Faschisten sind immer die anderen

comparative fascist studies on Italy and Germany

Monat: Mai, 2012

Mussolinis privatestes Staatsgeheimnis

Das Schicksal der Trentinerin Ida Dalser, der ersten Frau des Faschismus-Erfinders Benito Mussolini und seines ersten Sohnes Benito Albino Mussolini wurde bis vor ein paar Jahren totgeschwiegen. Inzwischen dokumentieren vier Bücher, zwei Filme und ein Theaterstück, wie lästig diese beiden ihm so nahe stehenden, unbeugsamen Charaktere seiner „Duce“-Karriere mit der Zeit wurden, und wie grausam er mit ihnen umging: sein Regime ließ sie für „gefährlich verrückt“ erklären, in verschiedene Irrenhäuser stecken und dort langsam zu Grunde gehen – ohne dass Mutter und Sohn und deren Verwandte voneinander hören bzw einander wiedersehen durften.

Ein packendes Lehrstück und Diskussionsanstoß für die alltägliche Unfreiheit, Doppelmoral, Gefühlskälte und Feigheit – sogar gegenüber den engsten Angehörigen, und selbst über ihren Tod hinaus- unter Diktatoren und ihren Steigbügelhaltern. Meiner Erfahrung nach eignet sich so etwas, mit passenden Video-, Ton- und Textausschnitten, Gruppenspielen und Diskussionen  mehr als vieles andere für eine zeitgemäße politische Bildung in Schulen, Medien und Weiterbildungseinrichtungen:

Eine politische Bildung, die die Menschen von heute zum Einstieg auch in ihren Emotionen anspricht, und ihnen nicht mehr nur mit der Staatsbürgerkunde von vorgestern jede Freude an der demokratischen Verantwortung austreibt.   


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Wie sehr Hitler Mussolini bewunderte

Wie tief die Bewunderung Adolf Hitler für Benito Mussolini war, und zwar durchgehend mehr als 20 Jahre lang, das nehmen viele deutschsprachige und noch viel mehr italienischsprachige Menschen noch heute gar nicht bzw. nur ungern wahr. Dabei braucht man nur in „Mein Kampf“ mit Hilfe des Schlagwortverzeichnisses nachschlagen, was da unter den Stichworten „Faschismus“, „Mussolini“ und „Südtirol“ steht. Oder man liest im dtv-dokumente- Band Nr.436 „Reden des Führers“ folgende Ausschnitte (Fettsatz hier hinzugefügt):

S.186ff: Aus der Reichstagsrede vom 18.März 1938

* „Ich habe mich verpflichtet gefühlt, dem mir so persönlich so befreundeten Führer des großen faschistischen Staates in einem Briefe die Gründe meines Handelns klarzulegen…“

*“Ich möchte an dieser Stelle dem großen italienischen Staatsmann namens des deutschen Volkes und in meinem eigenen Namen unseren warmen Dank aussprechen!“

* „Aus einer weltanschaulich und interessenmäßig bedingten Gemeinschaft ist für uns Deutsche eine unlösbare Freundschaft geworden. Das Land und die Grenzen dieses Freundes aber sind für uns unantastbar.“

S. 193ff: Aus der Sportpalast-Rede am 28.September 1938

* „einem weiteren Problem zugewandt, das leichter zu lösen war als andere, weil hier die gemeinsame weltanschauliche Basis die Voraussetzung für ein leichteres gegenseitiges Verständnis bildet…“

* „Gewiss, die Lösung dieses Problems ist nur zum Teil mein Verdienst, zu anderen Teil ist es das Verdienst des seltenen großen Mannes, den das italienische Volk das Glück hat, als seinen Führer besitzen zu können

* „…über Verträge und Bündnisse hinweg zu einem wirklich starken Herzensbund geworden. Es hat sich hier eine Achse gebildet, die durch zwei Völker dargestellt wird, die sich beide weltanschaulich und politisch in einer engen unlösbaren Freundschaft gefunden haben.“

* „Auch hier habe ich einen endgültigen und einmaligen Schritt vollzogen – im Bewusstsein der Verantwortung vor meinen Volksgenossen. Ich habe ein Problem aus der Welt geschafft, das für uns von jetzt ab überhaupt nicht mehr existiert.“

* „Eine einzige Großmacht sehen wir in Europa und einen Mann an ihrer Spitze, die Verständnis besitzen für die Notlage unseres Volkes. es ist, ich darf es wohl aussprechen, mein großer Freund: Benito Mussolini.“

S.231ff: Aus der Reichstagsrede vom 6.Oktober 1939

* „Ich habe im Verein mit dem Duce eine eine Änderung des Verhältnisses des Reiches zu Italien herbeigeführt. Die zwischen den beiden Staaten bestehenden Grenzen sind von beiden Reichen als unabänderliche feierlich anerkannt, jede Möglichkeit von Interessengegensätzen territorialer Art wurde ausgeschaltet.“

S.251ff: Aus der Reichstagsrede vom 19.Juli 1940

* „Ich bin aber umso glücklicher, dass wenigstens der erste Programmpunkt meiner außenpolitischen Zielsetzung verwirklicht werden konnte. Ich danke dies vor allem dem Genius, der heute an der Spitze des italienischen Volkes steht. Denn nur dank seinem säkulären Wirken wurde es möglich, die beiden geistig einander so verwandten Revolutionen zusammenzuführen, um nun am Ende durch das gemeinsam vergossene Blut einen Bund zu besiegeln, der bestimmt ist, Europa ein neues Leben zu erschließen.“

