Faschisten sind immer die anderen

comparative fascist studies on Italy and Germany

Kategorie: genius loci

Gedankenanstöße von E.H.Carr und Richard J. Evans

Hier eine Reihe von Zitaten von Historikern für Historiker und andere Interessierte, mit denen Sir Richard Evans 2001 in die Neuauflage von E.H. Carrs mehr als 50 Jahre alten Longseller What is History? und in dessen erstaunlich nachhaltige Aktualität und Brillanz eingeführt hat:

Objective history does not exist.

Man kann sagen: objektive Wahrheit existiert. Aber kein Historiker kann hoffen, mehr von ihr zu erhaschen als nur eine blasse Teil-Annäherung an sie

The specific function of the historian, qua historian, is not to judge but to explain.

Die besondere Aufgabe des Historikers als Historiker besteht nicht im Urteilen, sondern im Erklären.

balancing uneasy on the razor edge between the hazards of objective determinism and the bottomless pit of subjective relativity…

Zeitgenössische Geschichtsphilosophie ist mehr ein Fragesteller als ein Antwortgeber.

History is a process, and you cannot isolate a bit of process and study it on its own (…) everything is completely interconnected (…) The job of historians is to study whatever part of the the past they chose to examine in the context of both what came before and after it, and the interconnection between their subject and its wider context.

Geschichteist ein Prozess, in dem man nichts isoliert sehen kann; alles ist vollkommen verwoben. Die Aufgabe des Historikers besteht darin, diese Verflechtungen an seinem Gegenstand zu untersuchen und in ihren größeren Zusammenhang zu stellen.

The question might be decided differently at different times in the future by different sets of judges with different questions to ask and different ends to serve.

Die Frage kann von anderen, zu anderen Zeiten, mit anderen Zielen, anders gestellt und beantwortet werden.

While history never repeats itself, it presents certain regularities, and permitscertain generalizations, which can serve as a guide for future action.

Wenn Geschichte sich niemals wiederholt, so weist sie doch gewisse Regelmäßigkeiten auf, und erlaubt gewisse Verallgemeinerungen, die als Leitlinie für künftiges Handeln dienen können.

To insist on the inevitability of what had happened in the past…was to resign moral responsability for our own actions in the present.

Auf der Unvermeidlichkeit des Vergangenen beharren wäre gleichbedeutend mit der Aufgabe unserer moralischen Verantwortung für unser gegenwärtiges Handeln.

Certainly, historians will write better history if they are self-conscious about their political and intellectual starting point (…), recognizing nature and extent of one’s own prejudices.

Gewisswerden Historiker besser, wenn sie sich ihrer politischen und geistigen Ausgangspunktes bewusst sein, wenn sie sich der Natur und des Ausmaßes ihrer eigenen Vor-Urteile bewusst sind.

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2-3 Dinge, die Cambridge für mich zur Nr.1 machen

Die Bibliothek z.B. des Wolfson College ist 364 Tage jeweils 24 Stunden geöffnet. Wie allen Guest Fellows, so war auch mir geraten worden, über das eigene spezifische Forschungsvorhaben hinaus das College- und Universitätsangebot, das für eine Hochschule, die weniger als 20.000 Studierende aufnimmt, unnachahmlich hochwertig und breit erscheint, so intensiv wie möglich zu nutzen.

Ich habe diesen Rat weidlich befolgt. Fast jede der insgesamt mindestens zwei Dutzend Vorlesungen, Seminare, Konferenzen und Debatten, die ich besucht habe (von einigen davon habe ich in meinem Blog berichtet) waren für meine kontinentaleuropäischen Begriffe erstklassig: inhaltlich erhellend, didaktisch vorbildlich. Am College waren das unter anderem Veranstaltungen der Humanities Society, der Science Society und mehrere Lunchtime Lectures sowie Treffen der Chinese Classics Society. Ich wurde auch Mitglied des College-Chors; dieser trat heuer nicht nur bei der College Garden Party und dem traditionellen Wolfson June Event auf, sondern auch beim feierlichen traditionellen Universitätsgottesdienst in der Kirche Great St. Mary’s.

Meine Gastgeber hatten mir auch geraten, vor allem die informellen Begegnungen, nicht zuletzt beim gemeinsamen Essen, für den interfakultären Austausch mit anderen researchern jeden Altersundaller Herren Länder zu nutzen. Dieses enorm anregende nationen- und fächerübergreifende „Treibhausklima“ macht meiner Meinung nach, zusammen mit der intensiven Eins-zu-eins-Betreuung der Studierenden, die vielbeschworene Qualität von Cambridge aus.

Zunächst ist man skeptisch und etwas schüchtern, wenn man z.B. als Geistes- oder Sozialwissenschaftler bei Tisch einem Computerwissenschaftler, einen Kosmologen, einen Mathematiker und anderen, namhaften bis nobelpreisverdächtigen Professoren, Fellows oder Doktoranden gegenübersitzt.

