Faschisten sind immer die anderen

comparative fascist studies on Italy and Germany

Monat: Juli, 2012

Trübt die moralische Dimension den Blick?

In der Nachkriegszeit besonders, aber auch weiterhin, ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in und außerhalb Deutschlands, wie Ian Kershaw beobachtet, unweigerlich von der moralischen Dimension beherrscht, mit unterschiedlichen Zielscheiben und Untertönen, von verallgemeinernd bis verdammend, von verdrängend bis verteidigend. Härter als bei jedem anderen Thema sind hier die Historiker mit dem Dilemma konfrontiert, das sie nicht umhin können, ihren Untersuchungsgegenstand zu verurteilen, ihn aber trotzdem so weit wie möglich sine ira et studio erklären sollen, was ja ihre Hauptberufung sein sollte:

Whereas historians traditionally try to eschew moral judgement (with varying degrees of success) in attempting to reach a sympathetic ‚understanding'(Verstehen) of their subject matter, this is clearly an impossibility in the case of Nazism and Hitler.

Moralische Werturteile trüben den Forscherblick. Oder etwa nicht?

Wenn wir unseren Untersuchungsgegenstand verachten, wie können wir ihn dann jemals so verstehen, dass wir ihn uns und anderen plausibel erklären können?

In dieser Frage steckt wohl die größte Herausforderung bei der Erforschung des Faschismus.

Eine Herausforderung, der sich gewissenhafte Historiker und Politikwissenschaftler zwar auch angesichts anderer Regime zu stellen haben, aber kaum jemals in dieser Härte.

Eine gewaltige Herausforderung, deren Annahme Ian Kershaw und andere offensichtlich reizt, und die sie für wichtig und lohnend halten. Wir auch.

N.B. Wegen einer Reise könnte es sein, dass dieser Blog an den kommenden Tagen nicht wie gewohnt täglich (oder fast) aktualisiert wird. Aber im Laufe der nächsten Woche wird dann hier unter anderem die 100.Eintragung erscheinen.

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Ian Kershaw zur Historisierungsdebatte

Was die Historisierungsdebatte angeht, so urteilt Kershaw im Schlusskapitel seines Buches über Interpretationsprobleme und -perspektiven fast apodiktisch, schreibt von einem Ablenkungsmanöver mit einer Leerformel, die keinerlei fruchtbaren neuen Zugang zum Dritten Reich eröffne, und von einem rein deutschen Ansatz, der irrelevant sei für jene, die die damalige Katastrophe nicht nur als Teil der deutschen, sondern auch der europäischen und der globalen Geschichte ansehen:

„The mooted ‚historicization‘ of National Socialism, however, far from offering fertile new approaches to the Third Reich, is a historiographical red-herring. Quite apart from the evident emptiness of the term itself, ‚historicization‘ represents an approach to the Nazi past which, in contrast to the other approaches analysed in this book, is quite peculiarly German. That is to say, it can have little meaning to those who do not view the Third Reich from some form of German perspective. For those who see the catastrophe of the Third Reich as a part not only of German history, but also of European and world history, whatever meaning might be attached to ‚historicization‘ is either an irrelevance or a distraction.“

In diesem Sinne regen Historiker wie Kershaw dazu an, sich nicht nur in der immer akribischeren Erforschung nationaler oder regionaler Mikrothemen zu erschöpfen und sich und andere damit von wesentlichen Zusammenhängen und Verantwortlichkeiten (auch für die Zukunft) abzulenken.

Beim Fokussieren auf Auschwitz usw. geht es entgegen der landläufigen Ansicht (in unterschiedlichen Ländern und gegensätzlichen ideologischen Lagern) weder darum, „die Deutschen“ zu verteidigen noch umgekehrt sie quasi in ewige Sippenhaft zu nehmen.

„In fact, there is every reason to retain the focus on what was the genuine historical significance of Nazism. Auschwitz is unique so far in history; but there are, unfortunately, no grounds to assume that a collapse of civilization with similar horrifying results could never occur elsewhere, with different victims and perpetrators. That is all the more reason for Auschwitz to serve as a central reference-point not only for German history, but for modern history in general.

The key question (…) inevitably remains, therefore, how such an unprecedented and rapid ‚collapse of civilization‘ could have come about in the highly developed state system of a modern industrial society.“

Für Ian Kershaw spricht also alles dafür, weiterhin besonderes Augenmerk auf die wahre historische Besonderheit des Nationalsozialismus zu richten: Auschwitz sei einmalig, ja, aber nur bisher.

Wir haben leider keinen Grund zur Annahme, dass ein Zivilisationskollaps mit ähnlichen Horror-Ergebnissen sich nie irgendwo anders ereignen könnte, mit anderen Opfern und anderen Tätern. Umso mehr muss uns Auschwitz als zentraler Bezugspunkt nicht nur für die deutsche, sondern für die moderne Geschichte im allgemeinen dienen.

Die Schlüsselfrage zum Nationalsozialismus lautet: „Wie ist ein so unerhörter und so plötzlicher ‚Kollaps der Zivilisation‘ in einem hochentwickelten Staat einer modernen Industriegesellschaft zustandegekommen?“

Kershaw zitiert Dan Diner, einen vehementen Kritiker der Historisierung, mit der Weigerung, Auschwitz anders verstehen zu wollen denn als geradezu „extrahistorisch“: „Auschwitz is a no-man’s-land of understanding, a black box of explanation, a vacuum of extrahistorical significance, which sucks in attempts at historiographic interpretation.“

Für Kershaw hingegen kommt es nicht in Frage, nur mehr diese „option of despairing incomprehensibility“ zu sehen, solches Sich-Abfinden mit verzweifelnder Unverständlichkeit, solche Kapitulation vor der Mystifizierung, solches Anraten der Verzweiflung: „to capitulate to mystification. Such counsels of despair must be resisted. Ways have to be found of tackling the polarized, but actually interlinked, ’normality‘ and genocide.“

Demnach bringt es keinen Erkenntnisgewinn, wenn wir Normalität und Genozid gegeneinander stellen. Wir müssem sie in ihrer ganzheitlichen Verflechtung zu sehen.

Und wo bleibt die Moral? Sie muss einstweilen zurückstehen.