* „Dass ich persönlich die Ehre habe, der Freund dieses Mannes sein zu dürfen, beglückt mich angesichts der Eigenart eines Lebensschicksals, das ebensoviel gemeinsames mit dem meinen aufzuweisen hat wie unsere beiden Revolutionen, ja darüber hinaus sogar die Geschichte der Einigung sowie des Emporstieges unserer beiden Nationen.“

S.302: Aus der Rundfunkrede vom 10.September 1943

* „Das deutsche Reich und ich als sein Führer konnten aber diese Haltung nur einnehmen im Bewusstsein der Tatsache, dass an der Spitze des italienischen Volkes einer der bedeutendsten Männer stand, die die neuere Zeit hervorgebracht hat, der größte Sohn des italienischen Bodens seit dem Zusammenbruch der antiken Welt.“ Seine bedingtungslose Treue gab dem gemeinsamen Bunddie Voraussetzung zum erfolgreichen Bestand. Sein Sturz, die ihm zugefügten ehrlosen Kränkungen werden dereinst von Generationen des italienischen Volkes als tiefste Schmach empfunden werden.“

Churchills Südtirol-Kommentar auf deutsch

Nachdem Winston Churchill seine Schuldigkeit als Kriegspremier getan hatte, haben ihn die Briten erst einmal abgewählt und andere mit dem Aufbau eines Wohlfahrtsstaats betraut. 1953 erhielt er den Nobelpreis für sein Werk „Der II.Weltkrieg“ – natürlich nicht den Friedens-, sondern den Literaturnobelpreis.

Wenn man so einen Wortgewaltigen vom Englischen ins Deutsche übersetzt, geht sehr viel verloren. Trotzdem hat es wohl Sinn, wenn ich im Folgenden auf besonderen Wunsch wenigstens Teile des am 27.7.1939 massenhaft vom Daily Mirror und dann auch weltweit verbreiteten „Südtirol-Kommentars“ von Winston Churchill vom Englisch dieses Nobelpreisträgers frei ins Deutsche zu übersetzen bzw. zusammenzufassen versuche:

Die Wehrmacht werde stetig auf Krieg getrimmt, sei bereits auf zwei Millionen Mann verstärkt, aber Berlin versichere, das seien „reine Verteidigungsvorbereitungen“. Deren einziges Ziel sei wohl „der Schutz des unschuldigen, friedliebenden Nazitums vor einem tödlichen Angriff von Polen, Dänemark, Holland, oder vielleicht vom Großherzogtum Luxemburg“, meint Churchill sarkastisch.

Ein „bedeutsames Signal“ komme nun vom Brennerpass, heißt es unter der Balkenüberschrift: „Hitler verkauft den Pass!“ Hellhöriger als so mancher sieht Churchill Hitlers Südtirol-Politik in einen größeren europäischen Zusammenhang:

„Je mehr über die Vereinbarung der deutschen und italienischen Diktatoren zur Zukunft Tirols durchsickert, desto besser verstehen wir, wie gespannt und schwerwiegend die Lage in Europa ist.“, so Churchill weiter. Wie es aussehe, habe Herr Hitler zugestimmt, die gesamte deutschsprachige Bevölkerung der Provinz Bozen entweder Großdeutschland oder Italien zuzuschlagen – damit ihre tausendjährige Heimat, die Täler und Berge dieser schönen Höhen, von Italienern bevölkert sei.

Mit diesem Schritt „opfert Hitler sein Herzblut“, so interpretiert das Churchill, und betont in Großbuchstaben diese besonders eklatante Widersprüchlichkeit in Hitlers Deutschtümelei:

DIE ENTWURZELUNG EINER DEUTSCHEN LANDBEVÖLKERUNG VON DER SCHOLLE IHRER GEBURT IST DIE TOTALE VERNEINUNG DESSEN, WAS ER ZUM ZENTRALEN SINN SEINES LEBENS ERKLÄRT HAT.

Das steht im frontalen Gegensatz zur intensivsten -abgesehen von der Hetze gegen Juden- Leidenschaft, die ihn angetrieben hat.

Dass er jetzt so weit geht, das zu tun, sollte nun auch einem Einfaltspinsel klarmachen, wie ernst er es meint, und wie entschlossen er ist, weiterzugehen auf dem Weg zur Unterwerfung des ganzen Kontinents.

Zu diesem Churchill-Kommentar über Hitler, Südtirol und Europa hier nur dieses: Nicht alle waren diesbezüglich so hellhörig wie er. Manche sind es noch heute nicht – besser gesagt, schon wieder nicht.  

Holocaust: unvergleichlich, aber wiederholbar

Eine Vergleichbarkeit des italienischen Faschismus mit dem deutschen Nationalsozialismus können wir nur dann glaubwürdig ansprechen, wenn wir vorab das Unvergleichliche ansprechen: den Holocaust. 

Dazu frage ich zuallererst bewusst einen deutschen Historiker, eine unabhängige Autorität auf diesem Forschungsfeld, nämlich den langjährigen Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin Wolfgang Benz, ganz einfach: 

Was war der Holocaust?

