of political behaviour marked by obsessive preoccupation with community decline, humiliation, or victim-hood and by compensatory cults of unity, energy and purity, in which a mass-based party of committed nationalist militants, working in uneasy but effective collaboration with traditional elites, abandons democratic liberties and pursues with redemptive violence and without ethical or legal restraints goals of internal cleansing and external expansion.

Faschismus definieren bedeutet für Paxton eine fünffache Herausforderung annehmen.

Wir fassen sie in Fragen:

– Auf welchen Zeitrahmen lässt man sich ein?

– Welche Abwandlungen rechnet man dazu?

– Wie lässt sich aus so viel Vielfalt etwas verallgemeinern?

– Inwieweit entspricht faschistische Praxis faschistischer Theorie?

– Ist ein so umstrittener und als Schimpfwort missbrauchter Begriff wissenschaftstauglich?

Paxton ist sowohl Historiker als auch Politikwissenschaftler. Wohl auch deshalb ist auch seine Sicht des Faschismus keiner der „Denkschulen“ zum Faschismus eindeutig zuzuordnen. Er findet aber klare Worte, z.B. zur marxistischen Interpretation des Faschismus, wie sie früher gängig war:

„Die Linke hat zwei Generationen gebraucht, bis sie verstanden hat, dass der Faschismus alles in allem eine authentische, massenhafte, volkstümliche Begeisterung ist, und nicht einfach nur die clevere populistische Manipulation von Emotionen durch reaktionäre Rechte oder krisengeschüttelte Kapitalisten.“

Aber auch neueren Zugängen zum Faschismus widerpricht Paxton deutlich. Manche überschätzten die Aussagekraft der äußeren Symbole des Faschimus. Was andere Forscher sehr ernst nehmen und durchaus mit Religion vergleichen, tut er als „Dekor“ ab. Die unterschiedlichen Varianten des Faschismus legitimieren sich eben nicht über eine schriftliche Überlieferung mit Anspruch auf universale Gültigkeit, über eine „heilige Schrift“, sondern über das, was sie als den authentischsten Ausdruck ihrer jeweils eigenen kollektiv-nationalen Identität hoch halten wollen, und das seien naturgemäß recht verschiedene Dinge. Von da her lässt sich für Paxton keine große allgemeingültige Faschismustheorie konstruieren.

Am meisten zu schaffen macht den Theoretikern des Faschismus dessen zweideutiges Verhältnis zwischen Doktrin und Aktion, so Paxton, die irrational irrlichternde Beziehung zwischen seinem Wort und seiner Tat. „Wir Intellektuelle“ neigten dazu, alle -ismen des 19.Jahrhunderts, also Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus usw., von ihrer Doktrin her zu bewerten – und analog dazu auch den Faschismus als etwas anzusehen, das in sich schlüssig und universal gültig sein wolle. Aber der Faschismus sei kein vernunftbetontes philosophisches Gedankengebäude für Notabeln (und solche, die es werden wollen), sondern etwas anderes: eine politische Praxis, die auf die Politik der Massen des 20.Jahrhunderts zugeschnitten ist.

Fascism is a political practice appropriate to the mass politics of the twentieth century.

Die Sprache der Faschisten mag sich an den Sozialdarwinismus anlehnen, aber es geht ihnen nicht um die „Richtigkeit“ einer Theorie (die sie nie hatten). DAS „Faschistische Manifest“ hat es nie gegeben. Sie verachten Vernunft und „des Gedankens Blässe“, wandeln locker von einer intellektuellen Position zur nächsten und zur übernächsten. Anders als bei der traditionellen Rechten, wo die Vernunft dem Glauben unterworfen wird, fühlt man sich hier nur schicksalhaften Blutsbanden untertan, d.h. dem Recht des „blutsmäßig“ Stärkeren, und dieser Stärkere hat man selbst zu sein. Die einzige moralische Richtschnur der Faschisten ist diesseitig: „das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“ ja, aber die jener Rasse, jener Nation, jener Volksgemeinschaft, die sich kühn und tüchtig und brutal durchsetzt gegen den Feind. Der Feind ist absolut unverzichtbar, muss aber nicht für alle Faschismen immer nur „der Jude“ sein.

Gefühl sei stärker als Gedanke und auch Glaube. Davon ausgehend, seien die Faschismen in der Mobilisierung der Massen anders, und stärker, als andere. Welche Gefühle?

Für Paxton haben alle Faschismen sieben mobilizing passions gemein, Leidenschaften mit stark motivierender und mobilisierender Wirkung. Dieser Zugang spricht uns an. Wir interpretieren ihn mit unseren eigenen Worten so:

1. Das Gefühl, dass die Gemeinschaft Vorrang hat vor allem anderen – und dass die Pflichten ihr gegenüber über allen Rechten stehen, die man hat, egal ob universell oder individuell.