Ian Kershaw über deutsche Zeitgeschichtsschreibung

Bevor er die international höchst geschätzte Hitler-Biographie schrieb, hat sich Ian Kershaw tief in die deutsche Geschichtsschreibung und in die facettenreiche NS-Forschung in West- und Ostdeutschland eingelesen bzw. auf sie eingelassen: Leopold von Ranke, Friedrich Meinecke, Gerhard Ritter, Ernst Nolte, Hannah Ahrendt, Fritz Fischer, Klaus Hildebrand, Andreas Hillgruber, Hans-Ulrich Wehler, Peter Steinbach, Norbert Frei, Karl-Dietrich Bracher, Saul Friedländer und nicht zuletzt mit seinen „Mentoren und intellektuellen Inspiratoren“ Martin Broszat und Hans Mommsen – mit diesen und anderen setzt sich Ian Kershaw unter anderem in dem Buch auseinander, das wir hier zitieren wollen: The Nazi Dictatorship, Problems and Perspectives of Interpretation (Hodder Arnold, London 1993).

Ian Kershaw ist beeindruckt von der Intensität und dem Ernst, mit denen sich seine west- wie ostdeutschen Berufskollegen der „Vergangenheitsbewältigung stellen. Diesen spezifisch deutschen Begriff kann man im sonst so prägnanten Englisch (und erst recht im Italienischen) nicht so kurz fassen; Kershaw umschreibt ihn so: „mastering the Nazi past, coming to grips with and learning from Germany’s recent history„.

Bei aller Hochachtung vor den Aufarbeitungs- und anderen Leistungen der deutschen Historikerzunft fällt dem britischen Auge die eine oder andere Eigenheit zum Teil auch kritisch auf.

Kershaw nutzt das, was man ihm wie anderen englischsprachigen Historikern als Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren kontinentaleuropäischen Kollegen gutschreiben mag, nämlich eine gewisse Distanz zum Untersuchungsgegenstand, unter anderem zu folgenden Anmerkungen:

Er sieht eine immer unüberschaubarere „Fragmentierung“ der NS-Forschung in unzählige Monographien über alle nur denkbaren Aspekte. Da werde es immer schwieriger, auch für GeschichtestudentInnen, sich den notwendigen Überblick zu erarbeiten, und die Einsicht in das, was welthistorisch wesentlich bleibt an jenen Entwicklungen.

Ferner beobachtet Ian Kershaw,Social history, Alltagsgeschichte „von unten“, Wirtschaftsgeschichte usw. seien in der deutschen Geschichtsschreibung erst spät aufgewertet worden, im Vergleich zur herkömmlichen Staats- und Staatengeschichte.

„Unvergleichlich stärker als in jedem anderen Land“ erscheint Ian Kershaw die geschichtswissenschaftliche Tradition in Deutschland vom Historismus und vom philosophischen Idealismus beeinflusst. Diese betone die Einzigartigkeit geschichtlicher Ereignisse und Persönlichkeiten, messe dem Willen und den Absichten im historischen Prozess eine überwältigende Bedeutung bei, und hege kaum Zweifel an der Staatsmacht als Selbstzweck.

Diese Tradition legt laut Kershaw so manchem deutschen Historiker nahe, den Nationalsozialismus im nachhinein als einen einmaligen Super-GAU außerhalb der eigentlichen historischen Kontinuität Deutschlands zu interpretieren, verursacht von einem dämonischen Hitler, quasi neu hereingebrochen über eine an sich „gesunde“ deutsche Geschichte.

Wir fühlen uns hier an italienische Verdrängungsthesen erinnert, wonach der Faschismus in Italien so gut wie nichts mit dem großen nationalgeschichtlichen Kontinuum zu tun habe, sondern quasi in Klammern zu setzen sei, als sei die „richtige“, die offizielle Geschichte dieses Landes nur vorher und nachher abgelaufen…

An den fachlichen bis geschichtsphilosophischen Kontroversen unter deutschen Zeitgeschichtlern (Stichworte Historikerstreit, deutscher Sonderweg, Historisierung, Fischer, Goldhagen usw.) fällt Kershaw der „kompromisslose Schlagabtausch“ auf, was den theoretischen und methodologischen Zugang zur NS-Ära im Besonderen, aber auch zur Geschichtsschreibung im Allgemeinen betrifft. Damit meint er nicht nur die Kluft zwischen marxistisch und liberaldemokratisch geprägten Historikern; auch wie letztere miteinander umgehen, fällt ihm auf:

controversies between historians of different kinds of liberal-democratic persuasion. The politicization of the debate is here more latent than overt. In so far as it comes into the open at all, it is darkly reflected in philosophical disputes about the relevance of present-day social and political values to the historian’s writing, and whether these should be banished in the interests of a ‚value-free‘ and ‚objective‘ history. There is general agreement on the historian’s task of ‚enlightenment‘ in the values of reason, freedom, and ‚emancipation‘, but such a vague commitment to virtue not sin natural leaves room for a multitude of often only semi-concealed ideological positions. And…it also does not prevent the occurrence of slights and slurs as the accompaniment to scholarly controversy.“

Vage Bekenntnisse zu Tugend statt Sünde lassen Raum zu vielfältigen, oft halb versteckten ideologischen Posititionen, und auch zu übler Nachrede als Begleiterscheinung von Gelehrtenstreit, „- damit hat Sir Ian sicher recht. Aber zu seinem letzten Nebensatz erlauben wir Britannien-Besucher uns eine Randbemerkung: auch englischsprachige Historiker scheinen bei Bedarf durchaus zu scharfzüngigen Werturteilen über ihre Berufskollegen gleicher Zunge fähig…

Mit Sir Ian Kershaw zu klaren Fragestellungen

Ob er nicht irgendwann genug habe von Hitler, fragten wir ihn.

„Jetzt“, antwortete Ian Kershaw.

Das war im Juni, als er in einem verregneten Zelt im Dörfchen Hay-on-Wye viele Dutzend Exemplare sein jüngstes Buches „The End“ signierte. (Allan Lane, 2011. Der deutsche Titel lautet „Kampf bis zum Untergang. NS-Deutschland 1944/55“ und ist 2011 bei DVA erschienen).

The best-selling British historian, so wurde er den 1200 (!) anwesenden Bücherwürmern vorgestellt.

Für Verdienste um die deutsche Geschichte ist er bereits 1994 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. 2012 machte ihn die britische Königin Elisabeth II. zu Sir Ian Kershaw. Für Verdienste um die europäische Verständigung erhielt er 2012 zusammen mit Timothy Snyder den Leipziger Buchpreis.

Aber weder die beiden Bände, die Ian Kershaw weltberühmt gemacht haben (Hitler: 1989-1936. Hubris, Hitler 1936-1945. Nemesis, beide W.W. Norton & Co 2000/2001; auf deutsch bei dtv 2002, auf italienisch 2004 bei Bompiani, u.v.a. Sprachen) noch sein obgenanntes jüngstes Werk sind für unsere vergleichende Fragestellung seine passendsten Bücher.