Holocaust war die größte Tragödie im 20.Jahrhundert, aber kein Naturereignis, sondern staatlich geplant, industriell vollzogener Mord an sechs Millionen Juden, weil sie Juden waren.

Warum sollten sich Jugendliche im 21. Jahrhundert damit beschäftigen?

Man kann das größte, und herausragende und am meisten beachtete Ereignis des 20.Jahrhunderts nicht unberücksichtigt lassen, weil man auch als Jugendlicher darauf angesprochen ist und dann Antworten haben muss.

Was ist so einzigartig daran? Wir haben doch heutzutage ganz andere Sorgen als uns mit den alten Sachen von damals zu beschäftigen, oder? 

Das sind nicht die alten Sachen von damals, sondern das ist ein weit über dieses Jahrhundert hinaus strahlendes Ereignis, nämlich die kaltblütige Planung und die Durchführung dieser Planung der Ermordung von Menschen auf Grund ihrer Andersartigkeit, als Angehörige einer anderen Kultur, einer anderen Religion. So etwas hat sich seitdem wiederholt, gegenüber anderen Betroffenen. Das kann sich im großen Stile wiederholen. Das wäre dann irgendwann der Untergang der zivilisierten Menschheit. Das sind, glaube ich, Gründe genug, dass man sich damit beschäftigt.

Kann man Begriffe wie Arier und Jude überhaupt ernst nehmen? Was ist ein Jude? Was ist ein Arier?

Den Begriff Jude kann ich ernst nehmen. Denn ein Jude ist ein Mensch, der einer bestimmten kulturellen und damit auch Schicksalsgemeinschaft angehört. „Arier“ ist ein diffuser und inhaltsleerer Gegenbegriff, in der nationalsozialistischen Ideologie angewendet als Kampfbegriff gegen Juden. „Arier“ ist nicht zu definieren. „Arier“, das muss man nicht wissen. Juden gibt es. Und Juden bilden eine Schicksals- und Kulturgemeinschaft.

Aber was haben z.B. nicht religiöse Juden im Yemen gemeinsam mit marxistisch eingestellten Juden in Osteuropa, oder mit angeblich plutokratisch eingestellten Juden an der Wall Street? 

Diese Juden in Amerika, im Yemen, wo auch immer, haben das gemeinsam, dass sie von den Nichtjuden als ein Kollektiv wahrgenommen werden, dem man Feindseligkeit entgegenbringt.

Liegt das letztlich an unserem urmenschlichen Bedürfnis, immer einen Sündenbock, ein Feindbild uns aufzubauen? 

Um sich gegen Sorgen, Alltags-Misshelligkeiten zu wappnen, braucht es die Projektionsfläche, also den Sündenbock. Das funktioniert in jeder Gesellschaft so, in jeder Altersstufe: Die Ausgrenzung bestimmter Menschen stabilisiert das Selbstgefühl derer, die ausgrenzen. Dann hat man Erklärungen und Ursachen und Schuldzuweisungen – und fühlt sich besser.

Die Ausgrenzung anderer stabilisiert unser Selbstgefühl 

Kann also grundsätzlich jede Gruppe sein, müssen also nicht immer die Juden sein. Könnten also was auch die Deutschen, die Südtiroler, oder wer immer sein.

Selbstverständlich…das funktioniert in allen Gesellschaften. Im Augenblick sind es die Muslime, denen der Hass der Mehrheit entgegenschlägt. Das gibt es in Kleingruppen: die Kerle vom Nachbardorf sind die Idioten. Das kann man sich beliebig aussuchen, und sich das Bild von seinen Feinden machen.

(Quelle: Ungekürztes Audio-Interview des Autors mit Wolfgang Benz am 5.2.2012 im Rahmen des Seminars an der Politischen Akademie Tutzing zum Thema „Entgrenzung der Moral – Der Holocaust als europäisches ‚Projekt‘ des Deutschen Reichs“ 3.-5.2.2012)

Churchill’s 1939 comment on Hitler and Tyrol

DAILY MIRROR, 27.Juli 1939, page 15/16:

Mr. Winston Churchill writes today another vital article in his special series to the „Daily Mirror“. Hitler, he says, has taken a step which is „the sacrifice of his very heart’s blood.“ 

HITLER  SELLS  THE  PASS !

The German Army is steadily being placed upon a war footing. A million reservists have been called up, in addition to the normal army of a million men. However, we are assured from Berlin that these preparations are purely defensive.

Their only object is to protect innocent, peaceloving Nazidom from some deadly attack by Poland or Denmark or Holland, or perhaps from the Grand Duchy of Luxembourg.

We must be glad that Ministers and some of their experts now assure us of their confidence that our armed forces and preparations are adequate to our dangers.

A FAR MORE SIGNIFICANT SIGNAL IS MADE TO US FROM THE TYROL.

The more the agreement between the German and Italian Dictators about the future of the Tyrol becomes known, the more we realise how tense and grave is the state of Europe.

It looks as if Herr Hitler has consented to the transfer of the entire German-speaking population of the Province of Bozen either to Greater Germany or elsewhere in Italy – in order that the homelands on which they have dwelt for a thousand years, the valleys and mountains of that beautiful upland, may be populated with Italians.

IN TAKING THIS STEP HE IS SACRIFICING HIS VERY HEART’S BLOOD.