Aber dann kam ich täglich, bei ausnahmslos jedem Essen (dessen Qualität ich dabei meist vergaß) zwanglos und locker mit immer neuen Menschen ins Gespräch, die einem ihr ganz spezielles Forschungsgebiet und was dahintersteckt, bestechend klar, kreativ und kurzweilig nahebringen können, die aber auch beim Dialog zu ganz anderen, auch gesamtgesellschaftlichen Fragen eine immer wieder überraschende Bandbreite, Tiefe und Originalität an den Tag legen, fast immer mit ortstypischem understatement, oft mit self-deprecating humour. Sicher gibt es selbst in Cambridge irgendwo so etwas wie „Fachidioten“. Wahrscheinlich war ich nur nicht lange genug da, um einen davon kennenzulernen. Am Wolfson College jedenfalls habe ich keinen einzigen mit so engem Horizont kennengelernt, dass man nur über (s)ein Thema mit ihm reden kann.

Wer das erfahren hat und zu schätzen weiß, versteht: ohne intellektuelles Vergnügen auf diesem Niveau, über Fakultäten und Nationen hinweg, wird Forschung nie so produktiv sein wie sie hier (und angeblich nur an sehr wenigen anderen Orten der Welt) meistens zu sein scheint.   

Wo ein Event so wichtig wird wie ein Examen

Das Wort event ist mir, wenn er „auf deutsch“ verwendet wird, nicht sympathischer als gewisse andere Fremdworte: je wichtigtuerischer, desto verzichtbarer. Was ist schon eine „Veranstaltung“ oder gar ein „Ereignis“(wer verwendet dieses Wort noch?) gegen einen neudeutschen event? Nicht gerade ein highlight, muss ich annehmen.

Deshalb habe ich nicht so genau hingeschaut, als ich die Webseite http://www.wolfsonjuneevent.co.uk im Januar anklickte. Damals gab es noch Eintrittskarten zum Sonderpreis von weniger als 70 Pfund, was mir für StudentInnen teuer vorkam, auch wenn es sich nicht um eine Garden Party handelt, wie wir sie letztes Wochenende hier hatten, sondern um den wohl größten nicht-akademischen Event des Jahres eines Cambridge College.

Mehr als 20 solcher sogenannter May Balls fanden diese Woche, also gleich nach der letzten großen Prüfungswoche, statt. Einer großartiger als der andere, habe ich mir sagen lassen. Wer sich als Mitglied eines der studentischen Organisationskomitees in einem College bewährt hat, der schreibt das in seinen Lebenslauf – und weiß, dass so etwas hier mindestens so ins Gewicht fällt wie ein 1st class-mark bei einer Prüfung.

Bei Prüfungen gibt es allerdings in Cambridge keine zweite Chance, sagt man mir: einmal fail heißt, du bist für immer draußen, musst den Studiengang und wohl auch College und Universität verlassen. Auch ein 2nd class mark reicht zuweilen, dass dir dein College nahelegt, das Weite zu suchen. Allerdings ist wohl genau dieser Leistungsdruck mit maßgeblich für die rekordverdächtig niedrige Durchfallquote und drop-out-rate in Cambridge, neben der erstklassigen Betreuung und dem anspruchsvollen und aufwändigen Zulassungsmodus.

Nach den Examenswochen wird also auch das Feiern entsprechend entschlossen angegangen. Eine siebenhundertjährige Tradition hier, natürlich eine feuchtfröhliche, aber nur unter anderem: dieses andere ist das Besondere: die StudentInnen investieren auch hierin viel Energie, Ehrgeiz, Kreativität und Organisationstalent; was herauskommt, ist ein nicht in einer Nacht zu fassendes Angebot an Attraktionen, formale Eleganz, wie man sie mieten kann, und ein produktiver Wettstreit auch in dieser Hinsicht: die reichsten Colleges wetteifern anscheinend sogar um den höchsten, nicht den niedrigsten, Eintrittspreis: angeblich bis zu 300 Pfund – eine Summe, die man geradezu obszön finden kann, wenn man weder ein ein reicher alumnus noch ein party animal ist.

Verglichen mit Trinity oder St.Johns‘ ist mein College eine arme Kirchenmaus – und sein jährlicher June Event bescheiden. Vergleichsweise, betone ich, denn:

Zum Essen beinhaltete der heurige Wolfson June Event nach einem festlichen Abendessen die ganze Nacht hindurch, und an allen Ecken und Enden, alles Mögliche, von Chocolate Fountains und einen Gelati-Karren über Thai Chicken & Vegetable Curry und Mitternachts-Sushi bis hin zum Survivor’s Breakfast von genau 4.30 bis 5 Uhr früh. Zum Trinken gab’s unter anderem die Water Bar, die Oxygen Bar und die Fire Bar, letztere mit einem zimthaltigen Fire Ball Whiskey Liqueur – nach dessen Genuss ich es zu den  restlichen vier bis fünf Bars nicht mehr ganz schaffte…

Tanzen (und tanzen lernen) konnte, wer wollte, unter anderem Salsa, Lindy Hop und Ceilidh. Live-Musik gab es von sechs Gruppen und acht Solisten. Zauberer, Kabarettist, Feuerschlucker, dies und vieles andere, was man in einer Nacht gar nicht alles „abklappern“ kann, wurde geboten; z.B. ein origineller Ice Rink, auf dem man auch ohne echtes Ice seinen Gleichgewichtssinn auf harte Proben stellen konnte. Auch vor klassischen Rummelplatz-Attraktionen wie Hubschrauber-Simulator, Minigolf und „Puffautofahren“ standen StudentInnen aus aller Welt scharenweise Schlange.