2. Das Gefühl, dass die Gemeinschaft Opfer von inneren und äußeren Feinden ist – und dass dagegen alle Mittel erlaubt sind.

3. Die Angst vor dem Verfall der Gemeinschaft durch die „zersetzende“ Wirkung individualistischer und kosmopolitischer Liberaler.

4. Das Zusammenschweißen der Gemeinschaft zu einer Blutsbruderschaft, möglichst mit einheitlichen Überzeugungen, nötigenfalls mit gewalttätigen Säuberungen.

5. Die Stärke der Gemeinschaft stärkt das Zugehörigkeitsgefühl, die Identität und das Selbstbewußtsein der Einzelnen.

6. Überall in der Gesellschaft ist es allein die Autorität einer (männlichen) Führernatur, die das Schicksal der Gemeinschaft verkörpert.

7. Schön ist, was dem Endsieg der Gemeinschaft geweiht ist: man kultiviert eine Ästhetik des Säuberns und des Siegens, des reinen Willens, der nackten Gewalt.

Überall dort, wo Paxton nur Gruppe schreibt, haben wir hier den Begriff Gemeinschaft verwendet. Dies um die Überzeugungs- und Suggestivkraft solcher mobilizing passions hervorzuheben. Sie erscheinen uns als ein zentraler, und realistischer, Zugang zur Faschismusfrage: Wem es gelingt, solche Gefühle zu entfesseln, der/die kann in bestimmten historischen Situationen erwiesenermaßen Millionen BürgerInnen dazu bringen, sich auch jenseits von Gruppenzwängen ihrer Identität, Eigenverantwortung und Menschenwürde als Einzelne zumindest zum Teil freiwillig bis begeistert entledigen zu wollen, um sich im Heilsversprechen, in der Geschlossenheit und vermeintlichen Unschlagbarkeit einer „Volksgemeinschaft“ rund um einen Führerkult kollektiv besser aufgehoben zu fühlen.

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 (Quelle: Robert O. Paxton, The Five Stages of Fascism, The Journal of Modern History, Vol. 70, No. 1. (Mar., 1998), pp. 1-23, The University of Chicago Press: http://w3.salemstate.edu/~cmauriello/pdfEuropean/Paxton_Five%20Stages%20of%20Fascism.pdf= http://links.jstor.org/sici?sici=0022-2801%28199803%2970%3A1%3C1%3ATFSOF%3E2.0.CO%3B2-3)

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Verwandt in Mythos und Image II

Ian Kershaw erwähnt in seinem Buch über den Hitler-Mythos nebenbei die Vorreiterrolle Mussolinis für Deutschland, wo Hitler sich seit dem „Marsch auf Rom“ des „Duce“ analog zu diesem nicht mehr nur NSDAP-intern, sondern auch öffentlich „Führer“ nennen ließ (zuweilen auch „Mussolini der Deutschen“). Da wie dort: Führerprinzip- und Personenkult-Parolen wurden verinnerlicht in alltäglichen Parolen wie Il Duce ha sempre ragione („der Duce hat immer recht“) oder credere – obbedire – combattere („glauben -gehorchen – kämpfen“). Da wie dort: der politischer Erlöser als Religionssurrogat, und als Bindemittel für die Einheitspartei (da wie dort nie so richtig einig); zwecks -da wie dort- massenhafter Nationalisierung und Mobilisierung für den Sieg in der Völkerschlacht „um einen Platz an der Sonne“, einen Platz unter den (Kolonial-)Herrenvölkern.

Solches und anderes Gemeinsames zu suchen, und auch bei Kershaw zu finden, und zwar um besser differerenzieren zu können, das scheint für unsere Zwecke der politischen Bildung lehrreicher als ausschließlich das Einzigartige herauszuarbeiten, das jedem Untersuchungsobjekt erkennbar und unleugbar eigen ist.

Historiker wie Ian Kershaw pflegen gegenüber Vergleichen zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus nicht nur die gebotene Vorsicht, sondern eine gewisse Distanz an den Tag zu legen. Umso informativer könnte es sein, gerade aus den von Kershaw genannten Zusammenhängen den einen oder anderen Schnittpunkt der beiden Diktaturen zu extrapolieren.