THE UPROOTING OF A GERMANIC PEASANTRY FROM ITS NATIVE SOIL IS A COMPLETE DENIAL OF THE MAIN DECLARED PURPOSE OF HIS LIFE.

It runs counter to the most intense passion, apart from jew-baiting, which has inspired it.

That he should be willing to do this is a proof, which should be plain to the simplest mind, how seriously he regards the situation, and how determined he is to move forward upon the path of Continental domination.

This was the price – the only price that would serve to bind Mussolini to his chariot wheels.

The position of the Italian Dictator has become increasingly precarious.

The association of Italy with Germany has undermined the foundations of Italian national power, and has already deeply affected Italian independence.

Year after year the Italian people have seen tremendous changes to their detriment in the north.

The loss of their influence in Austria, which a few years ago was paramount-

The arrival of powerful German forces at the Brenner pass-

The naked exposure of German ambitions towards Trieste and the Adriatic-

The arrival in Italy in all kinds of key positions of large numbers of German agents-

The ever-growing ascendancy in the Axis of the senior partner-

ALL THIS HAVE BEEN VIEWED BY THE ITALIAN PEOPLE, AND EVEN IN THE HIGHER CIRCLES OF THE FASCIST PARTY, WITH INCREASING DISMAY:

The prospect of being dragged into a war of the most terrible character with France and Great Britain, in which the first brunt would fall upon Italy, is a case of fear and anger throughout the whole of the long and vulnerable peninsula.

To wage a war for mortal stakes against the other two great Mediterranean Powers is indeed a tragic task to set a hard-working and hardpressed population.

The two Western democracies were the chief architects of Italian liberation and Italian unity.

NOTHING IS FURTHER FROM THE WISH OF THE ITALIAN PEOPLE THAN TO BE PLUNGED INTO A PERFECTLY NEEDLESS STRUGGLE FOR LIFE WITH THE FRENCH ARMY AND THE BRITISH NAVY.

* * *

NOT A PLEASANT PROSPECT. NOT AN EASY WAR. NOT A WAR IN TRUE ITALIAN INTEREST.

A WAR IN WHICH DEFEAT SPELLS RUIN AND VICTORY, PERMANENT SUBORDINATION.

Yet this is the war into which Signor Mussolini -in whom even those who dislike his system have thought to see a great Italian and a great patriot- is urging the nation he has led so long and from whom he has received so much!

No wonder he must have something to show in compensation for the injuries which Italy has sustained, and the perils upon which he now seeks to launch her. 

And Hitler has paid the price.

The sharp talons of Nazidom will plunk up the German-speaking peasants and mountaineers from their homes in the land of Andreas Hofer, and plant them peacefully if they will, forcibly if they won’t, upon Italian or German plains.

* * *

The migration or exchange of populations is not in itself a process necessarily to be excluded from efforts to procure European tranquillity.

Where hostile races are hopelessly and equally intermingled, a sorting-out movement may produce good results.

Certainly the exchange of several millions of Turks and Greeks was skilfully accomplished in Thrace and Asia Minor,  and has had the best results in the after-relations of the two countries.

But the population of the Tyrol is preponderantly German-speaking.

And the object in this case is not a peaceful settlement of Europe, but a military and strategic step designed to further the waging of a great war by the two Axis Powers. 

* * *

Alarm is caused to Switzerland by the situation in the Tyrol.

The Swiss ask why all the tourists have been turned out of the Tyrol at forty-eight hours‘ notice, and why all foreign residents are to leave the country as soon as possible. 

It was suggested as an explanation that the German and Italian Dictators did not want the painful scenes, which must accompany the uprooting, to be wittnessed by foreign eyes.

BUT THIS, THOUGH NATURAL, IS HARDLY CONVINCING.

The migration, however roughly done, would certainly take a considerable time, and the swiss wonder whether perhaps the veil is to be so swiftly drawn over the Tyrol, is not intended to cover troop movements of a serious character.

In this part of Europe, as in all countries which border upon Nazidom, the fear of being the victim of a sudden lightning attack by Germany dominates the minds not only of Governments, but of peoples.

Who shall say these fears are groundless while one man, with his Party confederates, his political police and his astrologers, holds the fate of all Europe in his hands?

AND WHO WILL SAY THAT THIS IS THE MOMENT FOR THE BRITISH HOUSE OF COMMONS TO SEPARATE FOR A THREE-MONTH HOLIDAY?

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Das war fast der gesamte lange Kommentar von Winston Churchill,  damals angeblich der bestbezahlte politische Schriftsteller und Zeitungskolumnist der Welt, am 27.Juli 1939 im damals meistverkauften Massenblatt, dem „Daily Mirror“. Ins Internet stellt der heutige „Mirror“ nur eine Kurzfassung: http://www.mirror.co.uk/news/uk-news/winston-churchill-writes-for-the-daily-mirror-416829

Solchen Südtirol-Bezug (von mir fett gesetzt) hier im Churchill Center im gleichnamigen College zu lesen, wo alle seine Papiere aufbewahrt werden und auf Anfrage für Forschungszwecke zugänglich sind, das geht dem „Heimatfernen“ irgendwie mehr unter die Haut als in der Provinz, wo einem der Südtirol-Bezug oft zu eng vorkommt (und wo mir Leopold Steurer solche Kommentare ausgedruckt hatte).