Ich tat dies neugierig vor der Fish Foot Spa („exfoliate and rejuvenate your feet“), bis auch ich mir von kleinasiatischen Fischen kleine Hautfetzen von den Füßen wegknabbern lassen durfte, eine kitzelnde Pediküre. Herkömmlichere Massageformen sowie Hair & Make-Up hätte es auch gegeben. Zum Ausklang setzte ich mich noch unter ein anderes Zelt, wo man in gemütlicher Runde türkische Wasserpfeife mit Grapefruit- und anderen Tabakaromen rauchte.

Dass so ein May Ball Event hier ein bisschen mehr ist als eine große Party, hatte mir erst geschwant, als ich die „Eintrittskarte“, eine 24seitige Broschüre, in Händen hielt. Erst da merkte ich, wie raffiniert das heurige Thema ELEMENTA graphisch interpretiert wird, nämlich mit künstlerischen Ambigrammen von John Langdon (der auch Dan Brown-Bestseller wie The Da Vinci Code inspiriert hat). Ein Ambigramm, das habe ich jetzt nachschlagen müssen, ist ein Schriftzug, den sich genauso liest, wenn man ihn um 180 Grad dreht, also umgekehrt anschaut.

Es gilt eben auch hier, wie oft bei Forschung und Entwicklung, und durchaus auch in Politik- und Geschichtswissenschaft: Perspektive wechseln führt oft zu überraschenden neuen Entdeckungen, Einsichten, Erkenntnissen, Erfindungen, Erfolgen.

Man lernt eben nie aus. Nicht einmal bei einem event.

It’s determination rather than intelligence, stupid!

Paolo ist ein Wolfson College-Mitglied aus Turin. Er arbeitetet hier in Cambridge an der Entwicklung energie-effizienterer und haltbarerer Öko-Solarplatten mit. Eine Rückkehr nach Italien kann sich der junge Mann auf absehbare Zeit nicht vorstellen. Die Voraussetzungen für konzentrierte Forschung auf Weltspitzenniveau seien hier gegeben, dort nicht. Er meint damit nicht sein Einkommen, das sei noch niedrig. Hingegen erwähnt er Projektgelder in schwindelerregender Höhe.

Projektgelder werden hier konzentriert, zielführend und nie zweckentfremdet verwendet – davon gehen die vielen Forschungsförderer aus aller Welt aus, die wissen, warum sie ausgerechnet mit dieser Universität am liebsten zusammenarbeiten, angefangen von der Bill & Melinda Gates Foundation: nicht nur -aber auch- weil sie so viele Nobelpreisträger hervorgebracht hat wie keine andere auf der Welt (88 bisher). Der Hauptgrund ist der hart erarbeitete Ruf eines besonders befruchtenden interdisziplinären und interkulturellen Ambiente, der Austausch und gesunde Wettbewerb mit den fähigsten und passioniertesten Wissenschaftlern der Welt, der hier und von hier aus seit Jahrhunderten in erstaunlich nachhaltiger Qualität ermöglicht wird.

Als ich zustimme, ja, die geballte Intelligenz, die man hier auf Schritt und Tritt antreffe, die sei schon beeindruckend, da korrigiert mich Paolo: Hochintelligente Leute treffe man überall zur Genüge, da halte z.B. auch Südtitalien jeden Vergleich aus. Aber hier träfen besonders viele besonders zielstrebige besonders intelligente Menschen von überallher zusammen, das mache den großen Unterschied.

Ein beschwingter Sonntag zum Trimester-Ende

Während in Griechenland die zweite „Schicksalswahl“ dieses Jahres stattgefunden hat (die aber wohl auch nicht mehr Klarheit in unser Währungs-, Wirtschafts- und sonstiges Schicksal bringt als sonst irgendein Orakel), und während in der Ukraine und in Polen offenbar ähnlich bedeutungsschwangere Fußballspiele stattfinden (von dieser Europameisterschaft habe ich bisher fast nichts mitbekommen, weil ich den akademischen „Wettstreit“ hier ehrlich gesagt spannender finde), beginnt sich die Studenten- und Professorenschaft von Cambridge nach der vergangenen, besonders intensiven Prüfungswoche langsam zu entspannen, und als Visiting Fellow darf und soll man das eine oder andere, besonders das, was im eigenen College veranstaltet wird, auch miterleben und sich merken, was ich hiermit so tue:

The College Garden Party takes place this Sunday, 17 June, in the East Court from 3.00-5.00pm.
The Cambridge University Brass Band will play from 3.00-3.45pm and from 4.15-5.00pm. The College Choir, directed by Lynette Alcantara, will sing from 3.50-4.10pm in the Lee Hall.
Wine, strawberries and ginger beer will be served, and everyone is welcome.
If wet, the party will move indoors to the Club Room and the Seminar Room.