Der deutsche und der italienische Diktator mögen persönlich sehr unterschiedlich gewesen sein; politisch waren sie einander verwandtschaftlich nahe, und zwar bis zu ihrem Tode (in ihrer Wirkung sogar darüber hinaus). Demnach sind sie nützlicherweise vergleichbar wie wenige andere. Davon wollen wir ausgehen – und weiter Ian Kershaw zitieren, gerade weil er nicht so oberflächlichen Vergleichen neigt.

Im Schlusskapitel des Buchs über den Hitler-Mythos kommt Ian Kershaw auf die im Untertitel bereits angesprochene Kluft zwischen Image und Realität zu sprechen. Die laut Kershaw folgenden sieben Grundlagen speziell des Hitler-Mythos scheinen uns zum guten Teil auch auf sein italienisches Vorbild Mussolini zuzutreffen:

Seven significant bases of the ‚Hitler myth‘:

In each case the contrast between image and reality is stark, the ‚mythical‘ content unmistakable.

* Firstly, (he) was regarded as the personification of the nation and the unity of the ’national community‘ (…), the selfless exponent of the national interest;

* Secondly, as the single-handed architect and creator of (…) ‚economic miracle‘ (…), eliminating (…) mass unemployment, revitalizing the economy, providing improved living standards (…);

* Thirdly, as (…) the voice of the ‚healthy sentiment of the people‘, (…) the embodiment of strong, if necessary ruthless, action against the ‚enemies of the people‘ to enforce ‚law and order‘ ;

* Fourthly, as personally sincere, and in matters affecting established traditions and institutions as a ‚moderate‘, but largely kept in the dark about what was actually going on;

* Fifthly, in the arena of foreign affairs, (he) was regarded as (…) a rebuilder of the nation’s strength, a statesman of genius, and for the most part (…) not as a racial imperialist warmonger(…)

* Sixthly, in the first half of the war (he) appeared to be the incomparable military leader who, (…) knew and understood the ‚psychology‘ of the ordinary soldier.

* Finally, there was (his) image as the bulwark against the nation’s perceived powerful ideological enemies -Marxism/Bolshevism and (…) the Jews.

Das meiste, was Kershaw hier als spezielle Grundlagen des Hitler-Mythos bezeichnet, kann man aus unserer Sicht auch zu den Grundlagen des Mussolini-Mythos zählen – mit Abstrichen beim vorletzten und vor allem beim letzten Punkt. Mutatis mutandis, das Proviso gilt für alle Vergleiche:

Niemand wird behaupten wollen, die italienische und die deutsche Geschichte und die handelnden Personen deckten sich. Aber dass in jenen Jahrzehnten ähnliche „Verhaltensauffälligkeiten“ aufwiesen, steht für fast alle englischsprachigen Kenner beider Faschismen außer Streit.

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(Source: Ian Kershaw: The ‚Hitler Myth‘. Image and reality in the Third Reich, Oxford University Press, 1987, reissued 2001, Introduction pp.1-10, Conclusion 253-269)

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Verwandt in Mythos und Image

Mit dem Mussolini-Mythos kann man den Hitler-Mythos gewiss nicht erklären. Sir Ian Kershaws Buch über letzteren aus dem Jahre 1987 ist davon auch weit entfernt. Aber italo-deutsche und damit europäische Zusammenhänge sehen, das kann man. Dabei hilft auch einer wie Kershaw weiter, der nicht als hauptberuflicher Komparatist abgestempelt ist, sondern als Hitler-Experte Nummer Eins:

The readiness to place all hope in ‚leadership‘, in the authority of a ’strong man‘, has in itself of course not been peculiar to Germany. Promotion by threatened elites and acceptance by anxious masses of strong authoritarian leadership, often personalized in one ‚charismatic‘ figure, has been (and still is) experienced by many societies in which a weak pluralist system is incapable of resolving deep political and ideological rifts and is perceived to be in terminal crisis. Given the intensity of the crises of parliamentary systems in numerous European states in the inter-war era, and in a climate where the Great War still cast its long shadow, populist and militarist leadership cults sprang up throughout Europe as part of Fascist and quasi-fascist counter-revolutionary movements, most prominently outside Germany of course, in the ‚Duce cult‘ of Fascist Italy.

Unter den Punkten, die Ian Kershaw einer spezifisch deutschen politischen Kultur bereits des 19.Jahrhunderts zuordnet, befindet sich allerdings manches, was wir mutatis mutandis nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien, die andere große „Spätgeburt“ unter den großen Nationalstaaten, gelten lassen: eine ähnliche Schwäche für heroische Führung und nationale Größe:

Heldentum, Kraft, Vitalität, Kühnheit, Hoffnung, Sieg und Wiedergeburt der nationalstaatlichen Idee – viele Jahrzehnte bevor letztere verwirklicht wurde, ging nicht nur die deutsche, sondern mehr noch die italienische Kultur schwer schwanger mit solcher Sehnsucht und Symbolik: ein Kult der „heroisch“ zu erkämpfenden bzw. zu verteidigenden nationalen Einheit nach innen und Expansion nach außen.