Solche Texte empfehlen sich m.E. besonders jenen betont deutschen oder betont italienischen Patrioten, die Churchills Großbritannien höchstens auf die gleiche Ebene stellen möchten wie Hitlers Deutschland (die einen) oder Mussolinis Italien (die anderen).

Pentecost Sermon und Jesus Green Lido

Am heutigen, paradiesisch schönen Pfingstsonntag oblag es unserem Wolfson College Chor, den feierlichen Universitätsgottesdienst in der University Church of St Mary the Great in der Stadtmitte gegenüber dem King’s College mitzugestalten. Cambridge ist natürlich protestantisch, und d.h. hier anglikanisch, geprägt.

Aber so wie auch die theologische Fakultät hier -sie heißt Divinity, Gottheit- alle Formen des Glaubens an eine solche einbegreift, so hat sich natürlich auch dieser traditionelle Universitätsgottesdienst längst ökumenisiert, oder globalisiert, wenn man so will. Deshalb hielt die Predigt diesmal der katholische Erzbischof und apostolische Nuntius für Ägypten und die Arabische Liga Michael Fitzgerald, einer der maßgeblichen Leute für den interreligiösen Dialog, einschließlich Islam.

Diese Sermons before the University finden seit mehr als 700 Jahren statt; aber eben nicht mehr before der ganzen Universität, sondern nur mehr before einer halbvollen Kirche, und deshalb nur mehr sechsmal im Jahr statt wie früher wöchentlich. Keine Ahnung, woran die Briten inzwischen wirklich noch glauben. An Europa sicher nicht. An ihre Königin sicher schon (die steht ja merkwürdigerweise auch der Church of England vor). An ihre Souveränität und Überlegenheit, jedenfalls im Cricket? Ich vermute, hier glaubt man mehr als anderswo, und alles in allem auch ein Quäntchen erfolgreicher als anderswo, an die Tradition als Wert an sich.

Die Universität Cambridge sieht sich -wie fast alle wichtigen Einrichtungen Großbritanniens- der anglikanischen Staatsreligion verpflichtet. Aber als „Volksreligion“ kann man auch diese etwas erstarrt wirkende Variante des Christentums kaum mehr bezeichnen. Die allermeisten Briten, jedenfalls die hellhäutigen, wirken inzwischen ähnlich „verweltlicht“ wie die meisten Kontinentaleuropäer. Deren Art der radikalen Trennung zwischen Kirche und öffentlicher Hand ist ihnen allerdings fremd. Die Kirche ist eben etwas Altes, und Altes werfen die Briten höchst ungern weg, bevor es nicht ganz kaputt ist…

Bei den Chorproben versteht man als anderssprachiger Neuzugang nicht immer gleich alles, aber wenn man ein bisschen herumhört, dann geht’s bald dahin, zumal wenn wir nichts allzu Altenglisches singen, sondern z.B. die folgende ökumenische Hoffnungs-, Freiheits- und Friedensbotschaft von Christus, in dem sich alle Rassen begegnen, ihre alten Streitereien und Ängste vergessen, so dass sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen, und ihre Speere zu Winzermessern.

Christ is the world’s true Light

Its Captain of Salvation,

The Days are clear and bright

To every man and nation;

New life, new hope awakes,

Where’er men own his sway:

Freedom her bondage breaks,

And night is turned to day.

In Christ all races meet,

Their ancient feuds forgetting,

The whole round world complete,

From sunrise to its setting:

When Christ is throned as Lord,

Men shall forsake their fear,

to ploughshare beat the sword,

To pruning-hook the spear.

*

Dieses Wochenendwetter war so strahlend schön, wie es hier in England nur zweimal im Jahr sei, sagen die „Eingeborenen“. Also radelte ich -nach ein paar Fragen und einem Glasl Wein beim Erzbischof- zum Jesus Green Lido. Das ist das größte, genauer gesagt, das längste Freibad von Großbritannien: 100 Yard, also 94 Meter lang. 1925 gebaut, und so schaut es auch aus: ein bisschen spartanisch, aber passend für die zwei Dutzend Triathlon-Athleten der Universitätsmannschaft, die hier im Februar bei 14 Grad ihre Runden drehten. Einer hat hier schon mal 110 Längen geschafft…

36 Stunden London, Oxford, Reading

Die ganze Woche, eigentlich die ganze Zeit in Cambridge hier ist sehr intensiv, die beiden letzten Tage allerdings ganz besonders, an drei Universitäten in London, in Oxford, in Reading, in mehreren Zügen und vielen Bussen (auch hybriden übrigens, und auch mit WiFi).

Gestern früh am hottest day of the year (so die Schlagzeilen bei über 27 Grad) zum Birkbeck College nach London, zu einem International Workshop: Memory Wars in Italy 1799-2012. Zwei Panels bzw. acht Referate, eingeleitet vom Zeitgeschichtler John Foot vom UCL-Department of Italian Studies und von Lucy Riall, die im Herbst von Birkbeck als Professor zum Europäischen Hochschulinstitut nach Fiesole überwechseln wird. Außerdem Roberta Suzzu Valli, ebenfalls Birkbeck, über Italian identity and British historians und Philip Cooke  von der Strathclyde University über The Resistance as a ’second Risorgimento‘ . Und nicht zuletzt Paolo Pezzino von der Universität Pisa, meine Autorität in Sachen Massacres, Divided Memories and National Identity (Stragi, memorie divise e identità nazionale)

In der Mittagspause Schlangestehen um Käsekrainer und Almdudler und Eiscafé bei einem echten Wiener Würstlstandl in einem strahlend-sonnigen Park in der Nähe der mir auch von der Qualität her vorbildlich erscheinenden (vor allem Abend-)Hochschuleinrichtung Birkbeck College in der Gegend des British Museum mitten in London, zehnmal schöner als die für Euro-Bürger noch dazu sehr teure Oxford Street.