Ergiebiger sind da einige Kapitel aus zwei früheren Titeln: einmal „The Hytler Myth, Image and Reality in the Third Reich (Oxford University Press, 1987/2001; dt. „Der Hitler-Mythos. Das Profil der NS-Herrschaft„, 3.Auflage, dtv, München 2001); und zweitens „The Nazi Dictatorship, Problems and Perspectives of Interpretation (Hodder Arnold, London, 1985/1993 (auch auf dt. verarbeitet zu „Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick“ 3.Auflage, Rowohlt, Hamburg 2002).

Hier unsere Zusammenfassung einiger Grundgedanken aus dem letztgenannten Buch, in dem Ian Kershaw zunächst weit ausholt:

Alle Geschichte ist Zeitgeschichte, meinte Benedetto Croce: Jede Generation schreibt die Geschichte neu; die Perspektiven wechseln ständig. Das gilt besonders für die Betrachtung Hitlerdeutschlands. Kershaw hat da den Sisyphos-Ehrgeiz, zu mehr Klarheit beizutragen („grasping the essence of the Nazi system, there ought to be clarity„:

„The extent of the literature on Nazism is so vast that even experts have difficulty in coping. And it is clear to see that students specializing in modern German history are frequently unable to assimilate the complex historiography of Nazism and to follow interpretational controversies carried out for the most part in the pages of German scholarly journals or in scholarly monographs. My book was written with this in mind…it is an attempt to examine the nature of a number of central problems of interpretation…which confront present-day historians of Nazi Germany.“

Welche zentralen Interpretationsprobleme zum Beispiel?

„whether it can be most satisfactorily viewed

as a form of fascism

as a brand of totalitarianism, or

as a unique product of recent German history.“

Die Vergangenheit erklären ist allen Historikern aufgegeben. Aber bestimmte Vorgänge in NS-Deutschland wirklich verstehen und rational erklären ist eigentlich unmöglich:

The varied approaches to the history of the Third Reich…share a common aim: to offer an adequate explanation of Nazism.

Arguably an adequate explanation of Nazism is an intellectual impossibility.

Nur mit Vernunft sei die NS-Zeit unmöglich zu erklären; da spielt immer Emotionales und Moralisches mit hinein, wegen der -wie sich Kershaw ausdrückt- „Untrennbarkeit“ historischer NS-Forschung von der Notwendigkeit „politischer Bildung“ („...the inseparability of historical research on Nazism from ‚political education‘). Das ist es, was ein rein wissenschaftliches Verstehen von Faschismen so unmöglich macht, das Bemühen um Klarheit aber umso wichtiger; da teilt Kershaw ein latent feeling of some historians that, above all in grasping the essence of the Nazi system, there ought to be clarity.

Der forschende Blick von außen mag periodischen nationalen Historikerstreit klarer, jedenfalls distanzierter sehen als wenn er mittendrin von der Partie wäre. Kershaw sieht drei Dimensionen:

die historisch-philosophische, die politisch-ideologische und die moralische beim Thema Nationalsozialismus exemplarisch ineinander verwoben. Die dritte ist die problematischste:

Is it a matter of condemning a uniquely evil phenomenon which by the nature of its uniqueness can never repeat itself and is gone for ever?

Nein, drängt sich uns da als Antwort auf. Bräuchten wir den Faschismus nur verdammen, als etwas einzigartig aber unwiederholbar Böses, dann hätten wir es leicht. Kershaws zweite Fragestellung ist die grundsätzliche für unsere Auffassung von politischer Bildung:

Is it to draw lessons from this horror of the past about the fragility of modern democracy and the need to maintain a constant guard against the threat to liberal democracy from Right and Left?

Aus der Vergangenheit lernen, wie zerbrechlich moderne Demokratien sein können, und wie wachsam wir immer bleiben müssen gegen alle Bedrohungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und da wird in unserem Zusammenhang hier die dritte Frage, mit der er uns konfrontiert, die zentrale:

Is it to provide strategies for the recognition and prevention of the re-emergence of fascism?

Früherkennungs und Vorbeugungsstrategien gegen ein Wiederauftauchen des Faschismus – wir übernehmen auch diese Fragestellung für unsere Zwecke, weiten die Formulierung aber aus: „gegen ein Auftauchen faschistoider Tendenzen„. Denn uns geht es hier und heute nicht ausschließlich darum, etwas nicht „wieder“ auftauchen zu lassen, was sofort als „altfaschistisch“ identifizierbar ist, also etwas, das sich ausdrücklich von historischen Faschismen herleitet, sondern mindestens genauso um die rechtzeitige Erkennung und Vorbeugung von möglichen faschistoiden Entwicklungen, also solchen, die nicht unbedingt alle, aber einige wesentliche Grundelemente bzw. Gemeinsamkeiten der bekannten Faschismen so zeitgemäß-professionell unter die Leute bringen, dass sie heute oder morgen nicht „wieder“, sondern „völlig neu“ und cool wirkungsvoll sein können, wo in der Welt auch immer.

 

Fascism as seen by most renowned Italian scholar

No other Italian scholar has influenced English-speaking Fascist Studies more than Emilio Gentile. His „elements for a definition of fascism“ include the following ten points:

„1. A mass movement with multiclass membership in which prevail, among the leaders and militants, the middle sectors, in large part new to political activity, organized as a party militia, that bases its identity not on social hierarchy or class origin but on the sense of comradeship, believes itself invested with a mission of national regeneration, considers itself in a state of war against political adversaries and aims at conquering a monopoly of political power by using terror, parliamentary tactics, and deals with leading groups, to create a new regime that destroys parliamentary democracy;

2. an ‚anti-ideological‘ and pragmatic ideology that proclaims itself antimaterialist, anti-individualist, antiliberal, antidemocratic, anti-Marxist, is populist and anti-capitalist in tendency, expresses itself aestetically more than theoretically by means of a new political style and by myths, rites, and symbols as a lay religion designed to acculturate, socialize, and integrate the faith of the masses with the goal of creating a ’new man‘;

3. a culture founded on mystical thought and the tragic and activist sense of life conceived as the manifestation of the will to power, on the myth of youth as arteficer of history, and on the exaltation of the militarization of politics as the model of life and collective activity;

4. a totalitarian conception of the primacy of politics, conceived as an integrating experience to carry out the fusion of the individual and the masses in the organic and mystical unity of the nation as an ethnic and moral community, adopting measures of discrimination and persecution against those considered to be outside this community either as enemies of the regime or members of races considered inferior or otherwise dangerous for the integrity of the nation;

5. a civil ethic founded on total dedication to the national community, on discipline, virility, comradeship, and the warrior spirit;

6. a single state party that has the task of providing for the armed defence of the regime, selecting its directed cadres, and organizing the masses within the state in a process of permanent mobilization of emotion and faith;