Dieser Einladung, die viele von uns natürlich an Mitglieder anderer Colleges weitergegeben haben (ich z.B. an Bekannte von der Cambridge Italian Society sowie der Chinese Classics Society), folgten heute schätzungsweise mindestens 400 Menschen, denn das Wetter von Cambridge -das schon Erasmus von Rotterdam irritiert hat- war heute endlich mal so, dass man sich zwischendurch gern im Freien aufhält.

Nur zu unserem Chor-Programm gingen alle, die Platz fanden, in die Lee Hall hinein:

Afton Water Scottish Trad. Arr Sir David Willcocks
The Turtle Dove English Trad. Arr Ralph Vaughan Williams
(soloist: Rupert Curwen)
Lilliburlero Irish Trad. Arr Sir Michael Tippett
Hail Poetry from Pirates of Penzance Sir Arthur Sullivan
(soloist: Rupert Curwen)
English Country Gardens Percy Grainger, freely arr. David Tall
The Blue Bird Charles Villiers Stanford
(soloist: Natalie Mayer-Hutchings)
Quick we have but a second Charles Villiers Stanford

Der Zungenbrecher-Text dieses letzten Lieds war für mich zu rasant, d.h. nur per play back-Technik u bewältigen…
Wunderschön (fast andächtig, passend für dieses Liebeslied) fand ich das zweite, das mit der Turteltaube.
In ein zusätzliches Abschied-vom-College-Lied hatte unsere Chorleiterin Lynette Alcantara in die letzte Textzeile eine ganz kleine aktuelle Änderung eingebaut, da war plötzlich von knighted professors die Rede, was unseren soeben geadelten Präsidenten zum Schmunzeln brachte…(siehe gestrigen Tagebucheintrag hier).

Es ist 19 Uhr 26! Ich muss jetzt schnell der folgenden -seit langem annoncierten- Einladung folgen; denn Andrew Goldman ist ein Bass-Sangesbruder und Klavierbegleiter unseres Chores:

The Mary Bevan Recital will be held in the Lee Hall at 7.30pm, also on Sunday 17 June.
The Recital is given by prize-winners of the 2012 CUMS Concerto Competition: joint-winner and Wolfson student Andrew Goldman (piano) and finalist Anne Denholm (harp). The Recital is sponsored by Professor Hugh Bevan (Honorary Fellow) in honour of his late wife Mary who was a Senior Member of the College. Everyone is welcome: admission is free for Wolfson members; non-Wolfson members £5 on the door. There will be a retiring collection towards a new grand piano for the Lee Hall.

Inzwischen ist es 22 Uhr geworden. Das war ein wunderbares Konzert. Deshalb schreibe ich mir hier Einzelheiten aus dem Programm ab, zunächst auch bemerkenswertes Biographisches zu den beiden Musikern: denn unser junger Pianist ist gleichzeitig Hirnforscher: Andrew Goldman is a pianist, composer and cognitive musicologist from San Diego, California. He graduated summa cum laude from the University of Southern California in Los Angelese with degrees in piano performance and neuroscience….He investigates the cognition of musical improvisation…teaches music theory…and organises a chess club. Und die Harfistin aus unserem Nachbarcollege Newnham ist erst 20 Jahre alt, aber bereits mehrfach preis- und von einem Auftritt in Buckingham Palace „gekrönt“ worden. So wie sie heute abend aufgespielt hat, würde es mich nicht wundern, wenn wir in Zukunft auch auf internationaler Ebene von ihr hören werden.
Und hier das sehr vielfältige Programm, das diese beiden heute abend geboten haben:

Béla Bartok (1881-1945) Out of Doors Suite, Sz.81-BB.89
I Avec tambours et fifres
III Musettes
Johannes Brahms (1833-1897) Three Intermezzi, Op. 117
(The first intermezzo of this set is prefaced by an excerpt from a Scottish lullaby)
Marcel Grandjany (1891-1975) Fantasisie sur un thème de J.Haydn
Ottorino Respighi (1879-1936) Siciliana
(trans. Marcel Grandjany)
Félix Godefroid (1818-1897) Etude de Concert
Paul Hindemith (1895-1963) Sonata for Harp
William Mathias (1934-1992) Improvisations for Harp
Ed Scolding (b. 1941) Hazes
Bernard Andrès (b. 1941) Duke
Ludwig van Beethoven (1770-1827) Sonata No.18 in E-flat major, Op. 31 No. 3
Franz Schubert (1797-1828) The Trout

N.B. 1: The trout ist nicht identisch mit Il trota.  