Am Nachmittag Claudia Baldoli aus Newcastle, über The guilt factor: memories of the Second World War bombing in Italy , (am Beispiel von Treviso), Robert Gordon aus Cambridge über Italy’s Holocaust (ihn hatte ich bereits beim Venetian Seminar und bei der Gründung des Cambridge Italian research network kennengelernt) und schließlich Samantha Owen aus Reading: What and who to celebrate? Defining a National Past in the Historical Exhibition at the Italian Centennial of Unification Commemorations (1961, damals in Turin war das ziemlich anders als letztes Jahr zum 150. an vielen Orten Italiens). Mit einem älteren Herrn, der mir in der Diskussion aufgefallen war, habe ich mich länger gut unterhalten, Prof. Adrian Lyttelton von der John Hopkins University in Bologna.

Dieses Seminar war für mich so aufschlussreich, dass ich hier vielleicht irgendwann (aber nicht zu dieser späten Stunde) noch darauf zurückkommen werde. Interessant nicht zuletzt wegen der anderen Art, mit der man (aber auch italienischstämmige frau) in Großbritannien an die italienische Geschichte herangeht, und außerdem eine gute Abrundung zu den vier Seminaren rund um den 150.Geburtstag des Staates Italien, zu denen ich mich 2011 bemüßigt fühlte, zweimal nach Berlin (Humboldt-Universität und Italienisches Kulturinstitut sowie Goetheinstitut u.a., einmal nach Wildbad Kreuth (Hanns-Seidel-Stiftung) und einmal nach Bozen (Eurac) zu fahren, um ein breites Spektrum und den neuesten Stand der Italien-Forschung mitzubekommen.

Vom Birkbeck, also Bloomsbury,  im Stoßzeit-Bus nach Paddington zum Zug nach Oxford, gerade rechtzeitig für ein Guiness und eine erstklassige Menschenrechtsdebatte in der Oxford Union (als Mitglied der Cambridge Union Society darf man auch in diesen studentischen Debattierclub hinein; er ist fast gleich alt wie unserer hier, tut aber ein bisschen vornehmer, hat mehr Geld, und hatte noch mehr spätere britische Premierminister im Vorsitz, als sie noch hier studierten; ihre Büsten schmücken die Debating Chamber). Vorgestern war die frühere finnische Regierungschefin da. Nächste Woche kommt Boris Becker usw.usf.

Die Debatte gewann gestern abend ziemlich überraschend die eher pazifistische opposition gegen die proposition, deren These gelautet hatte: This House Believes Force Can be Justified in Defending Human Rights. Beide Seiten mit ihren je vier RednerInnen haben solide und brillant argumentiert, fand ich. Es lassen sich eben für jede ernstzunehmende Streitfrage ernstzunehmende Antworten finden, wenn man sich wirklich darum bemüht.

In Oxford übernachtete ich in unserem Schwester-College St.Antony’s (dem der bekannte deutsche Soziologieprofessor, FDP-Minister, EU-Kommissar und spätere englische Lord Ralf Dahrendorf eine Zeitlang als Warden vorstand). An der anderen, neueren Oxforder Universität, Brooke’s, hatte ich heute vormittag einen Termin mit Roger Griffin. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Er scheint mir der fruchtbarste und passionierteste vergleichende Faschismustheoretiker unter denen zu sein, die ich bisher gelesen bzw. getroffen habe. Natürlich findet seine Theorie von generic fascism und new consensus hierin eben nicht den Konsens aller seiner Kollegen. Aber Roger Griffin hat einiges ins Rollen gebracht. Wir haben uns zweieinhalb Stunden lang intensiv und ergiebig unterhalten.

Dann fuhr ich weiter zur Universität Reading, die seit langem ein besonderes Interesse für Italien an den Tag legt. Dort hatte ich einen ebenfalls zweieinhalbstündigen und ebenfalls intensiven Gedankenaustausch mit Christopher Duggan, einem „Schüler“ des in Italien sehr bekannten Denis Mack Smith; da auch er sich als Historiker versteht, also nicht als Lobhudler seines Untersuchungsgegenstandes, also z.B. auch italienische Selbstkritik getreulich in seinen Büchern wiedergibt, stoßen auch seine Bücher zur italienischen Geschichte dem einen oder andern italienischen Kommentator wie Galli della Loggia  sauer auf. Quod licet jovi, non licet dem anderssprachigen Beobachter …

Auf dem Rückweg konnte ich bei dem herrlichen Wetter der Versuchung nicht widerstehen, „mein“ London NOCH länger als zur rush hour  eh‘ schon wieder unvermeidlich, also stundenlang, im „Hochsitz“ mehrerer Busse zu durchqueren und durchkreuzen. Sogar in der früher abends total „toten“ City und östlich davon, sowie in einigen früher deprimierenden Vierteln südlich der Themse schien dieses London, multinationaler und äußerlich dynamischer, jünger, besser angezogener, wohlhabender denn je (die Armen können sich das öffentliche Leben und den Transport ins Zentrum schon lange nicht mehr leisten), dieses erste hochsommerliche Wochenende des Olympia- und Queens-Jubeljahres auf allen Plätzen, Park- und Pub-Bänken so zu feiern wie schon lange nichts mehr.