One outward manifestation was the erection in the later nineteenth century of gigantic national monuments – on a scale and a character not found, for example, in the British political culture of the time- granite glorifications of mythical heroes, great victories, and national triumph. Militarism, heroism, and national unity, garbed in religious symbolism, were also the keynotes of the newly-instituted national feast day (…)

Image and reality lautet der Untertitel dieses Kershaw-Buches. Beide Faschismen verdanken schon ihren Aufstieg (das Weitere ohnehin) tiefen Klüften zwischen Darstellung und Wirklichkeit, zwischen Verheißung und Enttäuschung.

The growing appeal already before the First World War of ‚heroic‘ leadership notions in populist-nationalist circles of the German Right -and there are parallels, if somewhat weaker in intensity, in pre-Fascist Italy, which helped to prepare the ground for the later emergence of the cult of the Duce- was largely shaped by the increasing gulf between the perceived need for national integration and unity and the patent lack of integration which prevailed in reality.(…)

This gulf was itself enhanced and accentuated by three interlinked factors:

* the social and political disruption accompanying a practically simultaneous transition to nation-state…,constitutional government…, and industrial society;

* the deep fragmentation of the political system (reflecting fundamental social cleavages)…;

* the spread of a chauvinistic-imperialist ideology clamouring for a rightful ‚place in the sun‘… for…a supposed ‚have-not‘ nation“ .

Daraus könnte man mit Kershaw, gleichermaßen mit Blick auf den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus, aber auch auf das 21.Jahrhundert verallgemeinernd vermuten: Je tiefer die Kluft zwischen den Schichten einer Gesellschaft, je tiefer die Kluft zwischen Erwartungen und Enttäuschungen, desto schwächer die Legitimität eines politisches Systems, desto stärker das Potential für ‚charismatic‘ or ‚heroic‘ leadership, seeming to offer a fundamental break with the past and a new and great future.

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(Source: Ian Kershaw: The ‚Hitler Myth‘. Image and Reality in the Third Reich, Oxford University Press, 1987, reissued 2001, Introduction pp.1-10)  

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Nach außen verwandt (ohne zu verallgemeinern)

War and Revolution: Origins and Dynamics of the Fascist and National Socialist Dictatorships so betitelt sich das jüngste zweibändige Projekt des Amerikaners MacGregor Knox, langjähriger Inhaber des Stevenson-Lehrstuhls für Internationale Geschichte an der London School of Economics. Der 1.Band heißt To the Threshold of Power, handelt von den Jahren 1922/23 und ist 2007 bei Cambridge University Press erschienen. Ursprünge und Dynamik der faschistischen und der nationalsozialistischen Diktatur, solche Vergleiche treiben den Harvard- und Yale-Absolventen Knox schon seit Jahrzehnten um.

Er beschäftigt sich vor allem mit der deutschen und der italienischen Außen- und Militärpolitik von 1890 bis 1945 und gilt auch als Fachmann für strategische Studien. Aus dieser Optik haben wir unser Thema bisher noch nicht hinterfragt, „unsere beiden Faschismen“ noch nicht verglichen. Knox tut das in seinem Buch Common Destiny. Dictatorship, Foreign Policy, and War in Fascist Italy and Nazi Germany. Unter dem Titel  Storia Comune  ist es -ebenso wie ein früheres Werk- auch auf Italienisch erschienen (2003 bei Einaudi). Auf Deutsch liegt uns hingegen keines der vielen Bücher dieses Autors zur deutschen und europäischen Geschichte vor. Ein Grund mehr für uns, einige Kostproben aus dem letztgenannten Text frei in unser Deutsch zu übertragen und in unseren Zusammenhang zu bringen.

Der wichtigere Grund liegt darin, dass wir hier erstmals auch vorrangig die Außen-, Kriegs- und Expansionspolitik der beiden Diktaturen verglichen sehen wollen – zumal MacGregor Knox sofort ankündigt, dass er anders als die meisten jener seiner Kollegen, die wir bisher hier zitiert haben, ohne ein allgemeines Konzept von „Faschismus“ auskommt; solche Konzepte seien nämlich allesamt „gescheitert“.