7. a police apparatus that prevents, controls, and represses dissidence and opposition, even by using organized terror;

8. a political system organized by a hierarchy of functions named from the top and crowned by the figure of the ‚leader‘, invested with a sacred charisma, who commands, directs, and coordinates the activities of the party and the regime;

9. a corporative organization of the economy that suppresses trade union liberty, broadens the sphere of state intervention, and seeks to achieve, by principles of technocracy and solidarity, the collaboration of the ‚productive sectors‘ under the control of the regime, to achieve its goals of power, yet preserving private property and class divisions;

10. a foreign policy inspired by the myth of national power and greatness, with the goal of imperialist expansion.“

(Source: as quoted by Stanley G. Payne in „Comparative Faschist Studies“ edited by Constantin Iordachi, Routledge 2010, pp.111-112; first published in Italian by Emilio Gentile 1994 in „Fascismo“, Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti, 1979-1992 (V Appendice; Istituto della Enciclopedia Italiana, Roma 1992, p.198)

Italien, das erste Laboratorium des Totalitarismus

Der Begriff des „Totalitarismus“ sei eines der wesentlichen Elemente seiner Faschismusinterpretation, erläutert Emilio Gentile, jener italienische Historiker, der von der einschlägigen angelsächsischen Forschung am meisten geschätzt wird, 2007 in seinem Orientierungsaufsatz zum Faschismus in der Zeitschrift „Mittelweg 36„, dem wir heute folgende Ausschnitte entnehmen:

„Der Faschismus war historisch die einzige Einparteiendiktatur des 20. Jahrhunderts, die sich selbst als totalitäre Staatlichkeit begriff (…)
Der auf den Stalinismus und Nationalsozialismus eingeschränkte Gebrauch des Totalitarismusbegriffs, den wir bei so vielen Politologen und Historikern antreffen (…), hat beinahe vergessen lassen, dass dieser Begriff mit dem Faschismus und aus dem Faschismus entstanden ist (…)

Gefordert wurde die Konzentration aller Macht in den Händen der Partei und des Duce, geplant war die Faschisierung der Gesellschaft durch Kontrolle der Partei über alle Bereiche des öffentlichen Lebens mit dem Ziel einer, wie es Mussolini definierte, „Umgestaltung des Wesens“ der Italiener. Eine neue Rasse von Eroberern und Herrennaturen sollte geschaffen werden (…)

Meine Definition des Faschismus (…) beruht auf einer Analyse der konkreten historischen Wirklichkeit des italienischen Faschismus – gewonnen durch Forschung, Reflexion und durch den Vergleich mit anderen Einparteienherrschaften (…)

Mit dem Wort Totalitarismus“ definiere ich also ein Experiment politischer Herrschaft, verwirklicht von einer revolutionären Bewegung, die in einer militärisch disziplinierten Partei mit einer integralistischen Auffassung von Politik organisiert ist, ein Machtmonopol anstrebt und, sobald sie dieses Monopol mit gesetzlichen oder außergesetzlichen Mitteln erlangt hat, die vorherige Regierungsform zerstört oder umwandelt und einen neuen Staat errichtet, beruhend auf der Herrschaft einer einzigen Partei und mit dem Hauptziel einer Eroberung der Gesellschaft, d.h. der Unterwerfung, Integration undHomogenisierung der Beherrschten gemäß dem Prinzip der vollständigen Politisierung der individuellen wie kollektiven Existenz, die nun im Lichte der Vorstellungen, Mythen und Werte einer Ideologie nationaler Wiedergeburt gesehen wird, sakralisiert in Form einer politischen Religion mit dem Anspruch, Individuum und Masse durch eine anthropologische Revolution zu formen, das menschliche Wesen zu erneuern und einen neuen Menschen zu schaffen, der mit Leib und Seele für die Verwirklichung der revolutionären und imperialistischen Pläne der totalitären Partei kämpft, um eine neue supranationale Ordnung zu errichten.

Am Beginn des totalitären Experiments steht als Gründer und Urheber eine revolutionäre Partei, die ihr Machtmonopol als unaufhebbar betrachtet, die Existenzmöglichkeit anderer Parteien und Ideologien verneint und im Staat ein Mittel zur Verwirklichung ihrer Herrschafts- und Erneuerungspläne sieht. Die grundlegende Voraussetzung des totalitären Regimes ist eine revolutionäre Massenbewegung mit integralistischer Ideologie und dem Ehrgeiz, das staatliche Gewaltmonopol zu erobern. Das totalitäre Regime ist ein politisches System, das auf der Symbiose von Staat und Partei beruht und auf einem Komplex mächtiger Institutionen, beherrscht von den Hauptvertretern einer neuen Befehlsaristokratie, ausgewählt vom Führer der Partei, der mit seiner charismatischen Autorität die gesamte Struktur des Regimes beherrscht. Das totalitäre politische System funktioniert als Labor, in dem man am Experiment einer anthropologischen Revolution arbeitet, an der Erschaffung eines neuen Menschentyps.

Was den Totalitarismus im Sinne dieser Definition charakterisiert, ist seine innere Dynamik, die sich in der Forderung nach einer permanenten Revolutionausdrückt, einer kontinuierlichen Expansion politischer Macht, einer ständigen Intensivierung der Kontrolleüber die Gesellschaft mit stets neuen Eingriffen– die Gesellschaft soll durch ein immer weiteres und engeres Netz der Organisation und Integration ganz der Partei unterworfen werden.

Der totalitäre Staat als politisches Laboratorium ist zum fortwährenden Experimentieren verdammt, um seine anthropologische Revolution in der Gesellschaft zu verwirklichen. Dass ich den Totalitarismus als Experiment definiere und nicht so sehr als Regime, soll die Verbindung zwischen seinen wichtigsten Grundelementen unterstreichen und seinen dynamischen Charakter hervorheben – er ist ein ständiger Prozess und kann an keinem Punkt seiner Verwirklichung als abgeschlossen betrachtet werden.

Der faschistische Totalitarismus war ein Experiment, das sich nach und nach in der politischen Kultur, in den Institutionen und im Lebensstil des faschistischen Regimes verwirklichte, im Zuge einer komplexen Wechselbeziehung zwischen Ideologie, Partei und Regime. Das betraf nicht nur die Innenpolitik, die Institutionen, die Gesellschaft, die Kultur, es beeinflusste auch die Entscheidungen und Ziele der Außenpolitik.