N.B. 2: Inzwischen regnet es wieder.

Sir Richard J. Evans

Respektvollen Glückwunsch, Sir Richard! Das hier ist einer von sehr vielen, die unserem College-Präsidenten in den kommenden Tagen gerade auch auf deutsch zukommen werden (neben einer Handvoll Verwünschungen, die er aber, wie ich ihn einschätze, nur als indirekte Komplimente an sich herankommen lassen wird). Richard John Evans hat und vermittelt unter anderem Ein- und Überblicke über die deutschen Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts, insbesondere des Dritten Reiches, wie kaum ein anderer Historiker weltweit.  

Prof. Evans wird, wie ich soeben bestätigt bekommen habe, von Königin Elisabeth II. zu einem ihrer verdienstvollen Ritter, oder ethymologisch genau genommen, „Knechte“ (Knights Bachelor) geadelt, in recognition of his service to scholarship.

Zum höchsten „Adel des Geistes“ hingegen gehört man natürlich schon lange, wenn man sich Regius Professor of History nennen darf. Dieser Titel besagt mehr als das jetzt hinzugekommene Sir: (nur) je eine solche „Königliche Geschichteprofessur“ gibt es in Cambridge und Oxford immerhin seit 1724 (also fast eineinhalb Jahrhunderte bevor ein deutscher oder italienischer Nationalstaat das Licht der Welt erblickte). Weitblickend stiftete George I. diese Regius Professorship, um Kenntnisse der europäischen Geschichte, und ausdrücklich auch der entsprechenden Sprachen, zu vertiefen.

Wie konkret der nunmehrige Sir Richard diesem historischen Auftrag gerecht wird (z.B. in seinem Büchlein Cosmopolitan islanders, British Historians and the European Continent, Cambridge University Press, 2009, auch als e-book erhältlich), das wissen seine StudentInnen am besten: wenn ich ihn richtig gehört habe, hatte er gerade dieser Tage 85 (!) schriftliche Arbeiten zur deutschen Geschichte zu bewerten.

Spätestens bis zur traditionellen College Garden Party zum Trimester-Ende morgen Nachmittag dürfte sich die Adelung von Richard J Evans unter allen -ca. tausend- Mitgliedern des Wolfson College, herumgesprochen haben – und ihren geheimen Stolz darauf bekräftigen,

dass Adel des Geistes an der Spitze, und innerhalb, des egalitärsten und kosmopolitischsten College von Cambridge auch auf königlicher Ebene hoch in Ehren gehalten wird.

Übrigens interessiert sich die britische Bevölkerung trotz (oder wegen?) Wirtschaftskrise erstaunlich stark für die insgesamt über tausend EmpfängerInnen der unterschiedlichsten Ehrungen, die auf der diesjährigen Queens Birthday Honours List stehen. Diese Liste ist momentan sogar bei weitem die meistbesuchte Webseite der weltweit populären Internet-Fassung der linksliberalen(sic !) Zeitung The Guardian: http://www.guardian.co.uk/news/datablog/2012/jun/16/queens-birthday-honours-2012-list#start-of-comments

Das mag unter anderem daran liegen, dass 72 Prozent der Geehrten für ihr ehrenamtliche, wohltätige und soziale Verdienste ausgezeichnet werden. Schlagzeilen machen naturgemäß eher einige show business celebrities, von denen die Königin (auf Vorschlag einer vom Premierminister eingesetzten Kommission) halt auch anzunehmen hat, dass sie sich z.B. um Großbritanniens Außenhandelsbilanz verdient gemacht haben.

Zum Abschluss zu diesem Anlass noch dieser link
http://www.historytoday.com/daniel-snowman/richard-j-evans
Da hat diese populäre englische Zeitschrift Professor Richard J Evans bereits vor der jetzigen Ernennung zum knight unter Zuhilfenahme eben dieses Wortes porträtiert als one of the most prominent knights in the field to champion the honour and integrity of history against attack…

Keine schlafenden Hunde wecken

Gerade vor diesem entscheidenden Wahlwochenende in Griechenland kann man der europäischen (und nicht nur) Schuldenkrise (und nicht nur) auch in Cambridge nicht entkommen. Wie schon seit nunmehr 13 Monaten für jeden, der am Lauf der Welt interessiert ist, so ist das auch hier ein Thema, zu dem man täglich im Schnitt ein Stündchen auf die Lektüre von mehr oder weniger Profundem aufzuwenden hat, wenn man die Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents und unserer Kinder mitdenken will.