Knox schlägt sich auf die Seite derer, die für eine deflation all dieser generic fascism-Theorien sind, „obwohl keine zwei von ihnen übereinstimmen“, wie er bissig, aber nicht ganz unzutreffend anmerkt. Faschismus z.B. mit der Moderne erklären zu wollen, mache das Problem nur noch unlösbarer: für den Begriff gebe es noch mehr Definitionsversuche; „Moderne“ sei ebenso vage wie „Faschismus“.

Roger Griffins vieldiskutierte Festlegung auf „nationale Wiedergeburt“ (palingenesis) als „mythischen Kern“ aller Faschismen hält Knox für einfallsreich, hält jedoch dagegen: „Es ist alles andere als klar, warum das der wesentliche kleinste gemeinsame Nenner ist; und eine überzeugende allgemeine Faschismusdefinition kann jedenfalls nicht politische Strukturen und Handlungsweisen ignorieren.

Nach diesen Klarstellungen überrascht es ein wenig, in fast allen Kapiteln des Buches Sätze wie die folgenden zu finden, die dann eben doch allerhand Allgemeines betonen, was der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus gemein hatten. Beide, schreibt MacGregor Knox…

Both regimes arose from compromises between militant nationalist mass parties born of the Great War and establishments that same war had shaken and humiliated.

Both arose in relatively advanced societies – Northern Italy was different from Bavaria, but only marginally more backward economically.

Both were in part responses to affront to the self-esteem of nations that were relative latecomers to unification and industrialisation, and that suffered from deep, regional, and in Germany, religious cleavages.

Both were the creation of leaders who combined conspicuos talents as agitators, political tacticians and ideological visionaries.

…In both cases, the dictators expressed at the beginnings of their careers coherent ideologies that were not necessarily entirely popular or plausible, and continued to profess those ideas both publicly and privately throughout. The steady radicalization of their policies suggests an attempt to bring practice into line with theory, and implies that their increasingly rare moderation was tactical and their extremism genuine.

…In the end, both leaders provoked catastrophe by persisting, despite steadily increasing risks, in their attempts to bend the world to fit the idea.

…the visionary programs they developed had much in common. Internal domination and foreign expansion, demography and geopolitics, were intertwined.

Both leaders hoped to proceed by stages: consolidation at home, then exploitation of the rivalries of other powers to gain freedom for conquest. And both leaders (…) envisaged Italy and Germany as partners in destroying world order.

…The two leaders‘ visions, despite the differences between their underlying ideologies, were indeed congruent in their mixture of demography and geopolitics, if not in Hitler’s racialist philosophy of history.

Above all, the relationship between foreign and domestic policy in the two regimes was similar. Foreign policy was internal poliy and vice versa; internal consolidation was a precondition for foreign conquest, and foreign conquest was the decisive prerequisite for revolution at home that would sweep away inherited institutions and values, Piedmontese-Italian and Prussian-German military castes, the churches with their claim to deep popular loyalties and their inconvenient if not always operative Christian values, and, last but not least, the putatively decadent and cowardly upper middle classes.

…For both, war was an instrument not merely of external conquest but also for the barbarization of their societies and the final taming or destruction of all institutions, from churches to officer corps to the Italian monarchy, that blocked their paths to total power at home.

Both movements‘ drives for mastery abroad and for total power at home, for the destruction of inherited and hated political and social orders and the ascent of their followers, demanded war. And only a truly large war would do.

Zugegeben: all dieses, was beide auch nach außen hin gemein hatten, all diese Vergleiche zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus haben wir im Buch von MacGregor Knox bewusst gesucht – aber eben auch gefunden. Es sind nicht wenige, neben den -deutlich zahlreicheren- Unterschieden, die er aber vor allem mehr betont, ganz besonders in seinem Fazit und Schlusskapitel Expansionist zeal, fighting power, and staying power in the Italian and German dictatorships.

Punkto Expansionseifer, Kampfkraft und militärischem Stehvermögen waren die beiden Regime am allerwenigsten zu vergleichen, das wird hier kompetent und überzeugend dargelegt. Überraschen wird es allerdings niemanden, wie „unvergleichlich“ desorganisierter und ineffizienter die italienischen Kriegsanstrengungen waren (letztlich besser so, ist man im übrigen versucht, im nachhinein zu denken…).

Nicht folgen können wir MacGregor allerdings, wenn das für ihn mit ein Grund ist -neben der Schwierigkeit, sich zu einigen- alle Versuche, einen verallgemeinernden Faschismusbegriff zu finden, als „gescheitert“ oder sinnlos anzusehen.

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(Source: MacGregor Knox, Common Destiny. Dictatorship, Foreign Policy, and War in Fascist Italy and Nazi Germany, Cambridge University Press, 2000, p.52,56,57,59,63,66,78,109,227)

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