Das totalitäre Experiment des Faschismus verschlang sich in seinen Rhythmen, Zeitabläufen und Methoden mit anderen totalitären Experimenten und endete wie jene in der Katastrophe. Gewiss gelang es dem Faschismus nicht, seine totalitären Wunschvorstellungen zu realisieren. Der Zweite Weltkrieg hielt ihn auf. Es ist daran zu erinnern, dass dieses totalitäre Experiment an der militärischen Niederlage zugrunde ging. Der Faschismus scheiterte nicht am Widerstand der Monarchie oder anderer traditioneller Institutionen, die erst aktiv wurden, nachdem der faschistische Großrat einem politisch bereits dem Untergang geweihten Duce das Vertrauen entzogen und so den Zusammenbruch des Regimes ausgelöst hatte.

Das totalitäre Experiment in Italien, das die faschistische Partei und ihr Führer in Gang brachten, weist zweifelsohne deutliche Unterschiede gegenüber denen des Kommunismus und Nationalsozialismus auf. Sie verringern freilich nicht seine historische Bedeutung für ein Verständnis des totalitären Phänomens im 20. Jahrhundert. Wenn es heißt, der Faschismus habe keinen „perfekten Totalitarismus“ verwirklicht, ist dem Befund sicherlich zuzustimmen.

In keinem totalitären Regime war das Gewaltmonopol rein monolithischen Charakters; nie ist die Eroberung der Gesellschaft vollständig gelungen; niemals hat die anthropologische Revolution den neuen Menschentyp hervorgebracht, der dem phantasierten Modell entsprochen hätte; auch konnte die politische Religion zu keinem Zeitpunkt die gesamte Bevölkerung in eine Gemeinschaft von Gläubigen verwandeln.

Zu konstatieren, dass es historisch kein totalitäres Experiment gegeben hat, das als „vollkommen “ oder „gelungen“ bewertet werden könnte, heißt aber gewiss nicht, der Totalitarismus habe nie existiert. Die totalitären Laboratorien wurden errichtet, und sie haben ihre Arbeit mit dem Ziel aufgenommen, den sozialen Organismus umzuformen und einen neuen Menschen zu erschaffen. Und bei ihren Versuchen haben sie die Existenz von Millionen Menschen berührt, verändert, beschädigt oder ausgelöscht. Es steht außer Zweifel, dass der faschistische Staat eines dieser Laboratorien gewesen ist.“

(Quelle: „Mittelweg 36“, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Heft 1/2007,zitiert gemäß http://www.eurozine.com/articles/2007-03-07-gentile-de.html)

Emilio Gentile präzisiert Faschismusbegriff

„Man hat das 20. Jahrhundert als das der Ideologien definiert, das der Extreme, des Totalitarismus, des Kommunismus, der Demokratie. Auch der Faschismus könnte den Anspruch erheben, das Signet seines Namens der Geschichtsdefinition des gesamten 20. Jahrhunderts aufzuprägen. Wäre es also legitim, das 20. Jahrhundert als das des Faschismus zu bezeichnen? Müssen wir vielleicht einräumen, dass Mussolini recht hatte, als er prophezeite, es werde das Jahrhundert des Faschismus sein?

Prüfen wir die vorgeblich vielgestaltige Universalität des Faschismus. Es mag nützlich sein, ihm die historische Erfahrung des Kommunismus gegenüberzustellen…Der Faschimus hat eine solche Form der Universalität nie gekannt, nicht im ideologischen Sinne und nicht in politischer Hinsicht. Betrachtet man den Faschismus als supranationales Phänomen, so besitzt er keine einheitliche Matrix, keine ideologische Einheit und keine gemeinsame Antriebskraft. Es ist kein Zufall, dass es zwar eine Komintern, aber keine Faschintern gegeben hat.

Auch wenn der Faschismus Jünger und Nachahmer in allen Teilen der Welt fand, auch wenn er den Ehrgeiz hatte, den traditionellen Nationalismus in der Nuova Civiltà des italienischen Fascismo oder in der Neuen Ordnung des Nationalsozialismus aufzuheben, glaube ich nicht, dass man ihn als ein politisches Phänomen fassen kann, zu dem das Bewusstsein universeller Berufung gehört. Die nationalistische oder rassistische Matrix prägt Wesen und Entwicklung des Faschismus entscheidend. Sie ist von einer nach Ursprung und Berufungsbewusstsein genuin internationalistischen Bewegung dem Wesen nach verschieden.

Die Risiken des „generischen Faschismus“

Insofern glaube ich, dass die Erscheinungsform des Faschismus im 20. Jahrhundert, seine historische Wirklichkeit, neu zu umreißen ist. Dies wird besonders deutlich angesichts der Folgen, die der nachgerade inflationäre Gebrauch der Kategorie „generischer Faschismus“ zeitigt. Unter diesem Begriff werden häufig nicht nur die Bewegungen, Regime und Personen zusammengefasst, die sich selbst, in der Zwischenkriegszeit und danach, als faschistisch bezeichnet haben, sondern auch all jene, welche die jeweiligen Autoren gemäß ihrer eigenen Definition als „faschistisch“ betrachten, auch wenn sie sich selbst nicht so bezeichnet oder eine solche Zuordnung bestritten haben. Es ist gar die Rede von Leuten, die Faschisten gewesen seien, ohne es zu wissen, also von einem quasi „objektiven“ Faschismus.

Die theoretischen Untersuchungen zum „generischen Faschismus“ sind in der Forschung zu den politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts ein isolierter Einzelfall geblieben. Jedenfalls sind mir Begriffsprägungen wie generischer Jakobinismus, generischer Liberalismus, generischer Sozialismus oder generischer Bolschewismus nicht bekannt. Vielleicht sollte das Faktum dieses offenbar singulär gebliebenen Ansatzes zu neuerlichem Nachdenken über eine solche Begriffsverwendung bei der Analyse der historischen Wirklichkeit führen? Der Nutzen einer Definition – im ursprünglichen Sinne des Wortes – liegt doch im Begrenzen, im Einschränken und darin, Trennungen vorzunehmen.

Die Definition eines „generischen Faschismus“ lässt demgegenüber die deutlichen historischen Konturen des Faschismus verschwinden. So kommt es zu einem „elastischen“ Faschismus, der sich in Zeit und Raum ständig ausdehnt oder zusammenzieht: Mal umfasst er den ganzen Planeten, dann beschränkt er sich wieder auf einen Teil Europas; mal dehnt er sich über zwei Jahrhunderte aus, vom Jakobinismus und De Maistre bis auf den heutigen Tag, um dann wieder auf die Periode zwischen den Weltkriegen zusammenzuschrumpfen. Diese exzessive Elastizität und die ständig neuen Spezifizierungen, die unausweichlich bei der Anwendung des Begriffs „generischer Faschismus“ eingeführt werden müssen, um den unterschiedlichsten geschichtlichen Erfahrungen Rechnung zu tragen, sollten eine Warnung vor der Ausarbeitung allzu umfassender Theorien des Faschismus sein. Sie riskieren, in Interpretationen zu münden, welche die Komplexität des Faschismus in einer fragwürdigen Eindimensionalität erstarren lassen.