Dazu möchte ich hier Antizyklisches deponieren: einerseits den Kommentar der Financial Times vom 11.Juni, We isolate and overload Germany at our peril. Darin warnt Gideon Rachman Europa davor, mit der Kritik und den Forderungen an Deutschland zu übertreiben, es wirtschaftlich und vor allem politisch zu überfordern; sonst würden früher oder später auch in diesem Lande schlafende Hunde wieder aufgeweckt. Siehe http://www.ft.com/intl/cms/s/0/bfc6959c-b158-11e1-bb9b-00144feabdc0.html#axzz1xlXTwxph

Andererseits war ich bei der topaktuellen internationalen Tagung The European Crisis Revisited. Sie wurde gestern im benachbarten Newnham College von der griechischen Weltbank-Expertin und vorübergehenden Parlamentarierin Elena Panaritis temperamentvoll, aber pessimistisch eröffnet und heute von der irischen Politikwissenschaftlerin Birgin Laffan vom University College Dublin mit einem glasklaren Appell zu realistischer Selbstverantwortung (an uns alle) beendet. Jetzt muss ich unterbrechen, muss zur Formal Hall, die sich heute mediterranean nennt; letzteres will ich als viel versprechend betrachten, zumindest auf die Küche bezogen…

*

Den Vorsitz und das Benedictus benedicat nach dem Gongschlag des Butlers hat heute der Philosoph des College inne. Er wirkt immer fröhlich – und nie feministisch: A definition of women in six words, so sein Zitat des Tages: intuition without method, passion without justice.

Das könnte man auch in dem einzigen Wort „emotional“ ausdrücken, meint die chinesische Biologie-Doktorandin neben uns. Sie möchte im Herbst zum ersten Mal nach Italien reisen. Ich empfehle ihr, weniger „touristisch“ geprägte Städte anzusehen, z.B. Chioggia. Dove si mangia bene qui? Diesen Satz schreibe ich ihr auf einen Zettel, den sie passenden Passanten zeigen kann, wenn sie hungrig wird.

Gegenüber sitzt ein schwedisch-britisches Schriftsteller- und Historikerpaar, spezialisiert auf nordische Geschichte (sie würden auch Schottland „adoptieren“) und auf Sympathien für Berlusconi. Sie haben einem Sohn in Bologna, und zwei Zyperntürkinnen zu ihrer Linken.

Nach dem Gong, dem Gang zum Kaffee und dem neuerlichen Gongschlag wechselt man bei der Formal Hall immer die Sitzordnung, sitzt bei Muskateller und Port und Käse z.B. neben den Zyperngriechen Costantinos, der von seinem land economy-Studium überzeugt ist, und dem klugen Kanadier Rex, gegenüber dem Physiker Stefan aus Heidelberg.

Dies nur als Schlaglichter: unvergesslicher als das „mediterrane“ Essen ist immer wieder die Vielfalt der Kontakt- und Kommunikationsstränge am egalitärsten und kosmopolitischsten College der Universität Cambridge. Andere Colleges, die viele undergraduates beherbergen, haben einen high table, d.h. die fellows speisen besser, räumlich getrennt – und halten auch sonst mehr an englischen Klassengesellschaftstraditionen fest als Wolfson. Ich fühle mich gern klassenlos.

Das Jüdische an Wien – und weitere 23 Vorträge

Wesentlich an der Cambridge-Erfahrung sind die unzähligen Möglichkeiten, über das eigene Fachgebiet hinauszublicken. Allein für den heutigen Donnerstag sind allein unter http://talks.cam.ac.uk/dates die folgenden 23 Vorträge, Seminare u.Ä. über die unterschiedlichsten Themen gelistet:

09:00 – Apoptosis and Cancer
10:00 – Web Science: Politics, Demographics and More
11:30 – Granular segregation in driven binary monolayers
11:30 – String theory, the Higgs boson, Dark Matter and the LHC
12:00 – Behaviour and Energy Use
12:30 – Update on ECT
12:30 – „Musical Kaleidoscope: Soundings of Enquiry“
13:00 – „Why viruses study ubiquitin – evading the immune response“
13:10 – Could the earliest limbed animals walk?
13:10 – Artist in Focus: Alfred Wallis: Ships and Boats
14:00 – Pseudomonas aeruginosa population behaviour during chronic infections
14:15 – A remarkable representation of the Clifford group
15:30 – Look on the bright side: Reducing anxiety via the direct modification of cognitive bias
16:00 – The extended phenotype of the cucumber mosaic virus genome in insect transmission
16:00 – Food for thought: visceral control of nutritional decisions in Drosophila
16:30 – Annual General Meeting
16:30 – The roles of cucumber mosaic virus proteins in modifying plant-aphid interactions in tobacco
17:00 – Categorical dynamics
17:00 – European Crisis Conference, 14-15 June, Newnham College
17:30 – John Piper: His Place in British Art and in Cambridge
18:00 – Cambridge University Entrepreneurs – Grand Finale 2012

Das wird praktisch alles kostenlos und öffentlich angeboten, auf jeden Fall für alle Mitglieder der Universität, und meistens auch für alle anderen; nur muss man sich bei manchem per Mail anmelden. Gestern hat mich z.B. im Zusammenhang mit dem Motto dieses Blogs ein Vortrag von Klaus Hoedl aus Graz interessiert. Da ging es um Jews in Vienna low-brow culture, also um die tragende Rolle von Juden in der Wiener Volkskultur in der Ära von Johann Strauß z.B. Ich hatte keine Ahnung, dass die Wiener Fiakerlieder, die Operetten-,Volkssänger-, Volkstheater- und Kabarettkultur zu ca. 30 Prozent von Juden geprägt war, und dass die Librettos fast aller Wiener Operetten von Juden geschrieben worden sind.