Hitler und die Habenichtse

Hinter diesem zunächst etwas rätselhaften Titel verbirgt sich ein intensives Seminar von Brendan Simms, Prof. für die Geschichte der Internationalen Beziehungen am Department of Politics and International Studies hier in der Nähe. Da ging es um die außenpolitische Seite Hitlers. Diese sei in den vielen bisherigen Biographien eher unterbelichtet worden, meinte der Referent. Er analysiert Hunderte von Hitler-Reden und -Publikationen und versucht, daraus mehr herauszulesen als nur die pathologisch-monothematische Fixiertheit auf Antisemitismus und „Rassenhygiene“, z.B. die letztlich, wie Simms meint, eher antiwestliche als antiöstliche Stoßrichtung des deutschen und anderer Habenichtse gegen die „Plutokraten“ und „Parasiten“ an der Wall Street usw. Brendan Simms geht auch weiteren „strategischen“ Konstanten in Hitlers außen- und sicherheitspolitischem „Hammer- oder Amboss“- Denken nach, z.B. der Vorstellung von neuem „Lebensraum“ im Osten – während die Rückgewinnung zweisprachigen Lebensraums im Süden des deutschen Sprachraums (Südtirol), die einem gebürtigen Österreicher wohl viel vorrangiger hätte erscheinen können.

Passend dazu hatte ich mir für den Abend zum ersten Mal seit vielen Wochen den kleinen TV-Raum vorgemerkt. Denn BBC 2 brachte eine Dokumentation, die an fünf Beispielen zeigte, wie und wo die Kinder und Enkelkinder von Nazi-Größen mit diesem „Erbe“ fertig werden. Diese Nachkommen von Himmler, Franks, Göring usw. schienen mir immer noch stark gezeichnet von ihrem Familiennamen, und von allem, was damit zusammenhängt. Geht ja wohl kaum anders, bei halbwegs sensiblen und intelligenten Menschen – auch ohne „Sippenhaft“.

Heute fahre ich zuerst nach London zu einer Tagung über die Geschichte Italiens am Birkbeck College, und dann weiter nach Oxford und Reading, wovon ich mir dann wieder ein paar Notizen in dieses Tagebuch hineinschreiben werde.

Kleinbritannien und der Menschenrechtsgerichtshof

Kleinbritannien wird nicht nur nie den Euro übernehmen, nicht nur nie vorbehaltlos zur Charta der Rechte der EU-Bürger stehen (zu diesem historisch einmaligen, kostbaren Einigung von 27 Staaten auf die Kodifizierung eines gemeinsamen Wertekanon-Kompromisses).

Nein, Kleinbritannien wird auch eher früher als später die Kernzone der EU verlassen – und das wird für die verbliebenen EU-Staaten nicht tragisch sein.

Ich kann mich täuschen, und das wäre mir sehr recht, aber dieser Eindruck verfestigt sich, wenn man die heutigen Titelblätter (!) der drei meistverkauften englischen Zeitungen The Sun, Daily Mail und Daily Express liest: Wutausbruch um Wutausbruch gegen den Menschengerichtshof in Straßburg. Warum? Weil europäische Richter gestern bekräftigt haben, dass man auch Häftlingen nicht so ohne weiteres das Wahlrecht aberkennen könne. Davon brauchen sich eigentlich nicht in erster Linie  Staaten wie Großbritannien angesprochen fühlen, kommt mir vor, sondern eher andere mit weniger glorreichen rechtsstaatlichen Traditionen, Russland und seine ehemaligen Satellitenstaaten z.B. Im konkreten Fall ging es übrigens um einen italienischen Staatsbürger.

Aber der britische jingoism kommt hier speziell bei bildungsfernen Schichten immer noch gut an, nicht nur wenn es um irgendeine Fußball – battle of britain geht, z.B. gegen die krauts wie beim Sieg von Celsea gegen Bayern München vor ein paar Tagen. So schaut eben die echte Welt jenseits der Universitätsmauern von Oxbridge auf, bestätigt mir -innerhalb dieser Mauern- einer, der es wissen muss: Bob Satchwell, langjähriger Enthüllungsjournalist, Chefredakteur und jetzt Chef des britischen Verlegerverbandes.