Der Faschismus ist nicht lediglich eine Ideologie

Bei Versuchen, ein allgemeines Modell des Faschismus zu formulieren, hat das sowohl zur Vernachlässigung der organisatorischen Dimensiongeführt, d.h. von Fragen, welche die soziale Zusammensetzung von Bewegung und Partei, ihre organisatorische Strukturierung und den Habitus ihres Auftretens betreffen, als auch zur Vernachlässigung der institutionellen Dimension, das heißt des Komplexes von Institutionen, der die genuine und originelle Struktur des vom Faschismus geschaffenen politischen Systems nach der Machtergreifung ausgemacht hat. Diese beiden Dimensionen sind – zusammen mit der ideologischen– unablösbare Attribute der historischen Wirklichkeit des Faschismus.

Die irrationalistische und mythische Eigenart faschistischer Kultur anzuerkennen heißt nicht, dem Faschismus eine eigene Rationalität abzusprechen, sei es nun in der Kultur oder in dem, was der Faschismus faktisch als Organisation und Institution darstellte. Ohne diese Rationalität, ohne seine Ausformung als Partei und Regime, ohne seine Mutation zur Ideologie eines modernen Staates wäre der Faschismus wohl nur ein marginales Phänomen der politischen Kultur geblieben, begrenzt auf die Lager des intellektuellen Snobismus und des Sektierertums. Der Nexus zwischen Mythos und Organisation, zwischen Irrationalität und Rationalität, ist ein unauflösliches Element des Faschismus, das in allen theoretischen Versuchen als solches mitzubedenken ist.

Dass der italienische Faschismus etwas Neues darstellte, scheint mir unwiderleglich, denn er war
a. die erste nationalistisch-revolutionäre Bewegung, die in einer Parteimiliz organisiert war, kraft derer sie das Gewaltmonopol der Staatsmacht brach und die parlamentarische Demokratie zerstörte, um einen neuen Staat aufzubauen und die Nation zu erneuern,
b.die erste Partei, die das mythische Denken an die Macht brachte und die Sakralisierung des Politischen institutionalisierte, mit den Instrumenten (Dogmen, Mythen, Riten, Symbolen und Geboten) einer politischen Religion, die exklusiv und integralistisch auftrat und als kollektiver Glaube verordnet wurde,
c. das erste politische Regime, das kraft der bereits angeführten Elemente von Beginn an als „totalitär“ definiert wurde, während dieses Prädikat auf dem Weg der Analogie erst nach und nach auch dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus zugeschrieben wurde.

Diese drei Charakteristika sind nach meinem Dafürhalten die Grundelemente einer Definition des italienischen Faschismus und dessen, was an ihm neu war; sie wären auch die Ausgangsbasis für die Konstruktion eines allgemeinen Modells.

 Die grundlegenden Bestandteile der Faschismusinterpretationen bürgerliche Reaktion, moralische Krisis, Ausdruck nationaler Besonderheiten, Revolution des Mittelstandes, totalitäres System – sind allesamt zuerst in Italien während der 20er Jahre aufgetaucht und wurden dann auf andere Bewegungen und Regime mit ähnlichen Zügen angewandt und präziser ausformuliert. Das Gleiche wird sich für den Begriff des Totalitarismus zeigen.“

(Quelle: „Mittelweg 36“, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Heft 1/2007, zitiert gemäß http://www.eurozine.com/articles/2007-03-07-gentile-de.html)

E.Gentile: 10 Elemente einer Faschismus-Definition

Wir beschäftigen uns hier mit englischsprachigen Historikern. Aber Emilio Gentile ist DER italienische Faschismushistoriker, der von seinen angelsächsischen Kollegen weitaus am häufigsten zitiert wird, so gut wie immer mit Hochachtung. Er hat die angelsächsischen fascist studies mehr als jeder andere beeinflusst. Eine Reihe seiner Werke (wir haben sie in der gestrigen Eintragung hier angeführt), besonders jene über den Faschismus als totalitäre Ersatzreligion, gelten der internationalen Fachwelt als z.T. bahnbrechende Bezugspunkte und sind ins Englische, Französische und andere Sprachen übersetzt worden.

Auf deutsch liegt von Emilio Gentile merkwürdigerweise nur sehr wenig vor – und dieses verliert durch doppelte Übersetzung aus dem Italienischen ins Englische und von dort ins Deutsche an Wirkung. Aber man muss froh sein, dass z.B. sein Aufsatz über „Der Faschismus, eine Definition zur Orientierung“ für Mittelweg 36″, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, “ bei „Eurozine“ im Internet zu finden ist. Daraus bringen wir hier seine zehn „Elemente für eine Definition des Faschismus“ (auf die relativierende Kontextualisierung und Interpretation des Faschismus als Totalitarismus müssen wir hier einstweilen verzichten):    

„Die Definition, die ich vorschlage, beruht auf drei in Verbindung zueinander gesetzten Dimensionen: es handelt sich um die organisatorische, die die soziale Zusammensetzung, die Struktur, den Lebensstil und die Kampfmethoden der Partei betrifft, die kulturelle, in der es um das Menschenbild und die Ideen von Masse und Politik geht, sowie schließlich um die institutionelle Dimension, die den Komplex jener Strukturen und Beziehungen meint, aus denen sich das faschistische Regime ergibt.

A. Die organisatorische Dimension

1. eine Massenbewegung mit klassenüberschreitenden Ausmaßen, wo sowohl in den Führungspositionen wie in der Masse der Anhängerschaft hauptsächlich junge Männer des Mittelstandes eine Rolle spielen, die vorher größtenteils nicht politisch engagiert waren, sich nun aber in der neuen, bisher unbekannten Gestalt der „Parteimiliz“ organisieren und ihre Identität nicht über die gesellschaftliche Hierarchie oder die Klassenherkunft bestimmen, sondern durch das Gefühl der Kameradschaft; sie sehen sich als Vollstrecker einer Mission der nationalen Erneuerung, im Kriegszustand mit den politischen Gegnern; sie wollen das Monopol der politischen Macht und setzen Terrormaßnahmen, parlamentarische Taktik und Kompromisse mit den führenden Schichten ein, um eine neue Ordnung zu errichten, welche die parlamentarische Demokratie zerstört.