Die Hauptthese des jungen Referenten lautete auf Englisch: Jewish difference can serve as an analitical category without resorting to Judaism or arguing in an essentialist way. Was Klaus Hoedl da herausarbeitete, war die bunte Vielfalt des jüdischen Beitrags zur Wiener Volkskultur, so bunt und durchmischt, dass sie zum Großteil gar nicht als spezifisch jüdisch, und schon gar nicht als jüdisch-religiös, wahrgenommen bzw. „abgestempelt“ werden konnte bzw. kann.

„Sind Sie Jude?“ wollte ein alter Mann im Hörsaal plötzlich wissen. Der Referent schien überrascht über diese Frage. Nein, sagte er. Er finde das auch nicht wichtig; das erinnert mich auch an die Tutzinger Aussagen von Wolfgang Benz, dem früheren Leiter des Berliner Instituts für Antisemitismusforschung, den ich in diesem Blog zum Thema Holocaust interviewt habe)

Warum ihn das Thema dann interessiere, wenn er nicht Jude sei, hakte die Frau des alten Mannes nach. Genaugenommen seit der Causa Waldheim in Österreich, antwortete der Referent; seitdem habe er sich in jüdische Geschichte und Kultur und deren Wechselbeziehung zu nichtjüdischer Geschichte und Kultur vertiefen wollen.

(Damit beschäftigen sich an der Karl-Franzens-Universität Graz immerhin drei Einrichtungen. Der Referent kommt von einer davon, dem aus Drittmitteln finanzierten Centrum für Jüdische Studien der Universität Graz (CJS), kommt der Referent.)

Was ihn interessiere, seien die non-religious, changing, transient, interacting and inclusive differences zwischen Individuen, ohne sich oder andere gleich irgendwie abzustempeln. Mir liegt dieser Zugang. Ich will nicht dauernd wissen, ob jemand bzw. was ein Jude ist, oder gar „der Jude“. Mir genügt es, dass er ein Mensch ist, mit der Menschenwürde jedes Menschen.

Aber ich muss zugeben, dass ich den alten Mann, der den Referenten gefragt hatte, ob er Jude sei, dann doch noch gefragt habe, ob er sich denn selbst gern so öffentlich definiere. „Selbstverständlich“, sagte er, „ich bin Jude“.

Keep the Beeb that sets the standard!

Last (=Coronation Jubilee) Sunday, I pondered about the value of monarchy in Britain and other European countries. This Sunday, let’s celebrate another coronation, that of the BBC, the world-wide queen (or auntie) of quality news, be they broadcast, online or whatever. To me, and to hundreds of millions of people, the BBC remains mediatic Britain’s best asset, its unique standard-setting proposition to the world.

The aptest thing to do for me to underline this is to quote Sebastian Faulks My View column in yesterday’s Independent:

‚In general, the BBC seems to me rather like the monarchy. You would not, as they say, start from here; but just as, against all modern logic, our hereditary head of state has proved to be the envy of the world, so the BBC is in my view the greatest cultural possession this country now has left.‘

On BBC Radio 4 (whose Today Programme is arguably the most balanced and intelligent, the fastest and cheapest daily national news source for approximately 4 million regular listeners, including me while I am in Britain)

‚Its importance grows daily, as newspapers lose readers and influence. Without Radio 4, the United Kingdom would, I believe, have a collective nervous breakdown. It is our agora, our parish pump, our water cooler; it exerts a defining and centripetal force on our society. Without its binding coherence, we would be left with the atomised Babel of deregulation, Facebook and „on-demand“ streaming, each with our own little headset.‘

On BBC Radio World Service (the most cosmopolitan reliable and balanced, and fastest and cheapest, international news source in the world (not only according to former staff members as the one writing this):

‚if Radio 4 is our greatest present to ourselves, the World Service has been our gift to the world. Without it, those who lived under totalitarian regimes would have lost hope; imprisoned leaders would not have had the strength to carry on; and millions would never have heard factual news reporting or known that there was such a thing as democracy.‘

I cannot but wholeheartedly agree with these judgements, and I’m not reticent at all to add that I am a former staff member who still feels privileged to have learned his trade as a broadcaster at the BBC’s External Services historical Bush House home (which they seem to be definitely leaving now).

Neither do I wish to conceal the one (and a half) „fly in the ointment“ that Sebastian Faulks, critical mind that he is, detects in 21st century news broadcasting: 

‚Journalists ought to be able to be rude and adversarial with politicians when necessary, but for that to be the default tone for every news interview is wearisome and self-defeating.‘

Again, I agree (although that is not really the problem in my part of the world, where journalists are better known for making friends with the powerful, rather than being rude to them…).