Und so ziehen gleich drei englische tabloids am selben Tag in ihrem Titelaufmacher in einer Weise gegen den Menschenrechtsgerichtshof zu Felde, als sei es nicht gerade Großbritannien gewesen, das solche überstaatliche Rechtsinstanzen zu Gunsten der Würde des Einzelnen maßgeblich mitgeprägt habe: das sei ein „ausländische Mickey Mouse“- Gericht. „Wie ein Betrunkener, der nicht mehr gerade gehen kann“, so hetzen die drei Blätter unisono gegen dieses „Euro“-Urteil eines „extraterritorialen“ Gerichts, „das von niemandem gewählt worden ist und von niemandem zur Rechenschaft gezogen werden kann“, das „über unser Parlament hinweg“  das so ein „perverses Urteil“ fällt, wonach „Mörder, Pädophile usw. unbedingt wählen dürfen müssen“. Das sei eine „Demütigung unserer Demokratie“, die  sich die Briten nicht mehr bieten lassen könnten, „da steht unser Status als souveräne Nation auf dem Spiel“. Fazit: ‚Raus aus diesem Straßburger „Kartenhausgericht“! 

Der Strassburger Menschgerichtshof hat natürlich nichts mit der EU zu tun, sondern mit dem größeren Europarat, aber er ist eben auch „europäisch“, also „ausländisch“, und das mag man halt nicht so in Kleinbritannien…

 

 

Sonne, Newnham, Seminar

Heute ist es urplötzlich heiß geworden, very hot sagt man auf den britischen Inseln ja schon bei Temperaturen über 22 Grad, und das hatten wir heute bald, zumal es auch noch der zweite fast durchgehend sonnige Tag seit einem Monat war. Umso schöner sah das vornehmlich weibliche Nachbar-College Newnham aus, speziell seine ausgedehnten Garten – bzw. Parkflächen, die man von außen gar nicht sieht. Jahrelang bin ich daran vorbeigegangen; heute hatte ich zum ersten Mal drinnen zu tun:

Zweieinhalb Stunden angenehmer Austausch mit B.G, der Person, die sich wohl wie keine andere hier auf englisch, deutsch und italienisch mit Vergleichen zwischen Faschismus und Nationalsozialismus auskennt. Essen in der lichten Fellows Buttery. und dann im gemütlich-stilvollen Middle Combination Room, während die meisten StudentInnen sich an so einem Tag natürlich draußen auf dem Rasen und auf den Bänken verstreuten. Inzwischen nimmt das College schon auch einige männliche Stundenten auf, aber, nein ich sollte schreiben: und, es wirkt weiterhin (noch) adretter und gepflegter als alle anderen, die wie ich hier gesehen habe, und das sind inzwischen schon einige.

Bei uns im Wolfson College am Abend, vor dem alljährlichen Music & Madeira Event, eine Formal Hall „with a difference“ (nämlich mit einem Bariton & Piano-Konzert, zum Dessert, in der Lee Hall -) gab es ein öffentlich zugängliches Press Fellows Seminar zu bestreiten: 

Dabei ging es um die hier in Großbritannien in den letzten Wochen wie schon im Vorjahr heiß diskutierten Fragen nach den Methoden und der Macht der Medien, genauer gesagt des Murdoch-Imperiums, nach ihrer Ethik (?) sowie nach der Transparenz ihrer Beziehungen zur Politik, und nach der Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit rechtlicher Neuregelungen auf diesen und ähnlich heiklen Gebieten.

Als besonders heikel wurde die z.T. intim anmutende Nähe bestimmter JournalistInnen zu mehreren britischen Premierministern und anderen Regierungsmitgliedern der letzten Jahrzehnte empfunden. Krasse Verletzungen der Privatsphäre einzelner BürgerInnen durch Telefonabhörpraktiken von Skandalblättern verzeiht man hier auch Jahre danach keineswegs. Wenn hingegen Justiz, Polizei und Geheimdienste mithören, macht das dem britischen Phlegma anscheinend weniger aus als dem deutschen oder italienischen Naturell.

Jedenfalls ist die News of the World, früher die meistverkaufte Sonntagszeitung der Welt, quasi an diesen ihren Skandalgeschichten gestorben, genauer gesagt von ihrem  australischen Eigentümer Rupert Murdoch , dem mächtigsten Medienmagnaten der Welt, (u.a. Sky-TV, Sun, Sunday Times, Times, New York Post usw.) stante pede durch die Sun on Sunday ersetzt worden. (vglch. Eintrag vom 11.Mai).

Wolfson’s Vizepräsident John Naughton hatte die Fragestellung so formuliert:

Phone-hacking, media ethics and the Leveson Inquiry: an International perspective

Britain is transfixed by the phone-hacking scandal and the Leveson Inquiry into culture, practice and the ethics of the press. But what does the rest of the world think about all this? We have three Press Fellows from different continents this term, and we’ve asked them to report on how this very British story is regarded in their home territories.

Meine Antwort darauf begann ich mit den Worten: Europe could’nt care less. Die europäischen DurchschnittsbürgerInnen haben zur Zeit offensichtlich genügend andere Probleme am Hals, als dass sie sich über die britische Spielart des Telefonabhörens oder einer osmotisch-inzestuösen Beziehung zwischen Medien und Politik empören oder auch nur wundern könnten.

Südlich des Brenners allerdings würde man sich sicher wundern, was für ein schweres Vergehen  im englischen Rechtsraum die „Missachtung des Gerichts“ ist, und was für strenge Strafen eine solche contempt of court nach sich zieht.

In Italien hingegen, diesen Eindruck konnte man jedenfalls in den letzten 20 Jahren gewinnen, kommt man damit, dass man den Ermittlern und den Richtern ungestraft alles Mögliche an den Kopf wirft, nicht ins Kittchen, sondern…ganz groß ‚raus.