B. Die kulturelle Dimension

2. eine Kultur, die auf dem mythischen Denken und einer tragisch-archaischen Auffassung vom Leben beruht (das eine Verkörperung des Willens zur Macht sein soll), auf dem Mythos von der Jugend als geschichtsmächtiger Kraft, auf der Militarisierung der Politik als Modell für das ganze Leben und die Organisation der Gesellschaft.

3. eine Ideologie von antiideologischem und pragmatischem Charakter, die sich als antimaterialistisch, antiindividualistisch, antiliberal, antidemokratisch, antimarxistisch proklamiert, tendenziell populistisch und antikapitalistisch, eher ästhetisch als theoretisch formuliert, mit den Mitteln eines neuen politischen Stils und den Mythen, Riten und Symbolen einer Laienreligion, die dazu dient, die Massen kulturell-sozial zu einer geschlossenen Glaubensgemeinschaft zu formen, deren Ziel die Schaffung eines „neuen Menschen“ ist.

4. eine totalitäre Auffassung vom Primat der Politik, die als entscheidende Lebenserfahrung gilt und als ständige Revolution aufgefasst wird; mit ihr soll durch den totalitären Staat die Fusion von Individuum und Masse in der organisch- mystischen Einheit der Nation erreicht werden, die eine ethnische und moralische Gemeinschaft ist, während Maßnahmen der Diskriminierung und Verfolgung gegen alle jene ergriffen werden, die man als außerhalb dieser Gemeinschaft stehend betrachtet, sei es als Feinde des Regimes oder als Angehörige von Rassen, die angeblich minderwertig sind oder zumindest gefährlich für die Integrität der Nation.

5. eine Staatsbürgermoral, die von der absoluten Unterordnung des Bürgers unter den Staat ausgeht, von der totalen Hingabe des Individuums an die Nation, von der Disziplin, der Männlichkeit, der Kameradschaft, dem kriegerischen Geist.

C. Die institutionelle Dimension

6. ein Polizeiapparat, der Dissens und Opposition überwacht, kontrolliert und unterdrückt, auch mit dem Rückgriff auf organisierten Terror.

7. eine Einheitspartei, die die Funktion hat, durch ihre eigene Miliz die bewaffnete Verteidigung des Regimes – eines Komplexes neuer öffentlicher Institutionen, wie ihn die revolutionäre Bewegung geschaffen hat – zu gewährleisten; die neuen Führungskader zu stellen und eine „Befehlsaristokratie“ herauszubilden; die Massen im totalitären Staat zu organisieren und sie in einen erzieherischen Prozess der permanenten gläubig-emotionalen Mobilisierung hineinzuziehen; innerhalb des Regimes als Organ der „fortwährenden Revolution“ die Verwirklichung des Mythos vom totalitären Staat in den Institutionen, in der Gesellschaft, in der Mentalität und in den Sitten voranzutreiben.

8. ein politisches System, das auf der Symbiose von Partei und Staat beruht, durch eine Funktionshierarchie geordnet, die von oben ernannt und von der Figur des „Führers“ überragt wird, dem eine charismatische Sakralität eignet und der die Aktivitäten der Partei, des Regimes und des Staates lenkt und koordiniert sowie als oberster und nicht in Frage zu stellender Schiedsrichter bei den Konflikten zwischen den Potentaten des Regimes auftritt.

9. eine korporative Wirtschaftsorganisation, welche die Gewerkschaftsfreiheit unterdrückt und den Bereich staatlicher Intervention ausdehnt; gemäß technokratischer Prinzipien und orientiert an Solidaritätsidealen sollen Arbeiter und Bauern als unter der Kontrolle des Regimes willig Mitwirkende einbezogen werden, um so die Macht des korporativen Staates zu vergrößern, wobei das Privateigentum und die Teilung der Gesellschaft in Klassen vorausgesetzt bleiben.

10. eine Außenpolitik, die am Erwerb von Macht und der Erlangung nationaler Größe orientiert ist und in eins mit imperialistischer Expansion auf die Schaffung einer neuen Ordnung zielt.“

(Quelle: letzter Teil eines -aus dem Englischen übersetzten- Aufsatzes von Emilio Gentile „Der Faschismus – eine Definition zur Orientierung“ in „Mittelweg 36“ Nr.1/2007, hier zitiert gemäß EUROZINE: http://www.eurozine.com/articles/2007)03-07-gentile-de.html

Emilio Gentile sulla dimensione culturale del fascismo

Emilio Gentile è di gran lunga lo storico italiano più citato e più quotato negli fascist studies di stampo anglosassone. Per questo riportiamo oggi in lingua italiana, dalla sua definizione del fascismo in dieci punti, quella parte che forse ha più influenzato gli esperti del ramo a livello internazionale, quella che riguarda la dimensione culturale del fascismo.

Non conosciamo storico di lingua inglese che, quando scrive di fascismo, non tenga l’opera di questo allievo di Renzo De Felice molto più in considerazione rispetto a quella del maestro, autore della più monumentale e particolareggiata biografia di Mussolini che ci sia (la quale però da più di uno storico di lingua inglese viene giudicata „illeggibile“, e di tendenza troppo „assolutoria“).

Emilio Gentile ha pubblicato, oltre a tanti libri in italiano, una serie di opere in altre lingue, -e qui citiamo solo i titoli inglesi- tra cui The sacralisation of Politics in Fascist Italy, Harvard University Press, 1996; The struggle for modernity: Nationalism, Futurism, and Fascism (Italian and Italian American Studies), Greenwood Pub Group Inc., 2003; Politics as Religion, Princeton University Press, 2006; La Grande Italia: The Myth of the Nation in the Twentieth Century (George L. Mosse Series in Modern European Cultural and Intellectual History), University of Wisconsin Press, 2009; God’s Democracy: American Religion After September 11 (Religion, Politics and Public Life), Praeger Frederick, 2008.

Altrettante opere di Emilio Gentile sono uscite in francese, parecchie in spagnolo ed in altre lingue, quasi nessuna invece in tedesco – a conferma di una tradizione che tende a vedere non solo nell’olocausto, ma in tutto il nazismo una mostruosità asssolutamente unica, che non può avere in comune niente con altri fenomeni, e non permette nessun tipo di paragone.

Gentile invece, diversamente da quasi tutti i colleghi sia di lingua tedesca che di lingua italiana, e come praticamente tutti i fascistologi di lingua inglese, reputa non solo lecita, ma ermeneuticamente illuminante l’indagine comparativa tra fascismi, e la ricerca di una definizione del fascismo che guardi anche oltre l’Italia e la sua esperienza del Ventennio. Ecco la definizione gentiliana della dimensione culturale del fascismo tratta dal suo libricino „Il fascismo in tre capitoli„, ed. Laterza (2004):

Una cultura fondata sul pensiero mitico e sul senso tragico ed attivistico della vita, concepita come manifestazione della volontà di potenza; sul mito della giovinezza come artefice della storia; sulla militarizzazione della politica come modello di vita e di organizzazione collettiva.