‚In more than 30 years of occasional work for it, I have never met a right-winger at the BBC.‘

Well, I do not remember meeting an outspoken radical left-winger either! And I still think, this is what customer service oriented broadcasting news is about: providing the raw material for everybody, of whatever political leaning, to make up his and her’s own mind.

‚it doesn’t follow that a mildly leftish belief prevents you from doing a good day’s work or implants bias in your reporting.‘

…or mildly rightist, or whatever belief, I would add. I am deeply convinced (and personally I am trying all the time) that, in an open society, journalists are able to meet the challenge of delivering news service as reliable and unbiased as possible. The BBC has been showing this consistently.

Elsewhere, for example in Italy, the possibility of an unbiased treatment of news is generally dismissed as hopelessly intractable if not outright impossible, unrealistic, hypocritical, and last not least as a mortal danger for any journalistic career. No wonder  only a minority of Italians regularly follow (not to speak of trust) any news.

Back to Britain, and to The Independent’s columnist’s conclusion, a common sense defence of the BBC against those critics who did not like its Jubilee TV programmes:

‚To extrapolate from one substandard day on the Thames the idea that the BBC is not worth having is more than foolish, more than commercially self-interested and politically naive; it is the self-indulgence of spoiled children, ignorant of the privileges their history has showered on them.‘

Woody Guthrie und das andere Amerika

Nicht alles, was hier steht, schon gar nicht, wenn es am Samstagabend um Mitternacht geschrieben wird, muss mit Faschismus zu tun haben. Tut es aber doch ein bisschen, denn:

This machine kills fascists, an diese Botschaft, in Großbuchstaben auf einen Zettel geschrieben und auf seine Gitarre geklebt, wollte Woody Guthrie glauben. Aber auch wenn man ganz im Gegenteil von der universellen Anziehungskraft der Musik überzeugt ist, also auch davon, dass Musikinstrumente von fascists mindestens so wirkungsvoll politisch „instrumentalisiert“ werden wie von antifascists radicals oder liberals (Begriffe, die auf Englisch bekanntlich nicht dasselbe bedeuten wie in kontinentaleuropäischen Sprachen), so kann man den Hut ziehen vor diesem Ahnvater einer ganzen Generation von amerikanischen Protestsängern, von Bob Dylan bis zu Joan Baez (die ich hier in Cambridge noch vor drei Monaten in Bestform erlebt habe).

Mehr wusste ich nicht von Woody Guthrie – bis zum heutigen Abend. Dieser stand unter dem Motto Woody Guthrie: Hard Times and Hard Travellin‘, im Folk-Pub Golden Hind am anderen Ende con Cambridge, fast eine halbe Radlstunde vom Wolfson College entfernt.

Jetzt weiß ich mehr über diese Symbolfigur eines anderen Amerika. Heuer vor hundert Jahren wurde Woody Guthrie geboren. Seine Liedtexte waren für amerikanische Verhältnisse revolutionär. Insofern passt es bestens, dass er am 14.Juli geboren ist, am gleichen Tag des Jahres wie die französische Revolution. Jemand wird heuer sicher auch am französischen Nationalfeiertag auf der Place de la Bastille Lieder von ihm singen, z.B. This land is your land, die inoffizielle Nationalhymne der sowohl freiheits- als auch friedliebenden Amerikaner.

Einer von ihnen sang diese „Hymne“ am Schluss des Abends unter starkem Beifall. Es war der Referent selbst, Will Kaufman aus dem US-Bundesstaat New Jersey, jetzt Professor für anglo-amerikanische Studien an der University of Central Lancashire im englischen Preston, Autor des Buches Woody Guthrie, American Radical (University of Illinois Press), aber auch mehr als nur Hobby-Musiker. (Gesang, Gitarre, Violine und Mandoline), also ein polymath, ein vielseitig begabter Mensch, wie man sie hier nennt (und in Cambridge besonders oft trifft).

Gekonnt vertont und bebildert Prof. Kaufman live das von Schicksalsschlägen, Weltwirtschaftskrise, Binnenmigration und sozialer Diskrimierung geprägte Leben und die Zeit von Woody Guthrie, dieser nicht nur musikalischen Galionsfigur der früheren, jetzt -leider- wieder sehr aktuell erscheinenden Gesellschafts- und Kapitalismuskritik von amerikanischer Seite.

Pauschalurteile über „die Amerikaner“ sind natürlich genauso grundfalsch wie die über jedes andere Volk. Als jemand, der „amerikanophil“ aufgewachsen ist, und auch bei amerikanischen Bürgerrechtlern und Protestsängern wie Pete Seeger gern hingehört hat, schließe ich mich nach diesem Abend dessen Urteil an: I thank Will Kaufman for introducing a new generation of Europeans to ‚the other America‘.