Un’ideologia a carattere antiideologico e pragmatico, che si proclama antimaterialista, antiindividualista, antiliberale, antidemocratica, antimarxista, tendenzialmente populista e anticapitalista, espressa esteticamente più che teoricamente, attraverso un nuovo stile politico e attraverso i miti, i riti e i simboli di una religione laica, istituita in funzione del processo di acculturazione, di socializzazione e d‘integrazione fideistica delle masse per la creazione di un „uomo nuovo“.

Una concezione totalitaria del primato della politica, come esperienza integrale e rivoluzione continua, per realizzare, attraverso lo Stato totalitario, la fusione dell’individuo e delle masse nell’unità organica e mistica della nazione, come comunità etnica e morale, adottando misure di discriminazione e di persecuzione contro coloro che sono considerati al di fuori di questa comunità, perché nemici del regime o perché appartenenti a razze considerate inferiori o comunque pericolose per l’integrità della nazione.

Un’etica civile fondata sulla subordinazione assoluta del cittadino allo Stato; sulla dedizione totale dell’individuo alla comunità nazionale; sulla disciplina, la virilità, il cameratismo, lo spirito guerriero. 

Some quotes from S.G. Payne’s „History of Fascism“

Fascism is a form of revolutionary ultranationalism for national rebirth that is based on a primarily vitalist philosophy, is structured on extreme elitism, mass mobilisation and the Führerprinzip, positively values violence as end as well as means and tends to normative war and/or the military virtues.

The Italian fascism was the first significant force to exhibit these characteristics as a new type and was for a long time the most influential.

Generic Fascism is pluralist, diverse and not easily definable in simple terms: It would be inaccurate to reduce all putative fascisms to one single phenomenon of absolute common identity.

Fascism’s goal…was the creation of a new man, a new style of culture that achieved both physical and artistic excellence and that priced courage, daring and the overcoming of previously established limits in the growth of a superior new culture which engaged the whole man.

Fascism was not nihilistic; rather, it rejected many established values- whether of left, right or center – and was willing to engage in acts of wholesale destruction, sometimes involving the most ghastly mass murder, as „creative destructionto usher in a new utopia of its making, just as Communism murdered millions in the name of an egalitarian utopia.

Fascism is one of the major types of revolutionary mass movements since the 1790s. Fascism derived from modern, secular, promethean concepts of the 18th century. These were not anti-enlightenment or anti-1789, but rather by-products of aspects of the enlightenment.

Fascism regretted rationalism, materialism and egalitarianism and replaced it with vitalism, idealism and the metaphysics of the will, all of which are intrinsecally modern.

Fascists strongly reflected a preoccupation with decadence, but they strongly believed it could only be overcome through a revolutionary new culture led by new elites replacing the old elites of liberalism conservatism and the left.

Fascism contained a specific effort to achieve a modern, normally atheistic or agnostic form of transcendance, it encouraged self-assertion and self-transcendence at the same time (Roger Griffin).

Fascism projects a sense of messianic mission, typical of utopian revolutionary movements.

It aims to create a new „civic religion“: a system of all-encompassing myths that would bind together the nation in a new common faith and loyalty: not really a political religion, but rather a post-Christian, post-religious, secular and immanent form of reference, recreating non-rational myth structures for those who had lost or rejected a traditional mythic framework. Fascism was successful only to the extent such a situation existed.

Fascism was a mode of permanent revolution.

Economically, it tended to eliminate the autonomy of large-scale capitalism and major industry, and accelerate economic modernisation.

Violence and struggle are seen as very positive, of a certain positive and therapeutic value in itself: a certain amount of continuing violent struggle, is thought, echoing Sorel and Darwin, necessary for the national health.

Fascism is the most extreme form of modern European nationalism, but not necessarily racist in the Nazi sense, nor even necessarily Anti-Semitic. Fascists are all racists „only“ in the sense of considering blacks or non-Europeans inferior. But all fascists were highly ethnicist as well as extremely nationalist, so they build up and thrive on any potential for feelings of collective superiority.

Fascisms thrive on a novel athmosphere: symbols and various „emoticons“/emotive effects, with great emphasis on meetings, marches, visual symbols, ceremonial rituals. They make politics theatrical, creating a new visual framework for public life, in an increasingly visual age, to be dominated by a visual culture.

Fascists representations of male and female emphasize the dynamic and the muscular, though normally balanced by discipline and self-control. There is an extreme insistence on underlining the masculine principle, in a perpetual fetish of the virility of their movement, continuously pointing to the militarisation of politics and the need for constant struggle (Griffin: flight from the feminine, fearing its softness as uncontrollable) .

Exaltation of youth, of creative leadership, of hierarchy, of subordination: („Führerprinzip“, Il Duce ha sempre ragione“)

The Hitler regime is the most extreme expression of generic fascism and the only completely fascist regime-system. It moved toward the elimination of all pluralism and by its last year of life had nearly achieved that…It realized the inherent tendencies of all fascisms…but it represented only one specific form.

Hitler had an unserving admiration for Mussolini and (more weakly) for fascism. He was convinced that from the March on Rome, fascism and national socialism shared a common destiny. In the process of Europe-wide racial revolution, Hitler soon became convinced that a combination of political characteristics and national interests dictated that Italy would be the most natural immediate ally of National Socialist Germany.

By 1928, the NSDAP was one of several authoritarian nationalist groups being subsidized by the Italian State.

Italian fascism was a more limited and even semipluralist dictatorship in which the party was largely subordinated to the state. The state itself failed to realize its own theoretical aspirations toward totalitarianism (and in practice gave less than total meaning to the term).

While Hitler declared that National Socialism marked a „fascistization“ of Germany (admittedly not his usual terminology), Mussolini applauded the advance of what he eventually termed „German fascism“.

Some Nazis were somewhat critical of Italian fascism: Gregor Strasserconsidered the „Führerprinzip“ to have been pioneered by Mussolini (in a sense that was correct) and resented it as a fascist foreign import. Alfred Rosenberg increasingly deprecated the „racial confusion“ of the fascists, others like Goebbels and Himmler seemed to have the conviction that fascist corporatism was too „capitalist“ or „conservative“.

By 1934, the Italian regime was promoting „universal fascism„, while increasingly dissociating himself from German National Socialism.

(Source: „History of Fascism 1914-45“ by Stanley G.Payne, UCL Press, 1995, esp. pp. 462-470)